Hans-Peter und Sutivan

Glosse28. November 2015, 20:05
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Anfangs weiß ich nicht was ich über den Haselsteiner denken soll. Dann sehe ich Anzeichen einer Dorfkomödie in Sutivan. Und überraschend gute Werke

Es sind mehr als fünf Jahre her. Vielleicht sieben oder acht. Renco sagt mir, der Štrabag hat die zwei alten Häuser im Hafen gekauft. Die neben dem alten Hotel "Vesna". Im Hafen von Sutivan sind alle Häuser alt. Doch ich weiß, dass Renco den Komplex der Häuser Ilić meint. Aber wer zum Teufel ist dieser Štrabag?

Der Millionär im Dorf

Ich frage Šteka, der im Häusergewirr seiner Vorfahren, gleich neben dem alten Hotel "Vesna" lebt. Er sagt, es sei so ein Millionär aus Österreich, der in Kroatien die Autobahnen baut. Also Hans Peter Haselsteiner.

Ein Grab unter der Tür

Vom sogenannten "Komplex der Häuser Ilić" weiß ich mehr als von Haselsteiner. Ich weiß zum Beispiel, dass diese Häuser in der archäologischen Literatur so genannt werden. Anlaß ist ein Zufallsfund bei Instandsetzungsarbeiten, der vor vielen Jahren kurz die Gemüter in Sutivan erregt.

Die Bauarbeiter finden damals – es mag in den 60-ern oder 70-ern geschehen sein – unter einer Türschwelle aus schwerem bračer Marmor menschliche Knochen. Schnell klärt die Polizei, dass der Tote kein Mordopfer ist, sondern ein archäologischer Fund. Manche meinen damals, der Tote sei ein echter Römer, andere meinen es sei doch ein Mordopfer, nur halt ein antikes. Dritte wollen wissen dass hier die Pestleichen aus den anderen Dörfern abgeladen werden, als es Sutivan noch nicht gibt. Den Dorfhypohonder Vicko sorgt ein möglicher Pestausbruch weil die Erreger aus dem Aushub der Fundstelle erwachen könnten.

Doch die Archäologen stellen lakonisch fest, hier habe eine längst vergessene, einsame aber christliche Bestattung in der Frühzeit der Besiedlung von Sutivan, irgendwann im 15. Jahrhundert stattgefunden. Sie sagen noch dazu, dass beim Bau der Häuser Ilić am Anfang des 16. Jahrhunderts, der Tote offenbar dieser Türschwelle im Weg liegt und von den Bauherren ganz unchristlich zur Hälfte entsorgt wird. Die andere Hälfte, Becken und Beine, bleiben bis zum Tag der Entdeckung unter dem Gebäude. Danach kommen sie in eine Aservatenkammer des archäologischen Museums in Split.

Bösartige Zungen in Sutivan wollen sogar wissen, der Tote sei selbst ein Ilić. Angeblich ein unbequemer und ungeliebter Ur-Opa der Hauserbauer aus dem 16. Jahrhundert. Der sich – geizig über den Tod hinaus – an sein Stück Land krallt.

Die Perle von Sutivan

Das natürliche Misstrauen, dass ich als Linker gegenüber Millionären hege, flüstert mir zu, der Haselsteiner werde die ohnehin schon ruinös vernachlässigten Gebäude noch mehr vergewaltigen. Das Gegenteil geschieht.

Unter der strengen Aufsicht eines Konservators aus Split lässt Haselsteiner ein Stück sechszehntes Jahrhundert, längst dem Verfall vorbestimmt, wieder leben. Nach allen Regeln der Baukunst und des Maurerhandwerkes. Sogar die Pflasterung zwischen den Häusern und dem Hotel Vesna, die aus eiförmigen Steinen der Strände besteht und ein Karo-Muster führt und die die Franzosen Napoleons hier hinterlassen haben sollen, wird gründlich wieder hergestellt.

Der Garten hinter dem Komplex ist seit meiner Kindheit ein trauriger und oft zugemüllter Ort. Es riecht damals nach toten Katzen und der Scheiße der Disco-Geher. Haselsteiner macht daraus wieder jene Oase aus Palmen, die der Garten der Ilić einst ist, als sie die Finzi Contini von Sutivan sind.

Comedia Divina

Ich habe inzwischen viel über den Haselsteiner herausgefunden, dass mir hilft zu wissen, was ich von ihm halten soll. Er hilft Ute Bock aus der finanziellen Patsche, er hilft Anderen aus Schlimmerem als Patschen. Und er ruiniert Sutivan nicht. Obwohl das teurer ist, als die Schönheit der Häuser Ilić und ihres Palmengartens zu respektieren. Also respektiere ich den Haselsteiner.

Allerdings ist die ehemalige Dorfregierung blind für den Respekt, den Haselsteiner für Sutivan hat. Für sie, so scheint mir und so sagen auch viele Stivanjani, ist Haselsteiner nur ein Geldsack. Und weil die alte Dorfregierung Sutivan jahrelang in Schulden ertränkt, sieht man hier die Gelegenheit das Budget zu sanieren. Und Einiges zusammen zu schnorren.

Weil ich die Akteure der Dorfregierung nur all zu gut kenne, bin ich geneigt zu glauben, was man mir erzählt. Eine dieser Geschichten berichtet wie man es schafft, dass Haselsteiner auf eigene Kosten den großen Parkplatz für Sutivan baut. Kaum ist der Beton trocken, beschließen die Gemeinderäte, Parkgebühren zu erheben. Man sagt mir, die Räte freuen sich damals wie schlaue Bauern, die den Mann aus der Stadt übertölpelt hätten. Und würden sich schon Händereibend neue Schlauheiten dieser Art ausdenken.

Doch Haselsteiner ist kein Tölpel aus der Stadt. Wie genau es geschieht, das Hans-Peter die Dorfräte eines Besseren belehrt, weiß niemand. Kurz nach ihrer Einführung jedenfalls – so sagt man – werden die Parkgebühren ersatzlos gestrichen.

Die Kulturstraße

Ein anderes drängendes Problem der putzig-naiv böseligen Schuldenmacher von Sutivan ist die Umfahrungstrasse. Im Sommer verstopfen die vielen Autos den Hafen, die vorhandene Umfahrung ist ein Witz. Obendrein zerstören die Autos die alte Straße zum Friedhof, die einst die Napoleonische Besatzung hier zurücklässt.

Ich wünschte man hätte sich damals mit Haselsteiner geeinigt, ihm die Nutzung des Sommerhauses des Dichters Kavanjin zu überlassen. Als Gegenleistung für die Umfahrung. Diese Variante war Gegenstand endloser Gerüchte in Sutivan. Soweit ich weiß, pilgern Vertreter der Dorfregierung damals sogar nach Wien, um mit Haselsteiner zu verhandeln. Das wäre – wenn es wahr ist – so meine ich und manche Andere auch, die Rettung für das verfallende Barockgut. Aber irgendwie kommt diese Einigung nicht zustande. Schade!

Der Besuch der Dorfregenten in Wien scheint mir wie eine Szene aus einem italienischen Film von Lina Wertmüller oder Nanni Loy zu sein. Bis heute frage ich mich wie der dicke B., der mit dem Bau von bröseligen Appartements in Sutivan vom Hilfsarbeiter zum Bauunternehmer wird, unsere schöne, große Stadt empfindet. Vielleicht fragt er sich die ganze Zeit nur, wie man so große Häuser mit möglichst billigem und dazu gestrecktem Zement bauen könnte. Und wieviel man bei so einem Murks verdienen könnte.

Die Sommerresidenz des Barockdichters bekommt Haselsteiner jedenfalls nicht. Dafür das alte Hotel Vesna. Soweit ich sehe, wird es genauso sorgfältig renoviert und ausgebaut wie zuvor die Häuser Ilić. Und das ist gut so.

Danke Hans-Peter

Bisher ist niemandem in Sutivan eingefallen Haselsteiner ehrlich zu Danken. Die Danksagungen der Ratsherren sind nur Heucheleien gieriger Dorfpolitiker. Sowas wird Haselsteiner zur Genüge kennen. Und wiel ich der Meinung bin, dass der Millionär aus Wien Dank dafür verdient, dass er mit Sutivan so respektvoll umgeht, wie selbst viele Stivanjani nicht, werde wohl ich derjenige sein müssen, der ihm Dank ausspricht. Das mache ich gerne.

Danke Hans Peter, dass Sie die Häuser Ilić und das Hotel Vesna in Sutivan von den Toten zurückholen! Ganz ehrlich!

(Und Danke auch, dass Sie meinem Freund K. die Chance auf einen neuen Job geben. Sein alter Job war echt scheiße.) (Bogumil Balkansky, 28.11.2015)

  • Das ist eine andere Baustelle auf der Insel Brač. Nicht die aus unserer Geschichte. Eine Symbolbaustelle also.
    foto: apa

    Das ist eine andere Baustelle auf der Insel Brač. Nicht die aus unserer Geschichte. Eine Symbolbaustelle also.

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