Thurnher über Jeannée: Da hängt er wie ein Sack

28. November 2015, 10:33
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Die Auseinandersetzung mit den großen Werken der Lichtbildkunst erfordert ikonologisches Einfühlungsvermögen

Ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte. Und es kann in Wien einen Menschen tiefgreifender verändern, als es an Paulus bei Damaskus eine Stimme von oben vermochte. Na ja, nicht ganz so, aber fast. Solches widerfuhr diese Woche dem Herausgeber des "Falter" beim Anblick eines Fotos im "Profil", auf dem Michael Jeannée von der "Krone" in der Pose eines geprügelten Hundes vor seinem Redaktionsschreibtisch abgebildet war. Der äußere Eindruck stand in krassem Gegensatz zum Inhalt des nebenstehenden Interviews, in dem sich Jeannée als der voll im Saft stehende Verächter eines zivilisierten Journalismus zu erkennen gab, als der er vor der Welt und dem Presserat notorisch ist. Doch nicht Gesprächsinhalte bescherten Armin Thurnher sein spätes Damaskus-Erlebnis, es war dieses Konterfei eines Märtyrers der "linken Schickimicki-Partie", das ihn unter dem Titel Bildnis eines sehr traurigen Mannes erschüttert bekennen ließ: Auf diesem Foto seiner Spätphase ist mir Michael Jeannée zum ersten Mal menschlich nähergekommen.

Die Auseinandersetzung mit den großen Werken der Lichtbildkunst erfordert ikonologisches Einfühlungsvermögen, und Thurnher bewies, dass es ihm daran nicht mangelt. Da hängt er wie ein Sack. Wie ein Fischer, dem nach stundenlangem Kampf der Fisch seines Lebens vom Haken gerutscht ist. Vielleicht wäre nicht jedem diese ichthyologische Annäherung an die Physiognomie eines "Krone"-Kolumnisten in den Laptop gerutscht, aber Bildbeschreibung erfordert nun einmal Genauigkeit. Sein linker Arm stützt sich auf die Schreibmaschine, sein rechter auf den Sessel, sein Kinn ruht faltenschwer auf dem Rücken seiner rechten Hand. Seine Miene ist verbittert, sogar die Armbanduhr sondert Weltschmerz ab: Verdrossen lugt die Rolex unterm grünen Tweedsakko hervor.

So weit geht Thurnhers Einfühlungsvermögen, dass er stellvertretend für Jeannée Todessehnsucht ausstrahlt. Die Haare zu färben zahlt sich nicht mehr aus, man sieht es am nachlässigen gelben Schimmer über dem strähnigen Grau. In der Schreibmaschine ist ein Blatt Papier eingespannt, aber es ist kaum beschrieben. Wer sollte es noch beschreiben, und warum, wenn sich nicht einmal mehr das Haarefärben auszahlt. Unser Mann auf dem Foto gewiss nicht mehr, er hat die Eitelkeit seines Bemühens eingesehen.

Fahr hin, schnöde Welt! verleiht Thurnher dem Dorian Gray des Boulevards seine Stimme. All die Polarisierungsarbeit, der tägliche Versuch, Menschen gegen sich aufzubringen, all der Hass, den er erweckt hat, macht ihn unendlich müde. Und weil in einem guten Bild das Ambiente den Charakter des Porträtierten spiegeln soll: An den schäbigen Plastikpaneelen seines traurigen Büros im Plattenbau hängt verloren die Trophäe einer Gämse; der abgewetzte Plastikvorhang am Fenster gibt den Blick frei auf einen weiteren Plattenbau. Einzig die nach dieser Todesanzeige zu Lebzeiten erschienenen Kolumnen Jeannées bezeugen, dass er der Verdrossenheit seiner Rolex nicht nachgefolgt und sich aus dem Fenster seines traurigen Büros im Plattenbau gestürzt hat.

Dabei wäre eine solche Verzweiflungstat nicht ganz unverständlich, ist er doch an Thurnher mit seinem journalistischen Hauptanliegen gescheitert. Meine Kolumne lebt von der Polarisierung. Wen interessiert das, wenn einer hochgebildet und hochintelligent irgendetwas daherschreibt? Du musst polarisieren. Und was antwortet Thurnher darauf? Michael Jeannée ist mir zum ersten Mal menschlich nähergekommen.

Wenn das Polarisieren nicht einmal mehr beim Herausgeber des "Falter" funktioniert, dieser statt dessen mit einem "De mortuis nihil nisi bene" antwortet – wie soll da einer fürder anständigen Boulevardjournalismus betreiben? Da kann man sich noch so abrackern, und den Chefredakteur des "Kurier" noch einmal zum Hegeabschuss freigeben. Da wird der Fischer, wenn ihm schon der Fisch seines Lebens vom Haken gerutscht ist, zum Jäger. Ein Jäger erschießt ein Tier, das krank ist, das blind ist, das hinkt. Das Tier muss von dieser Situation befreit werden.

Der Vergleich hinkt zwar ein wenig, denn es sollte der Hegeabschuss den "Kurier" von seinem Chefredakteur befreien und nicht ein krankes Tier von dieser Situation. Aber Jägersprache geht fließend in Jeannéelatein über, und in dieser Sprache heißt Hegeabschuss nun einmal: Der gehört als Chefredakteur entfernt. Ob die beiden einander inzwischen auch menschlich nähergekommen sind, ist nicht bekannt. (Günter Traxler, 28.11.2015)

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