Bildungsforscher vermissen "Masterplan" bei Bildungsreform

30. November 2015, 11:28
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Qualitätsunterschiede und Ungleichheiten könnten größer werden, Begrenzung bei Modellregionen sei "kontraproduktiv"

Wien – Die Österreichische Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Bildungswesen (ÖFEB) sieht durch die vorgeschlagenen Maßnahmen zur Bildungsreform die "Gefahr, dass die Qualitätsunterschiede zwischen Bildungsinstitutionen noch größer und die sozialen und kulturellen Disparitäten verschärft werden". Generell sieht sie "die ersten Schritte getan, ein Masterplan fehlt".

Die thematische Stoßrichtung der Reformbemühungen wird von der ÖFEB zwar begrüßt. "Vor allem im Ausbau der Frühförderung sowie der Verschränkung von Kindergarten und Volksschule, aber auch in der Erweiterung der pädagogischen Autonomie sehen wir von der ÖFEB Schritte in die richtige Richtung", so der ÖFEB-Vorsitzende Florian Müller von der Uni Klagenfurt. Allerdings fehle eine "schlüssige Ausformulierung der Implementierungsstrategien und der qualitätssichernden Rahmenbedingungen, vor allem für die Reform der Schulautonomie, sodass eine Gesamtstrategie, die den Namen Bildungsreform verdient, derzeit nur in Ansätzen zu erkennen ist", heißt es in der Stellungnahme.

Große Reform muss umgesetzt werden

Ein mit Schulautonomie verbundener Qualitätszuwachs könne "kein Ersatz für die Lösung strittiger bildungspolitischer Fragen sein": "Die längst anstehenden großen Bildungsreformen (zum Beispiel gemeinsame Schule, Ganztagsschule, inklusive Schule) müssen vielmehr politisch entschieden und umgesetzt werden."

Die von der ÖFEB durchaus begrüßte Erhöhung von Autonomiespielräumen könne "auch dazu führen, dass sich Schulen in Konkurrenz zueinander unterschiedlich entwickeln und sich aufgrund ungleicher Schulstruktur- und Standortfaktoren soziale Disparitäten erhöhen". Schulen mit ungünstigen Standortvoraussetzungen seien in Gefahr, in der Qualitätsentwicklung nicht Schritt halten zu können, wodurch es insgesamt zu einer "Auseinanderentwicklung" komme. Die Forscher fordern daher, dass "Wettbewerbsnachteile" etwa durch einen Sozialindex bei der Mittelzuteilung und Unterstützungssysteme ausgeglichen werden.

Beschränkung von Modellregionen "kontraproduktiv"

Die formale Beschränkung von Modellregionen zur gemeinsamen Schule der Sechs- bis 14-Jährigen auf 15 Prozent der Standorte und Schüler hält die ÖFEB für kontraproduktiv. Vielmehr sollten die Bundesländer selbst über die Größe der Regionen entscheiden. "Aus wissenschaftlicher Sicht wäre es im Gegenteil wünschenswert, wenn ein derartiges Modellprojekt in einem gesamten Bundesland unter Einbezug aller Schulen durchgeführt wird, weil nur so einheitliche Rahmenbedingungen für alle Standorte gewährleistet werden können." Ansonsten bestehe eine "hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich insbesondere in den Städten die AHS kaum an solchen Modellregionen beteiligen bzw. Schülerinnen und Schüler auf Wunsch ihrer Eltern in außerhalb der Modellregion liegende Schulen oder in Privatschulen ausweichen". Auch die generelle Ausnahme der Privatschulen aus der Teilnahmepflicht an Modellversuchen erscheine, "vor allem sofern sie in einem erheblichen Ausmaß staatliche Fördermittel erhalten", nicht gerechtfertigt.

Im Kindergartenbereich kritisieren die Forscher die im Reformpapier vorgesehene Opt-out-Möglichkeit beim ersten verpflichtenden Kindergartenjahr. Außerdem seien die neuen Aufgaben für die Elementarpädagogik wie etwa durch den Bildungspass sowie die damit verbundene Sprachstands- und Entwicklungsdokumentation "ohne Verbesserung des Betreuungsschlüssels kaum zu bewältigen". Insbesondere aufgrund der neuen Herausforderungen sei eine "wissenschaftlich fundierte Ausbildung zumindest auf Bachelor-Niveau" zu fordern. (APA, 30.11.2015)

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