Auf die Wiener schimpfen

3. Dezember 2015, 15:00
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Labsal für den Stadtbewohner oder Zeitverschwendung

foto: imago / mcpwod

Pro
von Sigi Lützow

Während die Wienerin kaum hart beschimpft wird, ja nicht selten sogar Verklärung erfährt (süßes Wiener Mädel!), wird der Wiener mit abnehmender Entfernung zu seiner Behausung immer kritischer gesehen. In Nebraska kommt er bei gleicher Unkenntnis besser weg als zum Beispiel der Irkutsker, wobei die Schönheit der Wienerstadt, wenn die denn geläufig ist, ein noch milderes Licht auf ihren Bewohner wirft. Weiter östlich Richtung Scheibbs weiß etwa der Hamburger schon zu sagen, dass der Wiener zwar eine lustige Haut, aber wohl ein wenig nachlässig, also schlampert ist.

Und so gewinnt die üble Nachrede mit jedem Kilometer Annäherung an Kraft, bis hinein ins damische Zwerndorf selbst, diesen Wasserkopf, wo es Wiener sind, die dem Wiener erst so richtig die Meinung geigen. Alles, was außerhalb der Stadtgrenzen über ihn gesagt wird, ist vergleichsweise ein duftiger Kleinvogelwind und also fast Labsal für den Weltstadtbewohner. Der hält es frei mit Caligula, dem wienerischsten aller Cäsaren: "Mögen sie auf mich schimpfen, wenn sie mich nur beneiden."

Kontra
von Christoph Winder

Nebst dem Schaffa (= Arbeiten), Speara (= Sparen), Hüsleboua (= Hausbau) und Kässpätzleeassa ist das Wienerschimpfen der beliebteste Vorarlberger Volkssport. Betrieben wird er praktisch rund um die Uhr. Wenn der Vorarlberger Senner sennt, schimpft er auf die Wiener, wenn der Vorarlberger Käser käst, schimpft er auf die Wiener usf. Dies aus Sicht des Vorarlbergers ganz zu Recht, erscheint ihm doch der Wiener als der Protagonist einer abscheulich frivolen Lebensführung schlechthin.

Nix schaffa. Nix speara. Der Wiener schlampt sich lustlos durch seinen Arbeitstag, und seine Lebensgeister erwachen erst, wenn er am Abend beim Heurigen das fünfte Viertel intus hat und sich an allerlei perversen Dickmachern wie Grammelschmalz und Bradlfettn labt (Kässpätzle gibt's beim Heurigen nie). Das Wienerschimpfen ist sachlich gut begründet, allein von hier aus dennoch ein Ruf zur Mäßigung: Die Zeit, die fürs Wienerschimpfen draufgeht, könnte man fürs Schaffa und Speara viel profitabler verwenden. Bitte darüber einmal nachzudenken, werte Landsleute. (RONDO, 4.12.2015)

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