Als Jeanne d'Arc gegen Klimawandelskeptiker

28. November 2015, 17:00
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Vor allem in den USA gibt es sie: die Leugner des menschengemachten Klimawandels. Die US-amerikanische Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes weist ihnen Lobbyismus für die Erdölindustrie nach. Ein Porträt

Sie sei eine Kommunistin, eine Alarmistin und werde von einer "größtenteils feministischen Mafia" unterstützt. Untergriffige Attacken dieser Art kennt die US-amerikanische Geologin und Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes sicher zur Genüge. Mittlerweile reagiert sie relativ entspannt darauf. "Ich atme tief durch und mache Yoga", sagt sie dem STANDARD – und zitiert daraufhin Thurgood Marshall, Bürgerrechtsanwalt und erster schwarzer Richter im Obersten Gerichtshof der USA: "Der Verlauf der Geschichte führt zur Gerechtigkeit."

Was sie darunter versteht, ist leicht erklärt: Niemand sollte behaupten, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel eine Erfindung sei, und seriöse Wissenschafter, die die Erderwärmung durch Schadstoffe nachweisen, diskreditieren. So wie das mit Ben Santer passiert ist: Der Atmosphärenwissenschafter wurde als Autor jenes Teilberichts des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) von 1995, der bestätigte, dass der Einfluss des Menschen auf das Klima "wahrnehmbar" sei, Opfer einer regelrechten Hetzjagd. Wissenschafter, die zu Lobbyisten der US-Ölindustrie wurden, wollten seinen Ruf nachhaltig schädigen.

Attacken von vielen Seiten

Naomi Oreskes, geboren 1958, tritt seit Jahren gegen diesen Verband der Klimawandelskeptiker an, schreibt Bücher wie Die Machiavellis der Wissenschaft und Vom Ende der Welt (beide gemeinsam mit dem Historiker Erik M. Conway) und weist nach, dass die dahinterstehenden Wissenschafter dieselben sind, die auch die Gefahren von Tabakrauch, Ozonloch oder saurem Regen kleinredeten, und wird dafür in den USA von gar nicht so wenigen Menschen nicht ernst genommen oder eben verbal attackiert. Der in Wien geborene Physiker Fred Singer ist einer von ihnen.

Warum diese Skeptiker in den USA so leichtes Spiel haben und in Europa nicht? Oreskes: "Die Amerikaner glorifizieren das freie Unternehmertum. Es gibt eine lange Tradition darin, jede Intervention der Regierung in den Markt – also auch diejenigen zur Verbesserung des Umweltschutzes – mit Sozialismus gleichzusetzen und damit schlechtzureden."

Kritisches Denken

Das kritische Denken hat Oreskes, die mit einem Hydrologen verheiratet ist und zwei erwachsene Töchter hat, wohl im Elternhaus gelernt. Sie wuchs als Tochter eines Wissenschafters und einer Lehrerin in Manhattan auf. Als musikalisches Talent hatte sie beim Klavierspielen einen starken Hang zum Perfektionismus – und entschied sich für die Wissenschaft. Sie promovierte in Stanford und ist mittlerweile Professorin an der Harvard University in Cambridge bei Boston.

Ein entscheidendes Jahr in ihrer Karriere war 2004. Damals zeigte sie in einem Beitrag im Fachmagazin Science nach Analyse von mehr als 900 Fachartikeln auf, dass unter Wissenschaftern ein Konsens über den vom Menschen verursachten Klimawandel besteht. "Die Reaktion darauf war unbeschreiblich: So als hätte ich eine Granate geworfen."

"Feministische Mafia"

Spätestens damals begann auch die Rivalität mit Singer, der Sorgen um die Umwelt bis heute als übertrieben bezeichnet, aber nicht nur von Oreskes für sein Engagement in der Industrie – er war unter anderem Berater von Shell – heftig kritisiert wird. Ihm hat sie auch laut New York Times den Satz über die "feministische Mafia" zu verdanken. Sie wird aber nicht nur kritisiert, sondern auch als Jeanne d'Arc im Kampf gegen Klimawandelskepsis bejubelt, sie wird für ihren Einsatz als Heldin gefeiert. So weit würde sie selbst vermutlich nicht gehen. Sie bezeichnet sich nur als "Blitzableiter".

Persönlich merkt sie den Klimawandel beim Skifahren am Schnee, der deutlich weniger wird, und an den heftigen Regenfällen im Sommer. Das ist zwar kein Beweis für die menschengemachte Erderwärmung. Aber den braucht sie sowieso nicht zu erbringen, das haben schon andere Wissenschafter längst getan.

Sie sieht ihre Aufgabe eher darin, die Menschen wachzurütteln: in der Dezember-Ausgabe des Magazins Scientific American etwa mit dem Essay "How to Break Climate Deadlock", in dem sie eine weltweite CO2-Steuer fordert. Gerade rechtzeitig zum Klimagipfel, um die Diskussion wieder anzuheizen. (Peter Illetschko, 28.11.2015)

  • Die Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes tritt gegen Klimawandelskeptiker auf und wird dafür mitunter heftig attackiert.
    vincent verdi

    Die Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes tritt gegen Klimawandelskeptiker auf und wird dafür mitunter heftig attackiert.

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