Couplet für Nestroy-Aufführung: Wenn ein Wutbürger seine Seele entblößt

Video30. November 2015, 13:10
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Aktualisierte politische Couplets gehören heute fast zu jeder Nestroy-Aufführung. Für die Neuinszenierung von "Zu ebener Erde und erster Stock" am Wiener Volkstheater (Regie: Susanne Lietzow) hat STANDARD-Autor Hans Rauscher eines geschrieben

fischer
Hans Rauscher bei der Präsentation des Couplets im Rahmen der "Langen Nacht der Kolumnisten" im Rabenhof.

Das Couplet wird von der Figur des Dieners Johann gesungen, der erst unterwürfig ist, dann immer aggressiver seine Seele als Wutbürger entblößt – bis die Regie den Vorhang fallen lässt, hinter dem sein Geschimpfe noch weitergeht.

Ich weiß net, hab in mir so eine Wut, die schlagt mir aufn Magen,

doch andrerseits tut sie mir gut.

Die Wut muss heraus, doch bisher war's zu gefährlich,

man riskiert ja net gern was, simma sich ehrlich.

Vom Wählengehn hab ich nie viel g'halten,

die hohe Politik hat ja nur die Leute gespalten.

Wir echten Österreicher, wir fühl'n uns verraten,

von Lügenpresse, von Freimaurern und Illuminaten.

Von unsern Politikern, die hörig sind der EU,

Wie lang sehen wir braven Inländer da noch zu?

"Anständig und fleißig" hat der selige Jörg uns genannt,

doch wird das auch von denen da oben erkannt?

Ma derf ja nix sagn – oder höchstens im Netz,

im Internetforum, anonym oder nicht, is a Hetz.

Auf Facebook schreibt einer von zionistischen

Juden mit Geld,

was wiederum so manchem klammheimlich gefällt.

Gar viele sind von dem Eintrag entzückt,

von da drunten hat auch der Adolf "gefällt mir" geklickt.

Draußen in Deutschland, da marschiert schon Pegida,

a bissl g'schwollen, wie all's bei die Brüder:

"Patriotische Europäer gegen des Abendlandes

Islamisierung",

da brauchst bald ein Lexikon zur Buchstabierung

Na gut, die Deutschen wollen das Abendland retten,

wir sind da bescheiden und tun uns mit Simmering g'fretten

Der blaue Bezirkskapo sammelt die Kräfte:

Bitte, auf der Hauptstraßen net so viel türkische G'schäfte!

Na gut, vielleicht isst er dann weniger Döner.

Und wird dadurch möglicherweis' schöner.

(Refrain) Jo, meine Herrschaften, das hörts ihr net gern,

aber die Zeit is kommen für andere Herrn!

Es liegt was in der Luft, ich kann's richtig spürn,

das Volk beginnt die Geduld zu verliern.

"Wählt, was ihr denkt", hat's g'heißn am Plakat für die Wahlen, und g'macht ham wir's, das beweisen die Zahlen!

Im Roten Wien steht stolz der Gemeindebau,

doch, Schnecken, dort wählen s' jetzt alle blau!

Ihr glaubts, ihr könnts die Gutmenschen spieln,

für die Flüchtling' euch am Bahnhof die Füße verkühlen?

Die Zivilgesellschaft ist so super, steht überall zum Lesen,

doch was wir brauchen, ist viel mehr ein eiserner Besen!

Da gibt's welche, die wollen ein' Zaun, rund um unser schönes Österreich bauen,

wir schützen euch vor der Asylantenflut,

heißt's da – und das find ich ja gut!

Doch bestellts gleich eine Fuhr' Stacheldraht mehr,

ich wüsst schon, für wen und wofür die wär !

Der Asylant bleibt an der Grenz' und schreit, was er wüll,

doch die linkslinken Träumer, die finden im Lager Asyl!

Doch freilich, man darf ja in dem Land die Wahrheit nicht sagn,

das können die linkslinken Medien schon gar nicht vertragen

Man gilt als Rechter, als Faschist, ja als Neonazi gar,

wenn man einmal in einem Bierzelt für die Heimat war.

Schon jetzt so mancher sich mutig bekennt,

ich schau noch lieber, wie der Hase so rennt.

Einstweilen schön stad sein, ist hier drum die Pflicht,

doch, glaubts mir, gar so viel länger dauert das nicht!

Wir haben a Regierung, doch merkt man sie kaum,

weil sie sich die Halbscheid nicht hinterm Ofen hervortraun!

Die eine will gleich die "Festung Europa" erbaun,

doch zuerst beginnt die Debatte: Was ist denn ein Zaun?

Eine "bauliche Maßnahm'", eine "technische Sperre" vielleicht?

Oder ein "Türl mit Seitenteil", wie's dem Kanzler reicht?

Wenn der nimmer weiterweiß, telefoniert er halt mit der Merkel,

die sagt, wir schaffen das, Werner, und schon geht das Werkel

ein paar Wochen weiter, so irgendwie wogglert,

doch derweil wird ihm der schwarze Kompagnon

roglert!

Die sitzen herum wie ein alt's Paar,

die giften und schimpfen einander seit bald dreißig Jahr

Sie können ihre Gfrieser schon nimmer sehn,

aber noch fallt's ihnen schwer, auseinanderzugehn

in der Loge da drüben sitzt schon der Scheidungsgrund,

und passt ganz frech auf a günstige Stund',

"Man darf niemand ausgrenzen" säuselt's jetzt schon durchs Land,

ja eh net – zuerst nehmen wir den klein' Finger und dann die ganze Hand!

Denn es wird "aufgeräumt in unserem schönen Österreich",

wenn wir an der Macht sind, und zwar gleich!

Jo, meine Herrschaften, das hörts ihr net gern,

aber die Zeit is kommen für andere Herrn!

Die Schlaueren haben's vielleicht schon vernommen, "Wir sind in der Mitte der Politik angekommen!"

Ausländische Sozialschmarotzer! Wenn wir an der Macht sind, wann immer das sei,

dann ist's mit dem "Tischleindeckdich" für euch vorbei

Wenn wir den Kanzler haben, dann Obacht ihr Pack!

Dann heißt's bei Bedarf auch "Knüppel aus dem Sack!"

Da gilt für alle Freunde des Islam:

Heut' "hatsch ma ham nach Pakistan".

Asylbetrüger, linke Schreier und Islamisten?

Ist alles eins, die kommen in die Kisten!

EU-Diktatoren, Homo-Lobby, Volksverräter,

Wir sind die Opfer, ihr die Täter !

Politisch Korrekte, Asylantenhelfer, Gender-Terroristen,

Pleitegriechen, Kopftuchweiber, Dschihadisten,

Heimat-bist-du-großer-Töchter-Singer,

Patriotenhasser, Nazi-Keulenschwinger

Rot-grüne Heuchler, Multikulti-Tanten,

Invasionskollaborateure, illegale Asylanten

Umvolker, Parasiten, linke Zecken,

demnächst werden wir euch wecken!

(Hans Rauscher, 27.11.2015)

  • Der verschlagen-unterwürfige Diener Johann (Sebastian Pass) erklärt dem "gnädigen Fräulein" Emilie (Nadine Quittner), dass  jetzt er der Herr ist: "Zu ebener Erde und erster Stock" im Volkstheater.
    foto: h. neubauer / apa

    Der verschlagen-unterwürfige Diener Johann (Sebastian Pass) erklärt dem "gnädigen Fräulein" Emilie (Nadine Quittner), dass jetzt er der Herr ist: "Zu ebener Erde und erster Stock" im Volkstheater.

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