Windindustrie und Wahnsinn im Waldviertel

Userkommentar30. November 2015, 11:26
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Klima- und Naturschutz dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Verstromung artenreicher Wälder ist weder effizient noch grün

Unter dem Vorwand "Klimaschutz" werden heute weltweit Naturparadiese zerstört. Nicht nur in Amazonien und Indonesien, sondern auch mitten in Europa. "Climate Crimes" nennt der ehemalige WWF-Mitarbeiter Ulrich Eichelmann seinen 2011 produzierten Film, in dem er Umweltverbrechen unter dem Deckmantel des Klimaschutzes anprangert. Für Eichelmann ist es ein "tödlicher Etikettenschwindel", bei dem Naturvernichtung als "grüne Investition und angewandter Klimaschutz" verkauft wird.

Als "Climate Crime" muss man auch das Vorhaben bezeichnen, quer durch das Waldviertel ein Spalier aus Windkraftwerken hochzuziehen, jedes 200 Meter hoch und alle inmitten artenreicher Wälder. Wer die eindrucksvolle Landschaft zwischen Gmünd und Pulkau kennt, kann dieses Ansinnen nur mit Kopfschütteln quittieren. Aber genau das ist das Ziel, geht es nach den Wünschen der verantwortlichen Gemeinde- und Landespolitiker: 18 Windparks im Waldviertel, 17 davon in Waldstandorten, mit einer Gesamtzahl von 130 Windrädern – das entspricht etwa jener Anzahl an Kraftwerken, die bis 2014 im gesamten Burgenland errichtet wurden. Das Waldviertel mit dem Flair der Parndorfer Platte: Windmüll- statt Wohlfühlregion.

Ökologischer Hotspot

Was die Windparkbetreiber und Grundeigentümer in Goldgräberstimmung versetzt, bedeutet für den Tourismus, vor allem aber für den Natur- und Artenschutz eine mittlere Katastrophe. Das Waldviertel ist ein ökologischer Hotspot – hier treffen der pannonische, der alpine und der kontinentale Raum aufeinander und schaffen eine Region mit hoher Artenvielfalt. Dass in den Wäldern seltene und streng geschützte Tierarten leben, deren Existenz von den riesigen Kraftwerken bedroht ist, wird ebenso ignoriert wie die Tatsache, dass sich die Projektgebiete über Feuchtgebiete und Tallandschaften erstrecken. Oder dass Wanderkorridore von Luchs, Elch und Wildkatze durch die Wälder führen. Die Energiewende fordert ein Opfer! Originellerweise das, was sie vorgibt zu schützen, nämlich die Natur.

Die Art und Weise, wie diese Projekte durchgezogen werden, ist eines modernen Rechtsstaats unwürdig. Nach derzeitigem Wissen dürfte eigentlich kein Windparkprojekt im Waldviertel genehmigt werden. Zu groß ist die Zahl der hier lebenden Vogel- und Fledermausarten. Um die Schutzbestimmungen zu umgehen, werden von den Betreiberfirmen bestimmte "Sachverständige" mit der Umweltprüfung betraut – es sind stets dieselben –, die über die Gabe der selektiven Wahrnehmung verfügen und streng geschützte Arten mit verblüffender Regelmäßigkeit "übersehen". Und zwar immer! Diese Gutachter, die alle Windparkprojekte im Waldviertel für gut achten, bewerten die Wälder und die umgebende Landschaft stets als bedeutungslos und bagatellisieren die ökologischen Auswirkungen. Ist es Zufall, dass alle unabhängigen Experten zu gegenteiligen Schlüssen kommen?

Umweltprüfung als Farce

Zu welchen Tricks die Umweltprüfer greifen, offenbaren die wildbiologischen Gutachten, denen man einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen kann. Für die im Horner Bezirk geplanten Windparks grenzt der zuständige "Experte" die Auswirkungen der Projekte auf eine einzige Tierart ein, und zwar auf den Rothirsch. Der Horner Bezirk gilt nämlich laut selbigem Gutachter als rotwildfreie Zone (kein Witz!). Wie erfreulich, wenn der Rotwildbestand mangels Rotwilds unter den Kraftwerken nicht leidet. Studien über die Gefährdung der Waldviertler Elefanten durch Windräder hätten vermutlich zu ähnlichen Ergebnissen geführt.

Dass die gesamte Umweltprüfung auf Gefälligkeitsgutachten beruht und den Gegengutachten keinerlei Beachtung geschenkt wird, obwohl diese das Vorkommen geschützter Arten bestätigen, ist schon ein Skandal. Aber dass die gesamte Umweltprüfung in die Hände der Betreiber gelegt wird, während die Behörde ihre Kontrollfunktion an den Nagel hängt, degradiert das Instrumentarium der Umweltprüfung zu einer Farce. Aber es gilt ja, das Weltklima zu retten, und da darf der Umweltschutz schon einmal unter die (Wind-)Räder kommen.

Energiefahrplan 2030

Abgesehen von den negativen ökologischen Auswirkungen stellt sich die Frage: Ist die Zerstörung des Waldviertels energiepolitisch überhaupt sinnvoll. Hier lohnt sich ein Blick in den niederösterreichischen Energiefahrplan 2030: Darin wird die vollständige Deckung des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien für 2015 angekündigt. Und dieses Ziel wurde Ende Oktober auch erreicht. Wenn also die gesamte Elektrizität des Landes seit heuer aus regenerativen Quellen stammt: Welchen Sinn macht es dann noch, das Waldviertel zu zerstören? Bereits jetzt erwirtschaften die bestehenden Anlagen Überschüsse.

In stürmischen Zeiten überschwemmen tausende deutsche Windkraftanlagen den Strommarkt. Dann wird Strom zu Billigstpreisen an der Börse verschleudert und kann zu einem Bruchteil der Produktionskosten gekauft werden. Wozu also dieser Raubbau an der Natur? Cui bono? Ganz sicher nicht dem Klima. Wälder gelten als wahre CO2-Staubsauger und binden einen Großteil des durch die Verbrennung fossiler Energieträger emittierten Kohlenstoffs. Ihre großflächige Vernichtung würde die EU-Vorgaben zur Rettung des Weltklimas konterkarieren.

Verstromung artenreicher Wälder

Die Verstromung artenreicher Wälder in einer windschwachen Region wie dem Waldviertel ist weder effizient noch grün noch klimaschonend. Sie ist auch nicht umweltfreundlicher als Palmölplantagen in tropischen Urwäldern oder Mega-Staudammprojekte am Amazonas. Befeuert von der aktuellen Klimahysterie bemüht sich die Windbranche, die gigantischen Kraftwerke als sanfte rotierende Riesen zu verklären. Doch für die Vögel und Fledermäuse des Waldviertels sind es rotierende Sensen, die inmitten der Wälder genauso sensibel agieren wie ein Mixer im Aquarium.

Bei allem Verständnis für die Befürworter einer umwelt- und klimaschonenden Energiegewinnung: Klimaschutz und Naturschutz dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wir können nicht den Lebensraum des Eisbären schützen, indem wir den Lebensraum von Luchs, Seeadler und Schwarzstorch im Waldviertel vernichten. Vor allem, wenn der Effekt dieses radikalen Eingriffs für das Weltklima gleich null ist. Vielmehr gilt es, diese einzigartige Naturlandschaft und ihre Tierwelt für uns und für nachfolgende Generationen zu erhalten. Dieses Ziel haben sich zwölf Waldviertler Bürgerinitiativen gesetzt, die gemeinsam unter Ausschöpfung aller demokratischen Mittel gegen die Zerstörung der Wohlfühlregion und für Lebensqualität und Artenvielfalt kämpfen. Man kann nur hoffen, dass dem Waldviertel das Schicksal der Parndorfer Platte erspart bleibt. (Wolfgang Lechthaler, 30.11.2015)

Wolfgang Lechthaler ist Ökologe mit Schwerpunkt Gewässerbiologe und leitet seit 2000 ein technisches Büro für Biologie. Er ist ehrenamtlicher wissenschaftlicher Berater von Bürgerinitiativen im Waldviertel.

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    foto: apa/helmut fohringer

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