Hengstschläger: "Wir wollen das Wort Strafe vermeiden"

Interview29. November 2015, 10:00
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Der Genetiker gilt als "Vater" des Bildungskompasses. Das soll ein Büchlein sein, das Kinder vom Kindergarten an begleitet

STANDARD: Können Sie uns erklären, was der Bildungskompass genau sein soll?

Markus Hengstschläger: Nach Vorbild des Mutter-Kind-Passes soll etwas Ähnliches für die Bildung eingeführt werden. Die Details gibt es noch nicht, die werden im Rahmen einer Expertengruppe ausdiskutiert, die sich derzeit formiert. Der Nationalrat stimmt dann darüber ab. Im September 2016 soll der Kompass starten.

STANDARD: Was ist die Idee?

Hengstschläger: Das Ziel ist, den Start in die Schuleingangsphase für alle Österreicher fair und gleich zu gestalten.

STANDARD: Erstmals sollen Kinder mit 3,5 Jahren getestet werden. Wie kann das ablaufen?

Hengstschläger: Die Erstuntersuchung können zum Beispiel Kindergartenpädagoginnen oder Psychologen durchführen. In der Neuausrichtung der Kindergartenausbildung sollen die Pädagoginnen jedenfalls darauf vorbereitet werden. Aber auch die Ressourcen gehören aufgestockt.

STANDARD: Nehmen wir an, es wird festgestellt, das Kind hätte logopädischen Förderungsbedarf. Was soll dann geschehen? Schon jetzt sind die Wartelisten zu lang.

Hengstschläger: Das ist dann eine Bringschuld des Staates. Wenn Förderbedarf besteht, muss es die nötigen Instrumente geben. Denn jedes Kind hat das Recht, optimal gefördert zu werden. Wir wollen das Wort Strafe vermeiden, aber es gibt eine Mitwirkungspflicht.

STANDARD: Wollen Sie die Teilnahme an die Kinderbeihilfe koppeln?

Hengstschläger: Das geht nicht.

STANDARD: Welche Informationen sollen im Kompass stehen?

Hengstschläger: Die sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten werden getestet, den Rest wird die Expertengruppe definieren. Der Bildungskompass hat jedenfalls nicht das Ziel, sich nur auf die Schwächen zu konzentrieren.

STANDARD: Wie wollen Sie den Datenschutz sicherstellen?

Hengstschläger: Der Mutter-Kind-Pass ist nicht öffentlich zugänglich, so soll es auch hier sein.

STANDARD: Wo sollen die Informationen gespeichert werden?

Hengstschläger: Ich hätte gerne, dass der Bildungskompass nur ein Büchlein ist.

STANDARD: Wer soll Zugriff haben?

Hengstschläger: Es gibt neuralgische Punkte, an denen wir wissen wollen, ob etwas zu tun ist. Die Schuleingangsphase etwa, hier sollen Lehrer Zugriff haben. Ebenso notwendig ist das bei offenen Fragen. Auch der Peak nach oben ist ein Grund nachzuschauen.

STANDARD: Bekommen Eltern den Bildungskompass mit nach Hause?

Hengstschläger: Ich bin dafür, das wird allerdings noch diskutiert.

STANDARD: Der Bildungskompass soll Schritt für Schritt mit Gesundheitskomponenten verknüpft werden. Wie soll das aussehen?

Hengstschläger: Es kann bei einer Testung ja auch etwas herauskommen, was im Sinne von Pathologie interpretiert werden muss. Das kann man nicht mit einem Kurs beheben. Da braucht es medizinische Dienstleistung. Heißt: Hier muss es eine Verschaltung geben.

STANDARD: Und wenn ich womöglich bereits bearbeitete Defizite nicht bei der nächsten "neuralgischen Stelle" vorlegen will?

Hengstschläger: Sie sprechen von der Problematik, dass ein Lehrer, weil informiert, die Situation vielleicht anders behandelt und irgendeine Schranke für Eltern und Kind eingebaut werden könnte. Die Freiheit, solche spezifischen Informationen herauszunehmen, könnte man andenken.

STANDARD: Was, wenn mein Kind immer schon Probleme mit einem bestimmten Lehrer hat?

Hengstschläger: Wenn es ein unüberbrückbares Problem ist, dann muss man das vermeiden. Eine Frage allerdings, die sehr

STANDARD: ... praxisrelevant ist.

Hengstschläger: Aber die lösen wir. Da haben die Eltern im Einzelfall ein Vetorecht. Es kann nicht sein, dass die Karriere eines Menschen von einem Menschen abhängt, der ihn nicht leiden kann.

STANDARD: Wie praktikabel ist das Opt-out beim Pflichtkindergarten?

Hengstschläger: Welches Interesse dahintersteckt, durchschaue ich noch nicht. Auch dass man in Vorbereitung auf das zweite Kindergartenjahr mindestens drei Monate den Kindergarten besuchen muss, steht im Papier, ist aus meiner Sicht aber schwer umsetzbar.

STANDARD: Ersetzt der Bildungskompass irgendwann die Note?

Hengstschläger: Damit kann ich einiges anfangen. Das müssen aber andere entscheiden (Katrin Burgstaller, Karin Riss, 29.11.2015)

Markus Hengstschläger (47) leitet das Institut für Medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien.

  • Genetiker Markus Hengstschläger arbeitet am "Bildungskompass".
    foto: standard/matthias cremer

    Genetiker Markus Hengstschläger arbeitet am "Bildungskompass".

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