Saudischer Außenminister: KAICIID keine "Aktivismusgruppe"

Interview27. November 2015, 17:05
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Adel al-Jubeir pocht auf die Freundschaft mit Wien. Probleme hat er hingegen mit Teheran

STANDARD: Sind die österreichisch-saudischen Beziehungen nach einem turbulenten Jahr – mit harter Kritik am König-Abdullah-Dialogzentrum in Wien, dem Entzug des Öffentlichkeitsrechts der saudischen Schule und anderem mehr – wieder völlig hergestellt?

Jubeir: Das Verhältnis war nicht wirklich beschädigt, dazu ist es historisch zu stark. Wir können sehr direkt und ehrlich miteinander reden. Die Sache mit der Schule wurde politisiert. Wir haben immer gesagt: Wenn es Probleme gibt, dann kommt zu uns damit, wir haben kein Interesse an einer Schule, die nicht den Anforderungen entspricht. Aber es wurde Teil einer politischen Kampagne, und da werden eben alle möglichen Sachen gesagt.

STANDARD: Die Auseinandersetzung um das Dialogzentrum war noch viel öffentlichkeitswirksamer.

Jubeir: Das war ein Missverständnis darüber, was die Rolle des Zentrums sein sollte. Es wurde als Brücke zwischen Religionen und Kulturen entworfen, als Zentrum für Dialog, als Ort, an dem Religionen zusammenkommen können. Es war nicht konzipiert als Aktivismusgruppe oder Watchdog für Menschenrechte. Wenn die Erwartung war, dass das Zentrum Vorgänge in Saudi-Arabien kritisiert: Wenn das der Fall wäre, dann müsste es sich auch mit solchen Vorfällen anderswo befassen. Dann wäre es eben kein Dialogzentrum mehr. Vielleicht hätte das Zentrum seine Mission besser kommunizieren können. Ich glaube, dass sie das jetzt auch versuchen zu tun.

STANDARD: Die Aufregung war eine Reflexion einer starken antisaudischen Stimmung: Der Salafismus, der konservative Islam, wird mit dem Extremismus, der Gewalt verursacht, gleichgesetzt.

Jubeir: Die Menschen suchen nach einfachen Erklärungen. Die gibt es aber nicht. So wird etwa gesagt, dass es der Mangel an Demokratie ist, das Fehlen von Rechten, das die Menschen zu Terroristen macht. Aber wenn das stimmt, warum kommen dann Terroristen auch aus Frankreich, England, den USA und so weiter, gibt es dort keine Demokratie und keine liberale Gesellschaft? Dann heißt es wieder, die Arbeitslosigkeit, fehlende Chancen treiben die jungen Leute in den Terrorismus ...

STANDARD: Es ist schon klar, dass die Motivationslagen sehr unterschiedlich sind, aber woher kommt die Ideologie, die sie anzieht?

Jubeir: Mein Punkt ist, dass es keine einfachen Erklärungen gibt. Es heißt, dass Saudi-Arabien und der Salafismus eine Quelle der extremistischen Ideologie sind. Das ist nicht wahr. Der erste saudische Staat entstand vor fast 300 Jahren. 270 Jahre lang haben wir also keinen saudischen Terroristen gehabt. Wenn diese Ideologie so extremistisch und gewalttätig ist, warum war sie so lang friedlich?

STANDARD: Aber gewisse Züge, so zum Beispiel die Abneigung gegen die Schiiten, gab es schon immer.

Jubeir: Der Konfessionalismus im Nahen Osten hat bis 1979 überhaupt keine Rolle gespielt, bis zur islamischen Revolution im Iran, bis sich der Iran im Libanon engagierte, mit der Gründung der Hisbollah, und den Konfessionalismus vorantreibt. Davor haben wir das nicht gekannt. 1979 hat eine Reaktion ausgelöst in der sunnitischen Welt. Die Extremisten fanden ihr Betätigungsfeld.

Und nun haben wir eine komplizierte Situation, die die ganze Welt betrifft. Wir brauchen ganzheitliche, der Komplexität gerecht werdende Lösungsansätze. Wir werden sie nicht finden, indem wir einander beschuldigen. Es gibt soziale Fragen, psychologische, wirtschaftliche, politische, religiöse, alles spielt da hinein. Mit einfachen Erklärungen zu kommen wird nicht genügen.

Und: Wenn ein Muslim jemanden umbringt, dann ist er ein islamischer Terrorist, wenn der Täter ein Christ ist, ist er einfach ein Krimineller. Zum Beispiel Paris, der Anschlag auf Charlie Hebdo: Die Angreifer wurden als Jihadisten beschrieben. Und der Polizist, der bei der Verteidigung des Hauses gestorben ist, war ein Muslim – und niemand hat das gesagt.

STANDARD: Das kann nicht ganz stimmen, denn sonst wäre das etwa mir nicht bekannt, und das ist es.

Jubeir: Es wurde aber erst viel später thematisiert. Die Headline war "islamische Terroristen".

STANDARD: Für fast alle Probleme und Konflikte in der Region wäre eine iranisch-saudische Verständigung nötig, aber das Verhältnis scheint immer schlechter zu werden. Gibt es eine Chance auf einen konstruktiven Dialog?

Jubeir: Wir sind bereit, wir wollen gute Beziehungen, und wir haben das den Iranern gesagt. Das Problem sind ihre Aktionen. Sie sind es, die sich im Libanon, in Syrien, im Irak, in Bahrain und im Jemen einmischen. Sie sind es, die versuchen, Sprengstoff nach Bahrain zu schmuggeln oder nach Saudi-Arabien.

STANDARD: Im Iran gibt es unterschiedliche Kräfte. Ist nicht die Regierung Rohani eine Hoffnung, dass der Iran pragmatischer wird?

Jubeir: Wir haben sofort nach dessen Ernennung Außenminister Mohammed Javad Zarif eingeladen. Das war vor zwei Jahren, und er war noch immer nicht da.

STANDARD: Also nehmen die Iraner die Einladung nicht an?

Jubeir: Wir haben sie einige Male wiederholt. Aber sehen Sie, reden ist auch nicht genug. Entscheidend ist, was danach passiert.

STANDARD: Wie sehen Sie den Iran? Als schiitisch missionarischen Staat oder als Nationalstaat, der nach der Hegemonie in der Region strebt?

Jubeir: Ich denke, sie sind Nationalisten. Aber fragen Sie sie selbst. (Gudrun Harrer, 27.11.2015)

Zur Person:

Adel Al-Jubeir (53) ist seit April 2015 Außenminister Saudi-Arabiens. Davor war er acht Jahre lang saudi-arabischer Botschafter in Washington.

  • Saudischer Außenminister Adel al-Jubeir: Nur bei muslimischen Kriminellen wird die Religion verantwortlich gemacht.
    foto: reuters/mohamed abd el ghany

    Saudischer Außenminister Adel al-Jubeir: Nur bei muslimischen Kriminellen wird die Religion verantwortlich gemacht.

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