Hundstorfer über Zielpunkt-Pleite: "Das ist emotional eine Riesensauerei"

1. Dezember 2015, 09:44
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Sozialminister Rudolf Hundstorfer meint, der Insolvenzfonds solle Ansprüche gegen Pfeiffer prüfen. Lieferanten drohe ein Dominoeffekt

STANDARD: Zielpunkt ist in Konkurs, bei Schirnhofer droht ebenfalls eine Insolvenz. Wie wird sich das auf den ohnehin angespannten Arbeitsmarkt auswirken?

Hundstorfer: Es ist eine Belastung. Wir haben im Moment rund 59.000 Arbeitslose im Handel. Im Einzelhandel sind es zirka 38.000 arbeitslose Personen oder solche in Schulungen. Dazu kommt, dass im Lebensmittelbereich drei Viertel Frauen sind. Positiv ist aber, dass viele einen Lehrlingsabschluss haben.

STANDARD: Besonders heikel ist die Situation in Wien, wo Zielpunkt seinen Fokus hat.

Hundstorfer: Bei Zielpunkt konzentriert sich die Hälfte der Mitarbeiter auf Wien. Hier gibt es zwar einen Anstieg bei der Beschäftigung im Lebensmittelhandel, allerdings liegt die Arbeitslosenquote weit über dem österreichischen Durchschnitt. Das Besondere an Wien ist, dass eine Nachfolgekonstruktion für Zielpunkt aus kartellrechtlichen Gründen schwierig wird. Es gibt aber auch Chancen.

STANDARD: Das heißt, Sie rechnen nicht damit, dass die Hälfte der 2700 Zielpunkt-Mitarbeiter in Wien arbeitslos wird?

Hundstorfer: Es ist davon auszugehen, dass zumindest ein gewisser Prozentsatz von anderen Unternehmen weitergeführt wird.

STANDARD: Welche unterstützenden Maßnahmen setzen Sie?

Hundstorfer: Für alle vier Bundesländer (Wien, Burgenland, Steiermark, Niederösterreich; Anm.) stehen Arbeitsstiftungen zur Verfügung. Generell kann man sagen, das Instrumentarium Reparaturmedizin steht voll zur Verfügung. Das Problem ist, es gibt eine Schocksituation, die jeder verarbeiten muss.

STANDARD: Wie beurteilen Sie die harsche Kritik der Gewerkschaft an der Vorgangsweise von Pfeiffer?

Hundstorfer: Die Kritik verstehe ich total. Dass Pfeiffer die Reißleine gezogen hat, das Problem haben wir. Dass das emotional eine Riesensauerei ist, liegt auf der Hand. Gleichzeitig hat man in der Gruppe Geld, um Grundstücke zu kaufen. Wenn man gleichzeitig andere Teile der Firma verkauft und Geld lukriert, ist es nachvollziehbar, dass jeder Emotionen entwickelt und fragt: Warum zahlt er jetzt nicht noch die 26 Millionen?

STANDARD: Laut Pfeiffer, weil Zielpunkt ein Fass ohne Boden war.

Hundstorfer: Ich habe keinen Einblick in die gesamte Finanzsituation der Pfeiffer-Gruppe. Wenn der Konzern jetzt aber kommt und Interesse an Standorten für die Unimarkt-Kette zeigt, kann es ihm nicht so schlecht gehen. Das passt alles nicht zusammen. Wenn hier behauptet wird, dass Filetstücke behalten werden, dann verstehe ich diese Emotion.

STANDARD: Werden Sie über den Insolvenzentgeltfonds das Vorgehen unter die Lupe nehmen?

Hundstorfer: Der Insolvenzentgeltfonds muss automatisch prüfen, ob es hier etwas gab. Wenn er der Meinung ist, dass da etwas war, wird er sich in der Masse regressieren. Das ist der normale Vorgang. Und natürlich werden Gewerkschaft und Arbeiterkammer sich bemühen, ihren Teil beizusteuern.

STANDARD: Und die Lieferanten?

Hundstorfer: Es wird einen gewissen Dominoeffekt geben. Da wäre es auch besser gewesen, hätte Pfeiffer uns früher eingebunden, damit man darauf eingestellt ist. Bei Schirnhofer wissen wir, dass das Unternehmen 30 Prozent des Umsatzes mit Zielpunkt macht. Denken Sie nur an die Gemüsebauern. Aber das hängt alles davon ab, ob und von wem die Filialen weitergeführt werden. Jeder hat seine eigene Einkaufspolitik. (Andreas Schnauder, 30.11.2015)

Rudolf Hundstorfer (64) ist seit sieben Jahren Sozialminister. Der Sozialdemokrat war davor Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbunds.

  • Warum Pfeiffer jetzt nicht noch die 26 Millionen zahlt, fragt sich Sozialminister Rudolf Hundstorfer im STANDARD-Interview.
    foto: robert newald

    Warum Pfeiffer jetzt nicht noch die 26 Millionen zahlt, fragt sich Sozialminister Rudolf Hundstorfer im STANDARD-Interview.

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