Plastikmüll im Meer: Poseidons Reich geht unter

27. November 2015, 17:12
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Die Zukunft sieht düster aus, das Weltmeer und sein Ökosystem sind zum Sorgenkind geworden – durch menschliche Maßlosigkeit

Die biologische Vielfalt der Meere nimmt dramatisch ab, stellt die Natur- und Umweltschutzorganisation WWF in ihrem kürzlich veröffentlichten Living Blue Pla-net Report 2015 fest. Demnach schrumpften die Populationen von Meeressäugern, Seevögeln, Reptilien und Fischen innerhalb von 40 Jahren um die Hälfte. Fazit: Die Zukunft sieht düster aus, das Weltmeer und sein Ökosystem sind zum Sorgenkind geworden – durch menschliche Maß- und Sorglosigkeit.

Die größte Bedrohung geht vom globalen Klimawandel aus; er wird unabsehbare Folgen für die Meere haben. Steigende Kohlendioxidkonzentrationen in der Atmosphäre durch Verbrennung fossiler Energieträger bringen steigende Konzentrationen im Meerwasser mit sich. Dadurch bildet sich verstärkt Kohlensäure, welche die Meere versauern lässt. Betroffen davon sind vor allem Organismen mit kalkhaltigen Skeletten und Schalen, also Korallen, Kalkalgen, Schnecken, Krebstiere, Stachelhäuter und Muscheln. Durch den höheren Säuregehalt wird bei dieser marinen Fauna nicht allein die Kalkbildung beeinträchtigt, sondern auch das Wachstum und die Fortpflanzungsfähigkeit. Viele Korallenriffe, heute noch wahre Eldorados der Artenvielfalt, könnten sich in den kommenden Jahrzehnten in tote Unterwassergebirge verwandelt haben.

Überflutung von Küsten

Der Klimawandel bewirkt auch, dass weltweit der Meeresspiegel durch das Abschmelzen der Gletscher und polaren Eiskappen sowie die Ausdehnung des Wassers aufgrund der Erwärmung der Oberflächenschichten bis zum Ende dieses Jahrhunderts deutlich steigen wird. Der Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change) erwartet bis zum Jahr 2100 einen Anstieg von bis zu einem Meter, falls sich der globale Ausstoß von Treibhausgasen weiter so schnell erhöht wie in den letzten Jahrzehnten. Das hätte die Überflutung tiefer gelegener Küstenregionen und Inseln (wie beispielsweise der Malediven oder Tuvalus) zur Folge. Millionen von Küstenbewohnern müssten ihre Heimat aufgeben, Städte, Dörfer und landwirtschaftliche Nutzflächen würden der Zerstörung anheimfallen.

Eine weitere akute Gefahr für die Meere ist ihre Überdüngung: Flüsse spülen überreichlich Nährstoffe, vor allem Phosphat- und Stickstoffverbindungen, aus der Landwirtschaft und ungeklärten Abwässern in die Küstengewässer. Dadurch kommt es zu extremer Vermehrung von Algenblüten, die zum Problem werden, wenn sie absterben. Sie werden von Mikroorganismen zersetzt, wodurch Sauerstoff verbraucht wird. Es entstehen sauerstoffarme Zonen, die Fischen und Schalentieren zum Verhängnis werden, aber auch nachhaltige Änderungen im Ökosystem bewirken.

Vom Sauerstoffmangel betroffen sind besonders Gewässer mit geringem Wasseraustausch wie zum Beispiel in Europa die Ostsee, einige Fjorde in Norwegen oder die nordöstliche Adria. Enthält das Wasser unterhalb von Algenteppichen keinen Sauerstoff mehr, spricht man von Todeszonen, in denen es kein Leben mehr gibt. Experten schätzen, dass weltweit mehr als eine Viertelmillion Quadratkilometer davon betroffen sind, was etwa 70 Prozent der Fläche Deutschlands entspricht.

Verschmutzung der Meere

Ein anderes Übel, das bedrohliche Formen angenommen hat, ist die Vermüllung und Verschmutzung der Meere. Radioaktive Abfälle konnten bis 1993 völlig legal im Meer entsorgt werden. Experten schätzen, dass mehr als 100.000 Tonnen Atommüll in korrodierenden Fässern auf dem Meeresgrund vor dem europäischen Kontinentalsockel liegen, eine tickende Zeitbombe. Trotz der Schäden, die radioaktive Substanzen bereits bei Menschen und in der Umwelt angerichtet haben, ist es immer noch erlaubt, radioaktiv verseuchte Abwässer ins Meer einzuleiten. Die Wiederaufbereitungsanlage La Hague am Nordwestzipfel Frankreichs zum Beispiel pumpt jeden Tag hunderte Kubikmeter plutoniumhaltiges Wasser in den Ärmelkanal; oder der Nuklearkomplex Sellafield in Nordwestengland, der seine strahlenden Abwässer bedenkenlos in die Irische See einleitet.

Eines schönen Tages im Jahr 1997 war der amerikanische Skipper Charles Moore mit seinem Katamaran von Honolulu auf Hawaii nach Long Beach im Süden Kaliforniens unterwegs, als er in einen unappetitlichen Teppich aus schwimmendem Plastikmüll geriet. "Als ich vom Deck auf die Oberfläche dessen blickte, was ein unberührter Ozean hätte sein sollen", berichtete Moore, "sah ich mich, so weit das Auge reichte, nur Plastik gegenüber": Plastiktüten, Getränkeflaschen, Bruchstücke von Styroporverpackungen, Sixpackringe, Kinderspielzeug, Badeschuhe, Einwegwindeln, Badetaschen und anderer Unrat. Moore und seine Besatzung benötigten eine ganze Woche, um die langsam kreisende Plastiksuppe von der Fläche Mitteleuropas zu durchpflügen. Seitdem widmen sich Moore und seine Organisation Algalita Marine Research and Education dem Kampf gegen die Verschmutzung durch Plastik.

Vagabundierender Müll

Der durch die Ozeane vagabundierende Müll wird nicht nur an den Stränden angespült, sondern sammelt sich auch in der Mitte von riesigen zirkulierenden Meereswirbeln, die durch Wind und die Erdrotation angetrieben werden wie zum Beispiel jener Müllwirbel im Nordpazifik, den Skipper Moore entdeckt hatte und der von Meeresforschern als "Great Pacific Garbage Patch" (pazifischen Müllstrudel), einer der fünf größten der Welt, bezeichnet wird. Nach einem im Februar 2015 im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlichten Report ("Plastic waste inputs from land into the ocean") gelangten im Jahr 2010 geschätzte 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll in die Ozeane.

Da die meisten Kunststoffe im Wasser nur sehr langsam abgebaut werden und häufig Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte überdauern, wächst das Müllvolumen stetig. Wenn nun Kunststoffe dem Salzwasser, den Wellen und der Sonnenstrahlung lange ausgesetzt waren, zerfallen sie in winzige Partikel, die in den Mägen von Fischen und Schalentieren landen, und da sie unverdaulich sind, nicht ausgeschieden werden können. Auch andere Tierarten, wie Seevögel, Robben oder Meeresschildkröten, nehmen Plastik auf, weil sie es fälschlich für Nahrung halten oder indem sie Tiere fressen, die Plastik geschluckt haben, was zur tödlichen Falle werden kann. Zudem enthalten viele Kunststoffe toxische Substanzen, die für Meereslebewesen und über die Nahrungskette auch für uns Menschen ein hohes Risiko darstellen.

Kreuzfahrtindustrie als Umweltsünder

Auch die Welthandelsflotten tragen zur Verschmutzung der Meere bei. Trotz eines Internationalen Übereinkommens zur Verhütung der Meeresverschmutzung durch Schiffe (Marpol), weiß man, dass nach wie vor Müll von Schiffen absichtsvoll "entsorgt" oder leichtfertig über Bord geworfen wird. Zu den großen Umweltsündern gehört die seit Jahren boomende Kreuzfahrtindustrie. Kreuzfahrtschiffe – die größten befördern mehr als 5000 Menschen und gleichen schwimmenden Kleinstädten – sind wahre Müllmonster.

Wie dem Report der US-amerikanischen Environmental Protection Agency von 2008 zu entnehmen ist, produziert ein solches Vergnügungsschiff (mit 3000 Passagieren an Bord) innerhalb einer Woche durchschnittlich sieben Tonnen feste Abfälle (Speisereste, Verpackungsmaterial, Flaschen, Dosen, Plastik etc.), 4,5 Millionen Liter "graues Wasser" (Abwasser aus Badezimmern, Küchen, Wäschereien etc.), 560.000 Liter "schwarzes Wasser" (Fäkalien) sowie 70.000 Liter ölverschmutztes Leckwasser aus der Bilge.

Das Schlimme ist, dass es kaum nationale oder internationale Vereinbarungen oder Gesetze gibt, welche die Entsorgung dieser festen und flüssigen Abfälle regeln, die teils mit Schadstoffen und giftigen Substanzen belastet sind; und so landen tagtäglich Unmengen davon außerhalb der Hoheitsgewässer im Meer, ohne dass sie vorher entsprechend aufbereitet oder geklärt worden wären. (Quelle: Internationale Meeresschutzorganisation Oceana.)

Eine der bisher schlimmsten Umweltkatastrophen ereignete sich am 20. April 2010 im leidgeprüften Golf von Mexiko, 84 Kilometer südöstlich von Venice, Louisiana, im Macondo-Ölfeld. An diesem Tag kam es auf der BP-Bohrinsel Deepwater Horizon zu einem sogenannten Blowout; eine Fontäne aus Bohrschlamm, Öl und Gas trat unter hohem Druck aus dem Bohrloch, wobei sich das Gas entzündete und die Plattform in Brand geriet. Die eingesetzten Löschboote konnten das vernichtende Feuer nicht eindämmen; zwei Tage nach der Explosion sank die Bohrinsel. 115 Arbeiter konnten gerettet werden, elf kamen ums Leben. Es dauerte 87 Tage, bis es gelang, das Bohrloch in 1500 Meter Tiefe von oben zu versiegeln. Die in dieser Zeit ausgetretene Rohölmenge wird auf rund 700.000 Tonnen geschätzt.

Ölverschmierte Wasservögel

Menschliches Versagen, technische Mängel und nachlässige Sicherheitsvorkehrungen führten zu dem Desaster, das eine Ölpest von unvorstellbaren Ausmaßen im Golf von Mexiko und im Mississippidelta verursachte. Das aus dem Bohrloch sprudelnde Öl stieg aber nicht nur an die Wasseroberfläche, wo es sich wie Schokoladensirup ausbreitete, sondern bildete auch riesige schichtartige Ölfahnen im gesamten Wasserkörper, die sich auch am Meeresboden ablagerten. Was in den Wochen darauf folgte, waren schockierende Bilder von verseuchten Küsten, ölverschmierten See- und Wasservögeln, von angeschwemmten toten Meeresschildkröten, Robben und Delfinen; unermesslich auch der wirtschaftliche Schaden in den betroffenen Gebieten: Die Tourismusbranche brach zusammen, der kommerzielle und private Fischfang wurden verboten, die Fisch-, Austern- und Garnelenzucht in Aquakulturen wurde stillgelegt.

Der Trend zur Ölförderung aus immer größeren Tiefen (bis 3000 Meter) wird sich indes weiter fortsetzen, da die leichter zugänglichen Öl- und Gasreserven an Land und in den flachen Schelfgebieten vor den Küsten zusehends schwinden. Unbestritten ist, dass Tiefseebohrungen mit einem hohen Risiko verbunden sind, wie die Deepwater-Horizon-Katastrophe gezeigt hat. Die Gefahr eines Blowouts ist trotz technischer Verbesserungen und Sicherheitsauflagen nicht auszuschließen.

Das Zentrum für Meeresschutz des World Wide Fund for Nature (WWF) setzt sich weltweit für die Einrichtung von Meeresschutzgebieten (Marine Protected Areas) ein, in denen die vielfältigen Lebensräume sowie die marine Artenvielfalt langfristig vor schädigenden Eingriffen bewahrt werden sollen. Die Vertragsstaaten des weltweiten Abkommens zur biologischen Vielfalt (Convention on Biological Diversity) verpflichteten sich im Oktober 2010 im japanischen Nagoya, bis 2020 mindestens zehn Prozent der Weltozeane als Meeresschutzgebiete auszuweisen. Ob das gelingen wird, steht in den Sternen, sind doch gegenwärtig nur 2,8 Prozent der Meeresflächen unter Schutz gestellt; und die Mitgliedstaaten sind zwar völkerrechtlich zur Umsetzung der Konvention verpflichtet, jedoch nicht gezwungen.

Wertvolle Rohstoffe

Die Tiefsee birgt nicht nur fossile Energieträger, sondern auch große Vorkommen wertvoller mineralischer Rohstoffe, deren Abbau durch den wachsenden Bedarf der Industrieländer wirtschaftlich interessant werden wird. Dazu zählen vor allem Manganknollen (kartoffel- bis salatkopfgroße Mineralienklumpen, die riesige Bereiche der Tiefseeebenen bedecken und, wie der Name sagt, vor allem Mangan, aber auch Nickel, Kupfer und Kobalt enthalten), Kobaltkrusten (sind Überzüge von Mineralien, die sich an den Flanken submariner Vulkane bilden und Mangan, Eisen, Kobalt, Nickel sowie Platin und Seltenerdmetalle enthalten) und Massivsulfide (schwefelhaltige Erze, die sich an den Austrittsstellen heißer Quellen am Meeresboden ablagern).

Nach dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen von 1982 (das nach langwierigen Verhandlungen erst 1994 in Kraft trat) hat ein Küstenstaat innerhalb der 200-Seemeilen-Zone das alleinige Recht, vorhandene Rohstoffe abzubauen. Außerhalb dieser sogenannten Wirtschaftszone, auf der Hohen See, sind die Bodenschätze der Tiefsee "gemeinsames Erbe der Menschheit", das von der Internationalen Meeresbodenbehörde (International Seabed Authority) mit Sitz in Kingston auf Jamaika verwaltet wird. Sie ist auch zuständig für die Erteilung von Lizenzen (vorerst nur) zur Erkundung potenzieller Lagerstätten.

Der Mensch und das Meer

Noch steckt der Meeresbergbau in den Kinderschuhen. Wissenschafter sind sich aber einig, dass der Abbau mariner Rohstoffe einen gravierenden Eingriff in den Lebensraum Tiefsee darstellen wird. Man wisse viel zu wenig, um einschätzen zu können, was passiert, wenn Maschinen, die größer sind als Panzer, den Meeresboden großflächig durchpflügen und Manganknollen aus dem Sediment klauben oder Kobaltkrusten von vulkanischen Seebergen abspalten.

Geht Poseidons Reich unter? Diese Frage bewegt den britischen Meeresbiologen Callum Roberts, der in seinem Buch Der Mensch und das Meer (2013) nüchtern festhält: "Der Wandel, der derzeit im Gange ist, hat in Tempo und Vielfalt nicht seinesgleichen, außer vielleicht in der Zeit nach dem Asteroideneinschlag, der vor 65 Millionen Jahren der Dinosaurierherrschaft ein Ende machte. Im Vergleich dazu erscheinen selbst die Katastrophen der anderen großen Aussterbeereignisse beschaulich. Und nichts deutet auf ein Nachlassen hin. Der Wandel beschleunigt sich weiter, im Gleichschritt mit dem Wachstum von Bevölkerung und Wirtschaft. Unsere Einflüsse sind im Laufe der Zeit immer stärker geworden, und wo Lebensräume oder Arten früher nur von einem oder zwei Einflüssen betroffen waren, beispielsweise von Fischerei und Versandung, so stecken wir heute in einem Morast der verschiedenen Belastungen, deren Auswirkungen sich addieren und sich in allen Bereichen der Lebenswelt bemerkbar machen." (Rudi Palla, Album, 27.11.2015)

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Valdivia. Die Geschichte der ersten deutschen Tiefsee-Expedition", das im März 2016 im Verlag Galiani erscheinen wird.

foto: standard/corn
Rudi Palla, geb. 1941 in Wien, ist Schriftsteller und Filmemacher. Zuletzt erschien "Der Kapitän und der Künstler" (Dumont 2013).
  • 2010 gelangten geschätzte 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll in die Ozeane. Das Müllvolumen wächst stetig.
    foto: ap/file

    2010 gelangten geschätzte 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll in die Ozeane. Das Müllvolumen wächst stetig.

  • Der Trend zur Ölförderung aus immer größeren Tiefen (bis 3000 Meter) wird sich weiter fortsetzen, da die leichter zugänglichen Öl- und Gasreserven an Land und in den flachen Gebieten vor den Küsten schwinden.
    foto: epa/michael nelson

    Der Trend zur Ölförderung aus immer größeren Tiefen (bis 3000 Meter) wird sich weiter fortsetzen, da die leichter zugänglichen Öl- und Gasreserven an Land und in den flachen Gebieten vor den Küsten schwinden.

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