Früherer ÖVP-Politiker und ORF-Manager Kurt Bergmann gestorben

15. Jänner 2016, 10:19
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Er brachte Licht ins Dunkel, aber auch Schwarz in den ORF. Er pendelte zeitlebens zwischen ÖVP und öffentlich-rechtlichem Rundfunk und kämpfte schließlich für weniger Parteipolitik im ORF: Kurt Bergmann starb mit 80 Jahren an Krebs

Wien – Der "Frechheit der Parteien, im ORF zuzugreifen", galt die letzte der großen Kampagnen seines Lebens: Jahr für Jahr offene Briefe an Kanzler und Vize, öffentliche Aufforderungen, doch vom ORF zu lassen, Formulierungshilfen für Regierungsprogramme und Zehn-Punkte-Kataloge für die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Kurt Bergmann wusste wie wenige, worum es da geht: Zeit seines Lebens pendelte er zwischen der ÖVP und dem ORF und organisierte da wie dort tatkräftig mit, sodass ORF-Legende Gerd Bacher zweimal gegen den Willen roter Kanzler doch wieder Generalintendant werden konnte.

Und Bergmann, gerade noch Pressemann der ÖVP und bürgerlicher Ministersprecher, Parteigeschäftsführer, Abgeordneter und Klubdirektor, wurde mit Bacher Kommunikationschef des ORF, ORF-Landesintendant in Niederösterreich und später der Steiermark und auch Generalsekretär des ORF, eine Schlüsselschaltstelle zwischen Küniglberg und Parteien.

Vom Saulus zum Paulus

"Es ist ein Unterschied, ob ein Generaldirektor es will oder ob es eine Partei diktiert", erklärte Bergmann einmal seine Wahlhilfe für Bacher, auch über Deals mit roten Betriebsräten in den ORF-Gremien. Und warum er sich nach seiner ORF- und Politikkarriere so vehement für die Unabhängigkeit des ORF starkmachte: "Mich interessiert die Zukunft des ORF und nicht die Frage, ob aus dem Saulus Kurt Bergmann ein Paulus geworden ist. Aber wenn es so ist, dann bekenne ich mich auch dazu."

Saulus, Paulus und Bekenntnisse: Kurt Bergmann, geboren 1935 nahe Neulengbach in Niederösterreich als Sohn eines Bäckers, der unter den Nationalsozialisten nicht Lehrer sein konnte, machte das Jesuitenkollegium Kalksburg beinahe zum Priester. Bergmann wurde doch Journalist, so seine Berufsbezeichnung auf der Parlamentsseite. Und Familienvater: zweimal verheiratet, vier Söhne.

Organisator für Bacher, Lindner, Ferrero-Waldner

Er wurde Politiker. Und vor allem Macher, ein zielstrebiger Organisator – mit weit gespannten Zielen. Bergmann konnte, mit allen Tricks, für die zwei Comebacks von Gerd Bacher auf dem Küniglberg kämpfen – aber auch 2006 für Wolfgang Schüssels ÖVP für die Wiederwahl von Monika Lindner, damals Generaldirektorin eines ORF, der alles andere als parteiunabhängig wirkte. 2006 kämpfte er mit weit weniger Herzblut und Erfolg.

Erfolg blieb schon Bergmanns Wahlkampagne 1979 für die ÖVP versagt, ebenso seiner Initiative für die ÖVP-Präsidentschaftskandidatin Benita Ferrero-Waldner 2004. Und auch für Bergmanns letzte große Kampagne zeichnet sich vor der nächsten ORF-Generalswahl kein Erfolg ab: Die Regierungsparteien SPÖ und ÖVP lassen – wie in den vergangenen Jahrzehnten – keine Ambitionen erkennen, freiwillig auf Einfluss im ORF zu verzichten.

Improvisiertes "Licht ins Dunkel" im Landesstudio

Vielfach – und bleibend – erfolgreicher war Macher Bergmann als Helfer in einem ganz anderen Feld als Macht und Politik: Am 24. Dezember 1973 setzte sich ORF-Landesintendant Kurt Bergmann in sein Radiostudio und moderierte eine Anrufsendung, die Spenden für ein Sozialprojekt für Menschen mit Behinderung sammelte, seine Söhne mussten ihm helfen, die Anrufe der Spender entgegenzunehmen. Aus der improvisierten Anrufsendung im Landesstudio wurde "Licht ins Dunkel", und Bergmann feierte Weihnachten deshalb über Jahre hinweg meist erst nach Mitternacht bei der Familie. Und Bergmann rief 1992, gerade ORF-Generalsekretär, mit Caritas und Rotem Kreuz die große internationale ORF-Spendenaktion ins Leben: "Nachbar ins Not". Damals mit Hilfsgütern für Flüchtlinge und Vertriebene im jugoslawischen Bürgerkrieg. Heute mit der Flüchtlingshilfe für Syrien. In der Nacht auf Freitag ist Kurt Bergmann mit 80 Jahren an Krebs gestorben. (Harald Fidler, 15.1.2016)

Trauer um Kurt Bergmann:

Der ORF und die österreichische Politik würdigten am Freitag die Leistungen des verstorbenen "Licht ins Dunkel"-Erfinders und Kampagnenmanagers Kurt Bergmann. Auch die Spendenorganisationen trauerten um Bergmann. Der gemeinnützige Sektor verliere einen seiner wichtigsten Fürsprecher, sagte Günther Lutschinger vom Fundraising Verband, dem Dachverband der spendenwerbenden Organisationen.

Die ORF-Geschäftsführung mit Generaldirektor Alexander Wrabetz, Finanzchef Richard Grasl und Fernsehdirektorin Kathrin Zechner betonte Bergmanns Verdienste für den öffentlich-rechtlichen Sender. "Kurt Bergmann war durch Jahrzehnte hindurch eine der stärksten, engagiertesten und kreativsten Führungspersönlichkeiten des ORF", sagte Wrabetz. "Mit der Entwicklung von 'Licht ins Dunkel' und der Schaffung von 'Nachbar in Not' hat er dem ORF eine bleibende humanitäre Dimension gegeben. Hunderttausenden Menschen in Österreich und in zahlreichen Krisenregionen konnte durch die Aktivitäten Bergmanns geholfen und das Bild von Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft nachhaltig verändert werden", so der ORF-Chef. Wrabetz wies zudem darauf hin, dass es sich Bergmann nicht nehmen ließ, auch am letzten 24. Dezember am Spendentelefon von "Licht ins Dunkel" zu sitzen.

ORF-Journalisten trauern

Trauer herrschte auch bei den ORF-Journalisten. "Wir verlieren eine wichtige Stimme im Kampf für die parteipolitische Unabhängigkeit des ORF. In den vergangenen Jahren hat sich Bergmann bemüht, politische Entscheidungsträger davon zu überzeugen, dass die Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit des ORF am besten dadurch zu erreichen ist, wenn sich die Politik nicht in den ORF einmischt", so ORF-Redakteursratsvorsitzender Dieter Bornemann. ORF-Stiftungsratsvorsitzender Dietmar Hoscher hob unterdessen Bergmanns "unermüdliches Engagement für den ORF und für Mitmenschlichkeit" hervor.

Ohne Bergmanns Unterstützung gäbe es heute weder die Spendenabsetzbarkeit noch die ORF-Initiativen "Licht ins Dunkel" und "Nachbar in Not" in dieser Form, betonte auch Fundraising Verband-Chef Lutschinger. Bergmann habe den Spendenmarkt damit positiv verändert. Österreich verliere eine "wichtige Stimme für Menschlichkeit und Solidarität", sagte Caritas-Präsident Michael Landau. "Kurt Bergmann war eine Zugmaschine des Spendensammelns und des Helfens, einer der großen Architekten der Mitmenschlichkeit unserer Republik. Wie kein anderer hat er verstanden, dass der Einzelne die Welt verändern kann", so Landau.

Betroffenheit in der ÖVP

Betroffenheit herrschte auch in der ÖVP, der politischen Heimat Bergmanns. "Mit ihm verlieren wir einen großen Österreicher und überzeugten Kämpfer für bürgerliche Werte und humanitäre Hilfe. Als leidenschaftlicher und tatkräftiger ÖVP-Bundesgeschäftsführer hat er die Volkspartei entscheidend mitgeprägt", sagte ÖVP-Bundesparteiobmann Vizekanzler Reinhold Mitterlehner. Der niederösterreichische ÖVP-Landeshauptmann Erwin Pröll und eine Reihe weiterer ÖVP-Politiker lobten Bergmanns humanitären Einsatz.

Für Medienminister Josef Ostermayer (SPÖ) verliere Österreich mit Bergmann auch einen bedeutenden Medienpolitiker. "Kurt Bergmann war sowohl im Journalismus als auch in der Politik zu Hause und hat oft als Vermittler zwischen der politischen Welt und der Medienwelt fungiert. Auch in der Kulturpolitik hat Bergmann seine Spuren hinterlassen: Als Nationalratsabgeordneter und Kultursprecher der ÖVP hat er an vielen Gesetzen in diesem Bereich mitgewirkt, wie etwa am Filmförderungsgesetz", erinnerte Ostermayer.

Herausgeber zu Dank verpflichtet

Betroffen zeigte man sich auch im Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ). "Österreichs Medienlandschaft ist Kurt Bergmann zu Dank verpflichtet", meinte VÖZ-Präsident Thomas Kralinger. Bergmann habe immer wieder wichtige medienpolitische Reformen eingefordert, hatte dabei jedoch "keine Partikularinteressen, sondern den Fortbestand des heimischen Medienstandortes in seiner gesamten Vielfalt im Blick", so Kralinger.

Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ) würdigte wiederum Bergmanns humanitäres Engagement. Ebenso Team Stronach und Grüne. Bergmann habe "in Katastrophen- und Notsituationen in aller Welt mit konkreten Hilfsaktionen immer wieder Großartiges geleistet", meinte etwa die Grüne Bundessprecherin Eva Glawischnig. (APA, 15.1.2016)

  • Kurt Bergmann, ORF- und ÖVP-Urgestein und Mensch hinter "Licht ins Dunkel" und "Nachbar in Not", ist gestorben.
    foto: apa/orf/milenko badzic

    Kurt Bergmann, ORF- und ÖVP-Urgestein und Mensch hinter "Licht ins Dunkel" und "Nachbar in Not", ist gestorben.

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