Die Klimasünder auf den Logenplätzen

30. November 2015, 18:21
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Die Klimakonferenz hat mit Appellen der Staats- und Regierungschef begonnen. Vor und hinter den Kulissen gibt es aber auch Bremser

Zur Begrüßung der mehr als 20.000 Konferenzbesucher gibt es einen Engel. Was die Frau mit Flügeln und Oxford-Akzent den vorbeihastenden Delegierten, Umweltaktivisten und Journalisten nachruft, beschreibt allerdings eher die Klimahölle auf Erden, während die sechs übrigen Engelinnen Slogans hochhalten wie "Kohle killt".

Immerhin ist die logistische Apokalypse im Großraum Paris ausgeblieben: Trotz nationalen Ausnahmezustands infolge der jüngsten Terroranschläge, trotz massiver Militär- und Polizeipräsenz gibt es kein Verkehrschaos. Die acht Spuren der Autobahn A1 zwischen Flughafen und Stadtzentrum, die sonst ein berüchtigter Stauort sind, bleiben am Montag gähnend leer, wenn nicht gerade eine Delegation auf dem Weg zur Klimakonferenz mit Blaulichteskorte vorbeirast.

Naturwiese zum Anlass

Sehr gesittet beginnt auch das Leben auf dem Konferenzgelände, eigentlich einer Stadt am Rande der Hauptstadt, angesiedelt auf dem Flugfeld von Le Bourget, wo die Luftfahrtmesse im Sommer noch tonnenweise CO2 in die Atmosphäre gejagt hatte. Zum grünen Anlass schmückt jetzt alle zwanzig Meter ein Quadratmeter Naturwiese, vertikal aufgehängt, die Fußgängerzone zwischen den Hangars.

In der Halle 2 sind die besten, weil gegenüber dem Medienzentrum liegenden Standplätze für die Klimasünder reserviert. Nummer eins sind natürlich die USA. Ein Amerikaner erklärt anhand einer interaktiven Globuskugel den "climate change". Doch warum lehnt sein Land ein verbindliches Abkommen ab? "Ich bin Meteorologe, mache keine politischen Aussagen", wehrt Tom mit erhobenen Händen ab. Allerdings ist er überzeugt, dass die COP21, wie die Konferenz in Kurzform heißt, das Ziel einer Zweigradobergrenze einhalten wird: "Wir sind optimistisch."

Optimismus aus China

Der Standplatz dahinter gehört China. Molly, Journalistin des "China Reform Daily" und ein klein wenig Behördensprecherin, ist ebenfalls "sehr optimistisch", wie sie sagt. Der Grund? "Wir sind aus Peking mit 70 Unterhändlern angereist."

In den hinteren Hangarteil verbannt ist der deutsche Stand. "Together we'll make it" steht darauf in Riesenlettern neben dem Zweigradziel, frei übersetzt: "Auch das schaffen wir!" Optimismus überall – nur der Stand der kleinen Inselstaaten (Aosis) bleibt an diesem Morgen leer. Vielleicht stecken ihre Vertreter gerade im Getümmel vor dem eigentlichen Verhandlungszentrum, dem "high level segment" gemäß Jargon des omnipräsenten Wachpersonals.

Bühne für die Großen

Auf der Bühne des Hauptsaals geben sich nicht weniger als 150 Staats- und Regierungschefs das Mikrofon in die Hand. Jede und jeder hat gerade drei Minuten Zeit. Macht mit den Zwischenpausen acht Stunden Redemarathon. Oder mehr: Den ganz Großen wird das Wort natürlich nicht abgeschnitten, wenn sie ein paar Sekunden anhängen.

Frankreichs Präsident François Hollande und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel betonen die Wichtigkeit eines "verbindlichen" Abkommens. US-Präsident Barack Obama gibt sich schuldbewusst und meint: "Wir übernehmen die Verantwortung."

Nein, das tue er eben nicht, antwortet in Halle 2 die französische Umweltschützerin Sofya: "Die Vereinigten Staaten rechnen nicht wie die EU ab 1990, sondern ab 2005 und reduzieren deshalb ihre Emissionen faktisch nur um zehn Prozent, nicht um 40 Prozent wie die Europäer."

Der chinesische Präsident Xi Jinping hebt die Bemühungen seines Landes hervor und ruft die Industriestaaten zu höheren finanziellen Beiträgen an die armen Länder auf. In den seit Monaten dauernden Verhandlungen bremse China aber "systematisch", wie eine Chefunterhändlerin der französischen Gastgeber sagt, die nicht genannt werden will.

Faymann als Vorvorletzter

Der österreichische Bundeskanzler spricht beim Redereigen als "Vorvorletzter", wie aus seiner Delegation verlautet. Werner Faymann erklärt der versammelten Welt, Atomenergie sei kein Mittel zur Bekämpfung des Klimawandels: "Denken Sie nur an die enormen Kosten der ungelösten Lagerung von Atommüll!"

Besser seien die erneuerbaren Energien, die sein Land bis 2030 von derzeit 80 auf 100 Prozent erhöhen wolle. Das hätte Österreich vielleicht auch an einem kleinen Stand erklären können. Doch von der EU sind in Hangar 2 nur Deutschland und die Skandinavier vertreten.

Gastgeber Hollande begrüßt die Delegation aus dem Oman, angeführt von Sultan Qaboos bin Said. (Stefan Brändle aus Le Bourget, 30.11.2015)

  • Gastgeber Hollande begrüßt die Delegation  aus dem Oman, angeführt von Sultan Qaboos bin Said. Links die französische Umweltministerin Ségolène Royal und UN- Generalsekretär Ban Ki-moon.
    foto: reuters/horcajuelo

    Gastgeber Hollande begrüßt die Delegation aus dem Oman, angeführt von Sultan Qaboos bin Said. Links die französische Umweltministerin Ségolène Royal und UN- Generalsekretär Ban Ki-moon.

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