Nashörner aus dem Reagenzglas für den Artenschutz

1. Dezember 2015, 10:59
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Von Nashorn-Kuh Kifaru sollen Eizellen zur künstlichen Befruchtung entnommen werden – Erster Schritt im Zoo Salzburg gelungen

Salzburg – Ein europaweites Artenschutzprojekt, an dem sich auch der Zoo Salzburg beteiligt, soll afrikanische Breitmaulnashörner vor dem Aussterben bewahren. Ziel ist es, Eizellen zu gewinnen und diese im Reagenzglas zu befruchten. Die 33-jährige Nashorn-Kuh Kifaru des Salzburger Zoos wurde am Montag in Narkose versetzt, um Eizellen zu entnehmen. Das ist zwar noch nicht gelungen, eine Punktion wurde aber erfolgreich durchgeführt.

Die In-Vitro-Fertilisation (IVF) steckt bei Nashörnern noch in den "Kinderschuhen". Zum ersten Mal wird diese Methode nun bei Breitmaulnashörnern (Ceratotherium simum) ausprobiert. Die ersten Schritte dazu wurden nun im Zoo Salzburg umgesetzt. "Wir haben Ei-Bläschen punktiert, konnten allerdings noch keine Eizellen ablösen", schilderte Frank Göritz, der Mitglied eines Teams aus Reproduktionsspezialisten des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) ist. "Das Novum von heute ist: Wir konnten das erste Mal an einem lebenden Breitmaulnashorn Follikel punktieren." Auch Göritz' Kollege Thomas Hildebrandt zeigte sich zuversichtlich: "Wir sind jetzt einen großen Schritt vorangekommen."

Anhand von neu entwickelten Spezialgeräten gelang es dem Team, bei dem Südlichen Breitmaulnashorn Kifaru einzelne Follikel an Eierstöcken aufzufinden, zu punktieren und den Inhalt abzusaugen. Dabei konnten sogenannte Granulosa-Zellen gewonnen werden, die für die Reifung von Eizellen notwendig sind. Diese werden nun in ein Labor nach Italien geschickt.

Hormontherapie für Kifaru

Damit nicht nur die technischen, sondern auch die physiologischen Voraussetzungen für die künstliche Befruchtung gegeben sind, erhält Kifaru in den nächsten Wochen eine Hormontherapie. "Die Ovarien von Kifaru schlafen seit 29 Jahren. Diese werden jetzt mit der Phyto-Therapie, mit pflanzlichen Hormonen, stimuliert. Wir müssen die Ovarien wachküssen", skizzierte Henning Wiesner, Vorstand der Akademie für Zoo- und Wildtierschutz e. V., die weitere Vorgehensweise.

Anfang nächstes Jahres wird im Zoo Salzburg ein neuer Versuch der Eizellen-Entnahme bei Kifaru gestartet. Die entnommenen Eizellen sollen dann in einem Speziallabor in Italien im Brutschrank gereift und, wenn möglich, mit Spermien vom Salzburger Nashorn-Bullen Athos befruchtet werden. "Der Schutz und der Erhalt von Nashörnern ist uns ein großes Anliegen. In diesem Jahr konnten wir uns über zweifachen Nachwuchs bei unseren Breitmaulnashörnern freuen," sagte Salzburgs Zoo-Geschäftsführerin Sabine Grebner.

Bei dem Projekt sollen neue Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie Eizellen von bereits unfruchtbaren Tieren wie Kifaru im Labor im Reagenzglas mit Sperma befruchtet werden können. Die Spezialisten haben zwei wesentliche Aspekte im Fokus. "Wir wollen Kifaru helfen, sich noch zu vermehren. So können ihre Gene erhalten bleiben", sagte Hildebrandt. Die zwei anderen Nashorn-Kühe im Salzburger Zoo, die heuer jeweils ein Jungtier geboren haben, könnten die Rolle von Leihmüttern übernehmen. Zweitens soll erforscht werden, wie die neue Technologie bei Breitmaul-Nashörnern funktioniert.

Erfolg bei Spitzmaul-Nashörnern

Im Jahr 2006 ist es Thomas Hildebrandt, Frank Göritz und Robert Hermes vom IZW erstmals gelungen, Eizellen eines Spitzmaul-Nashorns in einem Reagenzglas zu befruchten. Allerdings teilten sich die Eizellen dann nicht mehr weiter. Bei größeren Nashornarten wie bei Breitmaulnashörnern gestaltet sich eine In-Vitro-Fertilisation anatomisch noch schwieriger. Die künstliche Befruchtung gilt unter Experten aber als wahrscheinlich einzige Möglichkeit, Nashörner vor dem Aussterben zu bewahren und die genetische Vielfalt der einzelnen Arten zu erhalten.

Das Überleben der fünf Nashornarten in freier Wildbahn ist in Gefahr: Informationen des Zoos Salzburg zufolge lebten Anfang des 20. Jahrhunderts noch rund 500.000 Tiere in Afrika und Asien in freier Wildbahn. Heute ist ihr Bestand auf rund 29.000 Tiere geschrumpft. Durch die illegale Wilderei sind Nashörner sind von Ausrottung bedroht. Weltweit gibt es nur mehr rund 20.400 Südliche Breitmaulnashörner und gar nur mehr drei lebende Nördliche Breitmaulnashörner – diese leben in einem Schutzreservoir in Kenia.

An dem Projekt "Nashörner aus dem Reagenzglas" beteiligen sich neben dem IZW auch noch eine Wissenschaftlerin aus England und Spezialisten aus dem tschechischem Zoo Dvur Kralove sowie Vertreter der Münchner Akademie zum Zoo- und Wildtierschutz. (APA, red, 1.12.2015)

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