"Blue Moon": Wer den Schaden hat, hat auch den Blues

27. November 2015, 14:55
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Mit Jubelstürmen bedachte das Publikum Sona MacDonalds denkwürdigen Versuch, in die Rolle von US-Sängerin Billie Holiday zu schlüpfen. Die Hommage "Blue Moon" (Regie: Torsten Fischer) ist rundum geglückt

Wien – Nichts leichter, als den Fall Billie Holidays auf sich beruhen zu lassen. Keine Jazzsängerin aus vergangener Zeit konnte es ihr gleichtun. Sie sang lasziver als alle anderen zusammen. Ihr gaumiges Schmachten konnte Steine erweichen. Sie soff, kokste und sang sich während ihres kurzen Lebens in jene sonderbare Stimmung, in der Wohlbehagen und tiefste Verzweiflung einander überraschend ähnlich sehen.

Ein ungeschriebenes Naturgesetz besagt, du sollst die Holiday nicht nachsingen wollen. Die verehrungswürdige Cassandra Wilson hat mit einem solchen Versuch heuer entsetzlich Schiffbruch erlitten. Es steht auch nirgendwo geschrieben, dass eine Holiday-Hommage ausgerechnet in den Kammerspielen des Wiener Josefstadt-Theaters stattfinden muss. Torsten Fischer und Herbert Schäfer haben genau das getan: eine geradezu schlampige Songrevue aus dem Boden gestampft. Sie ist, um es vorwegzunehmen, hinreißend gelungen.

20 Lieder aus dem American Songbook; jedes einzelne von ihnen hatte sich Holiday angeeignet, um zum Beispiel den Ehemännern und Liebhabern die Leviten zu lesen. Oft begannen die Gatten als "Lover". Später kümmerten sich die Beglückten darum, aus Billies Talent möglichst viele Dollar herauszuschinden. Die Goldkehle dankte es ihnen, indem sie sich selbst zugrunde richtete. Sie trieb Suchtmittelmissbrauch.

Dame mit Mephisto

In den Kammerspielen umspielt ein feines Lächeln Billies (Sona MacDonald) Züge. Es verrutscht mit Fortdauer des Abends, so wie die Wimperntusche zerläuft und die Schuhwichse im Gesicht verblasst. Es assistiert ihr eine Art Mephisto (Nikolaus Okonkwo) namens "er". Besagter Herr, ein Nachtclub-Filou in Smokinghosen, eröffnet die Revue mit der Frage, ob sich irgendwelche "Nigger" im Publikum befänden. Das letzte Getuschel verstummt.

"Was haben wir uns geliebt", versichert Okonkwo weiter. Die Mission des Mannes wird es sein, Billie auf ihrem Weg in die Unterwelt zu begleiten. Der Pointe besteht darin, dass die USA in den 1920ern und 1930ern für eine schwarze Sängerin der Hölle auf Erden bereits zum Verwechseln ähnlich sahen.

Im Pingpong der beiden Protagonisten erglüht noch einmal die Spur von Holidays Erdentagen. Sie sei in Philadelphia geboren, meint Okonkwo. Quatsch, sagt MacDonald, es war in Baltimore. Die ersten Songs werden mit stupender Sicherheit gemeistert: Body and Soul, The Man I Love von den Gershwins ("Someday he'll come along ...").

Gleichsam auf Zehenspitzen tastet sich MacDonald an den Star heran. Das erste Kleid strahlt hell. Noch lassen sich vage Befürchtungen nicht ganz unterdrücken. Vielleicht ist MacDonalds Stimme doch zu hell, zu groß für Holidays formvollendet kunstlose Phrasierung. Vielleicht ist der Abend doch nur ein dummes Sakrileg.

Ungefähr beim achten Lied (Summertime) wird man Zeuge einer wunderbaren Verwandlung. MacDonald setzt ihr unerreichbares Vorbild aus lauter kleinsten Klanggesten zusammen. Sie imitiert Holiday nicht, sondern verschmilzt mit dem Gesang, den sie zugleich sorgfältig präpariert. Der Mond strahlt, die vierköpfige Band (Leitung: Christian Frank) legt einen daunenweichen Teppich. Formvollendeter kann man gar nicht zugrunde gehen. (Ronald Pohl, 27.11.2015)

  • Ihre wahren Freunde hießen Jim Beam und Beefeater: Sona MacDonald als Holiday bei der Arbeit.
    foto: apa/hans klaus techt

    Ihre wahren Freunde hießen Jim Beam und Beefeater: Sona MacDonald als Holiday bei der Arbeit.

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