Cape Farewell: Emotionale Erfahrung statt abstrakter Modelle

29. November 2015, 11:00
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Kunstwerke, Musik, Architektur und Literatur können dabei helfen, das gesellschaftliche Denken zum Klimawandel zu beeinflussen, ist David Buckland überzeugt. Er gründete die Initiative Cape Farewell

Die Idee ist, dass die Magie der Arktis die Menschen verändert. Acht Expeditionen hat die Initiative Cape Farewell seit 2003 zur nördlichen Polkappe unternommen: Crews aus Musikern, Schriftstellern, Künstlern, Forschern (seit 2007 auch Schülern) segelten auf dem alten Schoner Noordelicht in die Arktis, um sich ein Bild vom Klimawandel zu machen. Wird man Zeuge davon, wie die ewigen Gletschermassive schmelzen, wie Tonnen von Eis vor den eigenen Augen bersten, dann wird diese Erfahrung einen unweigerlich beeinflussen.

foto: sion touhig / cape farewell
Die Zukunft geringschätzen: David Buckland, britischer Künstler und Gründer der interdisziplinären Klimaschutzinitiative Cape Farewell, realisierte 2004 und 2005 seine "Ice Texts". Mahnende Worte auf "brennendem Eis".

Die Kulturschaffenden gehen keine Verpflichtung ein, etwas zu produzieren, berichtete Jarvis Cocker 2012, als er sogar Umweltbotschafter von Greenpeace war. "Wer den Klimawandel tatsächlich gesehen hat, aus dem sprudelt dann schon von allein etwas." Der Ex-Pulp-Frontmann nahm 2008 an der Disko-Bay-Expedition – damals mit dem Forschungsdampfer Grigory Mikheev – zur Westküste Grönlands teil, was dem Musiker den Spitznamen "Indie-Sting" einbrachte. Eines Abends an Bord sei etwas mit ihm geschehen. Ob es die spektakuläre Landschaft war oder die Abwesenheit der Menschen, wisse er nicht. Später schrieb Cocker einen Song: Slush.

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"Wir begreifen hier die Schönheit, die wir dabei sind zu verlieren", sagte Autor Ian McEwan, der nach seiner Reise in die Arktis den Essay "A Boot Room in The Frozen North" verfasste. Der Schriftsteller war so wie Rachel Whitread, die 2005 die Tate Modern mit tausenden weißen Boxen in eine Eislandschaft verwandelte, Crewmitglied der allerersten von Tromsø über Bear Island nach Spitzbergen führenden Expedition. Die Künstler wanderten bei minus 30 Grad Celsius über die Weite des Eises, diskutierten mit den ihren Messungen nachgehenden Wissenschaftern.

videostill: siobhan davies, cape farewell
"Walking Dance", eine Performance von Siobhan Davies, 2005

Kollaps des Ökosystems

Die 2001 vom britischen Künstler David Buckland gegründete, dem sozialkritischen Realismus verpflichtete Initiative Cape Farewell will das öffentliche Bewusstsein für den Klimawandel nicht nur wecken, sondern die Einstellung der Menschen maßgeblich verändern. Buckland will den Kollaps des Ökosystems emotional erfahrbar machen. Den Anstoß zu diesem Unterfangen gab 1999 ein Artikel im Guardian: Es ging um ein mathematisches Modell des Atlantischen Ozeans, das damals wohl beste Klimamodell. Er fand es trotzdem grotesk und fragte sich, wie man diese großen Abstrakten – Grafen und Daten – in eine Narration verwandeln, ja sie "auf eine menschliche Größe herunterbrechen" könne.

foto: nathan gallagher
Auch eine Visualisierung von CO2-Mengen: Sunand Prasads "Greenhouse Gas", 2008

So wie Bildhauer Antony Gormley und Architekt Peter Clegg, die 2005 ein Kilogramm Kohlendioxid sichtbar machten. Unter atmosphärischem Druck ist das Volumen 0,54 Kubikmeter, das entspricht menschlichen Dimensionen: Sie schnitten also eine sargähnliche Grube in den Schnee oder türmten aus Eisziegeln eine mannshohe Stele. Buckland hingegen bannte das unheilvolle Krachen und Beben eines vor atemberaubend schöner Gletscherkulisse abbrechenden Gletscherkolosses auf Video. Ein schauriges Schauspiel, begleitet vom Kreischen der Möwen, das für nachhaltige Beunruhigung sorgt.

foto: gormley, clegg, cape farewell
Projekt von Gormley und Clegg 2005 in Spitzbergen: "Three Made Places"
canadian art

Cape Farewell hat nicht nur zur Arktis Expeditionen unternommen, sondern auch zwei zu den schottischen Inseln und eine in die peruanischen Anden. Mit an Bord waren Künstler und Kulturschaffende wie Sophie Calle, Gary Hume, Lucy and Jorge Orta, Nick Drake, Peter Clegg oder Leonid Tishkov. Die Plattform hat zahlreiche Festivals und internationale Ausstellungen im Dienst der Sache organisiert oder auch die Awareness-Kampagne "Lower your heat" gestartet. Aktuell realisiert Cape Farewell gemeinsam mit dem französischen Partner Coal das offizielle Kulturprogramm ArtCop21 für den Klimagipfel in Paris. Weltweit finden 400 Veranstaltungen statt, allein in Paris sind es mehr als 100: Olafur Eliassons schmelzendes Grönlandeis und die Exit-Installation im Palais de Tokyo zählen dazu.

fondation cartier pour l'art contemporain

Buckland findet es traurig, dass der Klimawandel nur als unabwendbare düstere Katastrophe gesehen wird. Für ihn ist er ein "Abenteuer des Wandels". Mithilfe sauberer Technologien sei die Herausforderung zu meistern. Auf Energien, die wir beziehen, "indem wir in der Erde herumbohren", könne man sich jedoch nicht verlassen. Energieressourcen wie Sonne und Wind würden hingegen nie ausgehen. (Anne Katrin Feßler, 28.11.2015)

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..."Cool down Climate Change!" – Awareness-Kampagne "Lower your heat" von Cape Farewell
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