Gefahr der Wohnungslosigkeit in Wien steigt

30. November 2015, 12:49
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Durch steigende Mieten und verschärfte Kriterien bei der Vergabe von Gemeindebauwohnungen befürchtet die Wiener Wohnungslosenhilfe eine wachsende Wohnungsnot

Wien – Die Zahl der von Wohnungslosigkeit gefährdeten Menschen steigt in Wien immer weiter. Denn die Mietpreise auf dem privaten Markt sind zu hoch und Gemeindewohnungen oft zu schwierig zu bekommen. In einem zum ersten Mal präsentierten Situationsbericht warnte die Wiener Wohnungslosenhilfe am Montag vor der hohen Armutsgefährdung.

Allein im Jahr 2014 wurden 21.540 Räumungsverfahren und Kündigungen an den Wiener Gerichten eingebracht. 2.361 Räumungen wurden auch vollzogen. "Die Menschen in der Wohnungslosenhilfe sind manifest arm", sagt Waltraud Kothbauer, Wohnbeauftragte vom Wiener Roten Kreuz. Manifest arm bezeichnet den Zustand, dass sich Menschen etwa nicht ordentlich ernähren oder ihre Wohnung nicht angemessen heizen können.

Einen Grund dafür sieht Kothbauer darin, dass die Armutsgrenze 2014 zwar bei 1.161 Euro pro Monat lag, die Mindestsicherung inklusive der maximalen Mietbeihilfe aber nur bei 913 Euro: "Hier klafft eine Armutslücke von 248 Euro." Ohne finanzielle Hilfe seien immer mehr Wiener gefährdet, ihre Wohnung zu verlieren.

Teuerungen bei Mieten

Die Preise der Mietwohnungen seien zwischen 2011 und 2015 um 15 Prozent gestiegen: Um fünf Prozentpunkte mehr als das allgemeine Preisniveau. "Gerade bei armutsgefährdeten Menschen erreichen die Wohnkosten einen bedenklichen Anteil des Einkommens", sagt Kothbauer. 300 Euro, die Mindestsicherungsbezieher für Wohnen zur Verfügung haben, würden nicht reichen.

10.000 Menschen werden derzeit von der Wohnungslosenhilfe betreut – 700 Wohnplätze fehlen. "Die beste Chance auf einen eigenen Wohnraum sind die Gemeindewohnungen", sagt Gernot Ecker vom Hilfswerk. 85 Prozent der Finalwohnungen sind von der Stadt.

Um das weiterhin zu gewährleisten, müssten die Verschärfungen der Vergabekriterien, die im Juli in in Kraft getreten sind, zurückgenommen werden: etwa dass alteingesessene Wiener vor Zugezogenen bevorzugt werden. So rückt man pro fünf Jahre Wiener Hauptwohnsitz automatisch drei Monate auf der Warteliste für eine geförderte Wohnung nach vorn. Gleichzeitig wurde auch der Zugang zum städtisch subventionierten Wohnbau verschärft. So muss man künftig für den geförderten Bereich zumindest zwei Jahre lang in Wien hauptgemeldet sein.

Schwieriger Zugang

"Der Zugang ist für armutsgefährdete Menschen oft schwierig", sagt Kothbauer. Beim geförderten Wohnbau seien die hohen Eigenmittel das Problem, beim kommunalen Wohnbau die Pflicht zur Hauptmeldung. "Gerade für prekär wohnende Menschen ist es sehr schwierig, diese Anforderung zu erfüllen", sagt Kothbauer. Obdachlose Menschen sind meist nicht gemeldet und würden so vom sozialen Wohnen ausgeschlossen.

Der Vorschlag der Wohnungslosenhilfe: Die Stadt soll einen größeren Teil des Angebots im geförderten Wohnbau selbst vergeben, derzeit würden nur 30 Prozent in diese Kategorie fallen, für den Rest seien die Bauträger selbst zuständig. Und: 20 Prozent der Genossenschaftswohnungen sollen an wohnungslose Menschen gehen. Derzeit ziehen dort etwa 1,5 Prozent der ehemals Wohnungslosen ein.

Ganzjährige Winterhilfe

Zusätzlich brauchte es eine Lösung für "nicht anspruchsberechtigte" Obdachlose – etwa EU-Bürger oder Menschen aus anderen Bundesländern. Für sie gibt es jährlich ein Winterpaket, das von November bis April 600 zusätzliche Notquartiersplätze beinhaltet. Dieses will die Wohnungslosenhilfe auf das ganze Jahr ausgedehnt sehen. "Wir wollen diesen Menschen eine längere Versorgung bieten", sagt Ecker. "Das muss in Wien möglich sein."

Gegen die Ausweitung des Pakets spricht sich das Büro von Stadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) aus: "Die Sondermaßnahmen der Stadt Wien haben das Ziel, dass niemand bei Schnee und Kälte die Nacht im Freien verbringen muss" – Nutzer des Winterpakets seien keine "Obdachlosen im klassischen Sinn", sondern würden in Österreich oft Arbeit suchen. Die Stadt verdopple daher im Winter die Sozial- und Rückkehrberatung. "Die Erfahrung zeigt, dass viele Menschen, die das Winterpaket nutzen, im Frühling in ihre Heimat zurückkehren", heißt es aus dem Sozialstadtratsbüro.

Wien wendet im Jahr über 60 Millionen Euro für die Wohnungslosenhilfe auf. Davon werden 5.400 Wohn- und Schlafplätze in 100 Einrichtungen finanziert. (Oona Kroisleitner, 30.11.2015)

  • Weil Obdachlose oft keine Meldeadresse haben, haben sie keinen Anspruch auf eine Gemeindewohnung.
    foto: robert newald

    Weil Obdachlose oft keine Meldeadresse haben, haben sie keinen Anspruch auf eine Gemeindewohnung.

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