Die Mata Hari des Kirchenstaats

2. Dezember 2015, 05:30
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Francesca Immacolata Chaouqui, angeklagt im Vatileaks-2-Prozess, soll nicht nur vatikanische Geheimnisse verraten haben

Der Prozess wegen Geheimnisverrats wurde vorerst vertagt, doch das hinderte die beiden Hauptangeklagten nicht, in der Öffentlichkeit ausgiebig Dreckwäsche zu waschen. So behauptet der spanische Monsignore Lucio Ángel Vallejo Balda in einem "Memorandum", das auf wundersame Weise den Weg aus seiner vatikanischen Zelle zur Zeitung La Repubblica fand, dass seine mutmaßliche Komplizin Francesca Immacolata Chaouqui regelmäßige Teilnehmerin an Silvio Berlusconis berüchtigten Partys gewesen sei.

In den umfangreichen Ermittlungsakten zu den Sexorgien des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten taucht ihr Name freilich nie auf – aber Kontakte zur Familie Berlusconi hatte die heute 33-jährige Juristin und PR-Fachfrau sehr wohl: Wie der Corriere della Sera berichtete, ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen sie und ihren Ehemann Corrado Lanino wegen Erpressung. Sie habe den Gebrüdern Silvio und Paolo Berlusconi 2013 gedroht, sie werde mit ihrer einflussreichen Position im Vatikan dafür sorgen, dass einem italienischen Rechtshilfegesuch gegen den Expremier stattgegeben werde, falls ihre Forderungen nicht erfüllt würden.

Dieselbe Zeitung schreibt auch, Chaouqui habe von Paolo Berlusconi mit Nachdruck die Entlassung eines Journalisten verlangt, der in dessen Wochenzeitschrift Panorama einen wenig schmeichelhaften Artikel über sie geschrieben hatte. Unter dem Titel Eine Sexbombe bringt den Vatikan in Verlegenheit hatte der Vatikan-Experte Chaouquis erstaunlichen Weg aus ihrem bescheidenen Elternhaus in Kalabrien bis in die von Papst Franziskus eingesetzte Untersuchungskommission für die Vatikanfinanzen (Cosea) nachgezeichnet.

Freizügige Fotos

Angereichert war der Bericht mit freizügigen Fotos der jungen Vatikan-Mitarbeiterin und pikanten Zitaten aus ihren Facebook- und Twitter-Profilen.

Der mutmaßliche Erpressungsversuch gegen die Berlusconis ist nicht die einzige neue Wendung in der Vatileaks-2-Affäre. In seinem "Memorandum" beschreibt Monsignore Balda die mitangeklagte Chaouqui als eine Art "Mata Hari des päpstlichen Hofes": Sie habe ihm anvertraut, dass sie für den italienischen Geheimdienst als Spionin arbeite; außerdem sei sie mit dem ultrakonservativen, sehr einflussreichen Geheimorden Opus Dei verbandelt.

Zum Schluss gesteht der spanische Kurienprälat zerknirscht, was die Spatzen von den Dächern pfeifen: Ja, er habe mit der jungen Frau eine Affäre gehabt, "und ich schäme mich dafür".

Und Chaouqui? Die ehemalige Vatikan-Mitarbeiterin gibt fast täglich Interviews und bestreitet wortreich alles. Als besonders infam empfinde sie die Unterstellung, sie habe mit dem 54-jährigen Balda Sex gehabt: "Balda hätte, so wie er veranlagt ist, keinerlei Freude daran, mit mir ins Bett zu steigen. Und ich wiederum kenne Milliardäre und Emire. Wenn ich meinen Mann betrügen wollte, dann würde ich das nicht mit einem alten Priester tun, dem Frauen nicht gefallen."

Der Papst räumte am Montag ein, es sei wohl "ein Fehler" gewesen, Chaouqui und Balda bei der Cosea anzustellen. Selten hat ein Papst so untertrieben. "Aber", fügte Franziskus an, "sie ist ja Gott sei Dank nicht Lucrezia Borgia" – ein wohl ironisch gemeinter Hinweis auf die Renaissancefürstin und uneheliche Tochter Papst Alexanders VI. aus jenem Clan, der wie wenige andere für Machtgier und Korruption steht.

Chaouqui und Balda wird vorgeworfen, vertrauliche Dokumente an die ebenfalls angeklagten Journalisten Emiliano Fittipaldi und Gianluigi Nuzzi weitergegeben zu haben. Beide Autoren haben inzwischen Bestseller über Skandale im Vatikan geschrieben. (Dominik Straub aus Rom, 2.12.2015)

  • Die Journalisten Gianluigi Nuzzi und Emiliano Fittipaldi sowie die ehemalige PR-Beraterin Francesca Chaouqui und Monsignore Lucio Ángel Vallejo Balda auf der Anklagebank (v. li.).
    foto: ap/osservatore romano

    Die Journalisten Gianluigi Nuzzi und Emiliano Fittipaldi sowie die ehemalige PR-Beraterin Francesca Chaouqui und Monsignore Lucio Ángel Vallejo Balda auf der Anklagebank (v. li.).

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