Türkei nervös wegen Russland-Sanktionen

30. November 2015, 16:58
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Ankara will sich nicht bei Putin entschuldigen

Ankara/Moskau/Paris – Ans Telefon ist er nicht gegangen und an einen Tisch mit Recep Tayyip Erdogan wollte er sich erst recht nicht setzen. Wladimir Putin zeigt dem türkischen Staatspräsidenten die kalte Schulter. Die türkische Führung in Ankara hatte auf eine Aussprache über den Abschuss der russischen Militärmaschine vor einer Woche gehofft. Erdogan bat um ein Gespräch mit Putin am Rande des Klimagipfels in Paris am Montag. Mehr lässt die Selbstachtung der Türken nicht mehr zu, ließ Premier Ahmet Davutoglu verstehen. Putin zeigt sich davon unbeeindruckt und legt noch nach: Russland habe weitere Informationen, wonach Öl aus dem Gebiet der Extremistenmiliz IS durch die Türkei geleitet werde, sagte der Staatschef am Montag in Paris. Die türkische Regierung will nun ihrerseits Schritte gegen die Strafmaßnahmen Russlands ergreifen.

In einem Militärspital in Ankara wurde am Montag russischen Vertretern die Leiche des Piloten übergeben, dessen Maschine vergangene Woche nach angeblich erfolglosen Warnungen von der türkischen Armee wegen einer Luftraumverletzung abgeschossen worden war. Ein Navigator war vor den Rebellen am Boden in Syrien in Sicherheit gebracht, der Pilot jedoch bei der Landung mit dem Fallschirm von den von der Türkei unterstützten Milizen der turkmenischen Minderheit umgebracht worden.

"Es war ein Akt der Verteidigung", sagte Davutoglu bei einem Besuch des Nato-Hauptquartiers in Brüssel am Montag über den Abschuss des russischen Kampfjets. "Kein türkischer Regierungschef, kein Präsident, kein Staatsvertreter wird sich entschuldigen", so Davutoglu. Staatspräsident Erdogan hatte nach einigem Hin und Her in den vergangenen Tagen gleichwohl sein Bedauern über den Vorfall ausgedrückt.

Die Türkei finde sich in einer ähnlichen Situation wie beim tödlichen Angriff der israelischen Armee auf die Aktivisten der Mavi Marmara im Frühjahr 2010 wieder, stellten einige türkische Kommentatoren fest. Die Rollen seien nur umgekehrt Jetzt habe die Türkei den Part Israels übernommen, und Russland sei das Opfer einer versuchten Machtdemonstration geworden.

Politische Eiszeit blieb

Ankara hatte lange eine offizielle Entschuldigung für den Tod von neun Türken beim Sturm auf das Gaza-Hilfsschiff verlangt. Drei Jahre später kam sie; die entschuldigenden Worte des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu änderten am Ende allerdings nichts an der politischen Eiszeit zwischen beiden Ländern.

Türkische Unternehmervertreter schätzen den Schaden durch ein Importverbot von Obst und Gemüse sowie den Stopp des Tourismus über ein Jahr gerechnet auf wenigstens fünf Milliarden Dollar.

Auch türkische Fußballer straft Moskau ab: Sie sollen nicht länger für russische Klubs spielen. Derzeit trifft das nur einen: den Stürmer Gökdeniz Karadeniz beim FK Rubin Kasan in der ersten russischen Liga. (Markus Bernath, 30.11.2015)

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