Trauer in Frankreich: Ein Land soll Flagge zeigen

27. November 2015, 16:43
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Präsident François Hollande beschwor den nationalen Schulterschluss, manche fühlen sich davon politisch vereinnahmt

Der Moment war ergreifend – und genau zwölf Minuten lang. So lange dauerte es, bis die Namen aller 130 Attentatsopfer des 13. November verlesen waren. Zwei Lautsprecherstimmen wechselten einander ab, Vornamen, Namen und Alter der Erschossenen zu nennen. Im bitterkalten Hof des Invalidendoms kamen vielen der 2000 Gäste wieder und wieder die Tränen, während die Aufzählung nicht enden wollte.

Eingerahmt wurde die schlichte Zeremonie durch zwei Chansons von Jacques Brel und Barbara sowie eine Bach-Suite – und zum Schluss natürlich die Marseillaise, in die der ganze Hof einstimmte. "Es ist die Musik, die die Terroristen nicht ausstehen können", erklärte François Hollande in seiner Ansprache und erinnerte an das Blutbad im Bataclan-Saal während eines Rockkonzerts. "Sie haben den Kult des Todes, aber wir haben die Liebe zum Leben."

Ein patriotischer Schub

Zugleich wählte der französische Präsident schon im ersten Satz deutliche Worte an die Adresse der "Horde von Mördern", die einen "Akt des Krieges" begangen habe: "Diese Bewährungsprobe hat uns schwer getroffen, aber sie wird uns stärker machen. Frankreich wird die fanatische Armee, die diese Verbrechen begangen hat, zerstören."

Vor der Gedenkfeier hatte er seine Landsleute gebeten, Fenster und Balkone mit der rot-weiß-blauen Trikolore zu beflaggen. Vielleicht brauchten die Franzosen diesen "patriotischen Schub" – so der Chronist Alain Duhamel –, um den Schrecken zu überwinden.

Ob Trikolore, Marseillaise oder markige Worte des Staatschefs: Frankreich lebte schon immer mit – und zum Teil auch von – seinen nationalen Symbolen. Wegen der für die Republik so wichtigen Revolution des Jahres 1789 hat auch die Linke keine Berührungsängste damit.

Auch Linke tragen die Tricolore

Als Beispiel unter vielen umrahmte die Linken-Politikerin Raquel Garrido ihren Internetauftritt in den drei Nationalfarben. Und selbst der bekannte Sänger Magyd Cherfi, der aus Algerien stammt und sich als Anarchist bezeichnet, trug am Freitag symbolisch die Trikolore.

Schaute man sich die Häuserfassaden an, drängte sich allerdings der gleiche, fast schon soziolo gische Befund wie bei den Charlie-Hebdo-Attentaten von letztem Jänner auf: Ganze Banlieuezonen nahmen kaum an der Trikolore-Aktion teil. An den riesigen Wohnsilos der Immigrantenviertel prangte großenteils keine einzige Flagge. Doch auch andere Franzosen weigerten sich, Hollandes Appell zu folgen. Im Lokalblatt Le Parisien erklärte ein Beamter trotzig, er lasse sich von der Regierung nicht vorschreiben, was er zu tun habe. Eine 73-jährige Dame verwandte sich zudem gegen "den Eindruck einer politischen Vereinnahmung".

Hollandes Beliebtheit steigt

In der Tat war die ganze Gedenkfeier im Hof des Invalidendoms ganz auf Hollandes Auftritt ausgerichtet. Der Sozialist erhielt – oder gab sich – als Einziger das Wort; alle anderen Politiker, Expräsidenten oder Parteichefs, darunter Nicolas Sarkozy und Marine Le Pen, hatten nur eine schweigende Statistenrolle.

Der Präsident verbucht seit den Terroranschlägen ein Umfrageplus von sieben Prozent. An den beiden ersten Dezemberwochenenden finden in Frankreich Regionalwahlen statt, bei denen das Hollande-Lager dennoch mit einer Schlappe rechnen muss. In den Umfragen liegt der rechtsextreme Front National (FN) mit knapp 30 Prozent vor den konservativen "Republikanern" mit rund 28 Prozent – und weit vor Hollandes Sozialisten mit 22 Prozent. (Stefan Brändle aus Paris, 27.11.2015)

  • François Hollande bei der Zeremonie in Paris.
    foto: apa / epa / philippe wojazer

    François Hollande bei der Zeremonie in Paris.

  • Viele Pariser schmückten am Freitag ihre Fenster mit der Tricolore – aber bei weitem nicht alle.
    foto: apa/ epa / ian langsdon

    Viele Pariser schmückten am Freitag ihre Fenster mit der Tricolore – aber bei weitem nicht alle.

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