Onlinepranger und Cyberwar: Netzpolitische Bücher für den Winter

13. Dezember 2015, 19:32
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Eine unvollständige Auswahl der wichtigsten Bucherscheinungen zur Netzpolitik

N, S und A: Diese drei Buchstaben dominierten nach den Snowden-Enthüllungen ab Juni 2013 auch die Inhaltsverzeichnisse netzpolitischer Sachbücher. Snowden-Vertrauter Glenn Greenwald berichtete ebenso wie seine Kollegen von Guardian (Luke Harding) und Spiegel (Markus Rosenbach, Holger Stark) aus erster Hand, zahlreiche andere Publizisten folgten mit essayistischen Betrachtungen (etwa Stefan Aust mit "Digitale Diktatur). Nun ebbt die Fülle an Titeln zu Überwachung und Big Data wieder etwas ab, Verlage bieten ein breiteres Potpourri an Themen. Der Webstandard hat 2015 fleißig gelesen – und eine Reihe von Empfehlungen und Warnungen im Angebot.

Arabellion mit Technik

Eine hochinteressante Abhandlung über "Hacker-Ethik" und den Wunsch, politische Veränderung mit Technologie zu unterstützen, findet man bei Stephan Urbach. In "Neustart" erzählt er, wie er während der Revolutionen in Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien dortigen Dissidenten bei der Umgehung staatlicher Zensur hilft – und wie ihn diese Tätigkeit langsam zur totalen Erschöpfung treibt. Ein Sachbuch, das große Weltläufe mit persönlichem Schicksal verbindet.

Was ist ein Algorithmus?

Big Data, intelligente Maschinen, personalisierte Überwachung: Es dauert nicht lange, bis im Zusammenhang mit großen netzpolitischen Fragen der ominöse "Algorithmus" auftaucht. Der Mathematiker Sebastian Stiller hat sich in "Planet der Algorithmen" auf die Suche nach diesem Begriff gemacht – denn kaum jemand weiß genau, wovon er da eigentlich spricht. Sehr verständlich schildert Stiller, woraus ein Algorithmus besteht, welchen Zweck dieser hat und warum Leonardo da Vinci eigentlich schon Algorithmen formuliert hat. Empfehlenswert auch für jene, die sich nicht tagtäglich mit Technologie beschäftigen.

Großartige Erklärstücke

Randall Munroes "Der Dinge-Erklärer" richtet sich auch an all jene, die endlich verstehen wollen, was in ihrer Umgebung passiert. Der Blogger hat es sich in dem aufwändig illustrierten Buch zum Ziel gesetzt, komplexe technische Geräte wie die Waschmaschine oder die ISS-Raumstation mit sehr einfachen Worten zu beschreiben. Pardon: Die "Maschine, die macht, dass Wäsche gut riecht" und die "Wohngemeinschaft im Weltraum". Genial ist das vor allem deshalb, weil Munroe die Funktionsweise der erklärten Objekte so wirklich verstehen musste und sich nicht in sprachliche "Ablenkungsmanöver" (Stichwort: Algorithmus) flüchten kann.

Satire und Online-Pranger

In "Poste deine Darmspiegelung" beschreibt der Satiriker Peter Wittkamp, was passiert ist, seitdem der Mainstream online gegangen sind. Für Wittkamp bedeutet das: Unmengen an Smileys, unsinniger Facebook-Statusmeldungen und furchtbarer Fotos. Ein humorvolles Buch, das den Leser zum "perfekten Internetnutzer" machen will. Dass die Social Media-Nutzung gelernt sein will, da sonst drastische Folgen drohen, zeigen die Geschichten in "So You've been publicly shamed". Der britische Jouranlist Jon Ronson trifft darin Menschen, die online an den Pranger gestellt wurden. Beispielsweise Justine Saecco, der ein dummdreister Scherz über AIDS den Job kostete. Eine empfehlenswerte Lektüre – auch, weil einige Passagen im Buch Ronson selbst einen Shitstorm bescherten. Auf Deutsch leider noch nicht erhältlich.

Philosophische Betrachtungen

Anstrengender zu lesen ist im Vergleich "Soziophobie" des spanischen Philosophen Cesar Rendueles. Er versucht darin zu klären, ob soziale Medien und Prinzipie wie Creative Commons wirklich geeignet sind, sozialen Wandel auszulösen. Spoiler: Ganz davon überzeugt ist Rendueles nicht – der "Cyberfetischismus" der Linken sei naiv, führt er aus. Ein interessantes Werk, da es die Urheberrechtsfragen von konkreten Scharmützeln löst und als größeren politischen Entwurf betrachtet.

Hybride Kriege und

Am Rande mit Netzpolitik zu tun haben zwei Sachbücher, die mehr dem Bereich Zeitgeschichte zuzuordnen sind – aber aus denen netzpolitisch dennoch wichtige Lehren gezogen werden können. In "Kriegssplitter" versucht der renommierte Historiker Herfried Münkler, die Bedeutung von Krieg im 20. und 21. Jahrhundert zu klären – auch unter Einbeziehung aktueller Krisen wie der Krim-Besetzung. Interessant ist daran, wie Münkler den Bogen von einer Abnahme direkter Konflikte zwischen Nationen zu hybriden Gruppen (Terroristen, Separatisten) schafft und dann erklärt, was das Überwachungs- und Kontrollregime der NSA sicherheitspolitisch mit diesen Veränderungen zu tun hat. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang auch "Stuxnet – The Countdown to Zero Day" von Kim Zetter, das einen detaillierten Blick auf die erste Cyberwaffe der NSA bietet – aber leider noch nicht auf Deutsch erschienen ist.

Was Europa von Israel lernen kann – und was nicht

Auch Dror Morehs "The Gatekeepers", in dem sechs ehemalige Direktoren des israelischen Geheimdienstes "Shin Bet" über ihre Amtszeit erzählen, hat indirekt viel mit der NSA zu tun. Denn der Shin Bet operiert ganz anders als US-amerikanische Behörden, die auf elektronische Überwachung setzen: Der israelische Dienst versucht, ganz eng an seinen Zielen zu agieren und rekrutiert dafür zahlreiche Informanten aus deren Umfeld. Ein Vorbild? In gewisser Weise kann Europa nach Paris vom Shin Bet lernen, doch Morehs spart auch Skandale und Menschenrechtsverletzungen nicht aus. Empfehlenswert ist auch die dazugehörige Dokumentation, die 2012 im Kino lief.

Cyberkrank und Digitaler Burnout

Für Technikbegeisterte eher weniger empfehlenswert sind "Digitaler Burnout" von Alexander Markowetz und "Cyberkrank" von Manfred Spitzer. Wie deren Titel schon verraten, geht es darin vor allem um negative Auswirkungen, die technologische Neuerungen wie das Smartphone auf das Leben der Nutzer haben sollen. Prinzipiell zwar ein spannendes Thema, das beide Autoren aber etwas platt abhandeln. (fsc, 13.12..2015)

  • Für Leseratten (und -katzen) gibt es auch heuer wieder eine Reihe von interessanten Büchern
    foto: standard

    Für Leseratten (und -katzen) gibt es auch heuer wieder eine Reihe von interessanten Büchern

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