"Kreise/Visionen": Der Preis und der Geruch der Wünsche

27. November 2015, 16:49
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Dominique Schnizer überzeugt mit düsterer Inszenierung von Joël Pommerat in Graz

Graz – Für wie viel Geld würde man ein nicht lebensnotwendiges Organ verkaufen – an einen Vater, der Geld im Überfluss hat, dessen kranker Sohn aber zu sterben droht? Kann man auf Augenhöhe mit jemandem stehen, von dem man finanziell abhängig ist, nur weil man das Du-Wort von dieser Person angeboten kriegt? Und gibt es einen Krieg, der es wert ist, gekämpft zu werden, der es rechtfertigt, andere Menschen zu töten? Joël Pommerats Stück Kreise/Visionen stellt die Zuseher vor solche Fragen – oder zumindest die Protagonisten auf der Bühne. Das Publikum ist in der weitaus bequemeren Lage, keine Entscheidungen treffen zu müssen.

Am Grazer Schauspielhaus hat der Regisseur Dominique Schnizer, ursprünglich selbst Grazer und einst Regieassistent am Haus, quasi als Heimkehrer Kreise/Visionen inszeniert. Erzählt werden sieben Geschichten in 23 Szenen, die zuerst scheinbar abrupt aneinander anschließen. Schnizer lässt die düsteren Bilder auf der Drehbühne vorbeiziehen, quer durch die Epochen.

Man trifft den Ritter, der vor seinem Kampf mit Gott spricht, den Manager (Fredrik Jan Hofmann), der in einer Tiefgarage auf eine übelriechende obdachlose Frau trifft, die für ihn zu seinem Gott wird, von dem er sich abhängig fühlt. Reihenweise sterben seine beruflichen Konkurrenten, und der Mann glaubt, er könne nur zur Nummer eins aufsteigen, wenn er mit dieser Frau schläft. Seine Frau (Evi Kehrstephan) bestärkt ihn im absurden Aberglauben. Später wird er den Geruch, der auf dem Weg zur Spitze an ihm haften blieb, nicht loswerden.

Man findet sich an der Tafel eines alten Hauses wieder, wo die Bediensteten von nur scheinbar liberalen Herrschaften (wunderbar: Franz Solar und Evamaria Salcher) gedemütigt werden – ebenso wie die Teilnehmer eines Kurses am Arbeitsamt 100 Jahre und ein paar Szenen vorher. Dazwischen marschieren Soldaten ins Nichts. Schnizer gelang gemeinsam mit Bühnenbildnerin Christin Treunert ein nüchterner Abend ohne moralisierende Anklage, der umso schärfer Sehnsüchte und Spiele seziert, bis es leise zu schmerzen beginnt. (Colette M. Schmidt, 27.11.2015)

Schauspielhaus Graz, nächster Termin 1. 12.

  • Evi Kehrstephan, Raphael Muff, Tamara Semzov und Fredrik Jan Hofmann in "Kreise/Visionen".
    foto: lupi spuma

    Evi Kehrstephan, Raphael Muff, Tamara Semzov und Fredrik Jan Hofmann in "Kreise/Visionen".

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