Wie chinesische Umweltaktivisten im Nebel stochern

27. November 2015, 17:02
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Luft und Wasser sind innerchinesische Angelegenheit. Aber immer mehr Bürgerinitiativen kämpfen gegen Smog und für sauberes Wasser

Auf der Einladung steht: "Spaziergang am Fluss". Allwöchentlich lädt die chinesische Bürgerinitiative der Flusswächter ein, mit ihnen ein Gewässer in der Hauptstadt zu besuchen. Diesmal haben sie sich Pekings "grüne Lunge" ausgesucht. Der für die Sommerspiele 2008 angelegte 680 Hektar große Olympia-Waldpark gilt mit seinen Wasserläufen, künstlichem See und renaturiertem Fluss als Umweltoase.

An normalen Tagen rennen tausende Jogger durch den Park. Doch die Flusswächter sind diesmal ziemlich allein. Peking ächzt mal wieder unter Smog in elfmal höherer Konzentration als die in Europa tolerierten 25 Gramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft.

Es ist ein Samstagmorgen im November, kurz vor Beginn des Klimagipfels im 9000 Kilometer entfernten Paris. Die stündlich aktualisierte App der staatlichen Luftmesser zeigt für sieben Uhr Früh einen Feinstaubwert von 281 für die Metropole an. "Stark verschmutzt" steht daneben. Die Heizperiode startete.

Alle 5,7 Millionen zugelassenen Autos dürfen am Wochenende fahren. Die US-Botschaft in Peking hatte 2008 als Erste PM2.5-Messungen ins Netz gestellt.

Chinas Behörden zogen zähneknirschend nach. Sie haben das den Vereinigten Staaten nicht vergessen. Wer deren App heute aufruft, bekommt nur eine Warnung aufs Display: "Dieser Link ist auf Anordnung der Regierung blockiert."

Luft ist eine innerchinesische Angelegenheit. Wasser ebenso. Rund drei Stunden wandert die wegen Smogs zahlenmäßig geschrumpfte Gruppe durch den Park. Eine Ärztin, eine Chemikerin, eine Gemüsebäuerin und der 50-jährige Müllrecycler sind dabei. Die ehemalige Radiojournalistin Wang Yongchen geht voran. Vor 20 Jahren wurde sie Mitgründerin der "Freiwilligen für eine grüne Erde", eine der ersten großen Umwelt-NGOs in China. 2009 startete sie nach dem USA-Vorbild der "Waterkeeper" Chinas Flusswächter. Heute gibt es sie in 50 Städten Chinas. Wang hofft, "dass es hundert werden".

Mit Sensoren zu Standards

Die 61-Jährige wandert jedes Wochenende in der Gruppe einen anderen der knapp 30 Flüsse oder Seen im Großraum Peking ab. Hundert Gewässer gab es einmal. "Wenn wir mit allen durch sind, fangen wir wieder von neuem an." Als jüngste Idee, um die Öffentlichkeit zum Schutz der Gewässer wachzurütteln, wollen sie sich jetzt "bewaffnen".

Sensoren-Messgeräte eines deutschen Spezialherstellers zur Qualitätsüberwachung von Flüssen und Seen haben es ihnen angetan. Die Hightech-Stäbe liefern in Sekunden Daten über den Algenbefall. Chinas Ordnungsbehörden sollen mit ihnen so lange bombardiert werden, bis sie auch für Wasser klare Standards einführen. Natürlich sei alles nur "ein Tropfen auf den heißen Stein aber: Steter Tropfen höhlt den Stein."

Das ist dringend nötig. Auf die 1,3 Milliarden Chinesinnen und Chinesen entfällt pro Kopf ein Drittel der Wassermenge des Weltdurchschnitts. Die Spiegel der Grundwasser sinken. Sie sind zu 60 Prozent verschmutzt, so wie fünf der sieben größten Ströme im Land.

Offizielle Warnsignale

Jüngste Alarmsignale aus China finden auch schon für den Pariser Klimagipfel Gehör. Das Wissenschafts- und Technologieministerium in Peking hat etwa gerade herausgefunden, dass der Meeresspiegel vor Chinas Küsten von 1980 bis 2012 um 2,9 Millimeter pro Jahr viel schneller als im Weltdurchschnitt anstieg.

Die Akademie der Wissenschaften berechnete in einer auch neu veröffentlichten Studie, dass zwischen 1960 und 2012 die Temperatur in der tibetischen Hochebene pro Dekade um 0,3 bis 0,4 Grad stieg, doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt. Gletscher gehen zurück, Permafrostböden tauen auf.

Solche Krisenzeichen machen die Begrenzung des Welttemperaturanstiegs um zwei Grad dringlich.

Umweltaktivistin Wang verschafft sich das große Bild auf ihren NGO-Touren zum Schutz der Quellen der Ströme in der tibetischen Hochebene, über die sie auch Bücher schreibt. Seit 15 Jahren hat sie sich als Vorkämpferin für den Nu-Fluss hervorgetan, der von Tibet durch Yunnan nach Burma fließt. Der Nu ist Chinas einziger Strom ohne Wasserkraftwerke. Unterstützung erhielten die Initiativen von Chinas damaligem Premier Wen Jiabao, der 2005 die Planungen für den Bau von 13 Talsperren auf Eis legen ließ.

Als Wang sich 1996 dem Naturschutz verschrieb, gehörte sie zu einer Minderheit. Heute zählen die 50 Flusswächter-Gruppen 100.000 Freiwillige. Die Behörden würden mit Umwelt-NGOs weniger repressiv als mit Bürgerrechtsbewegungen umgehen. "Doch wir bleiben nur Stiefkinder."

Von ihrem Spaziergang kommen die Flusswächter mit der Erkenntnis zurück, dass sie auch in "Pekings grüner Lunge" nur im Nebel stochern. Die App zeigt um 11.00 Uhr für die Stadt den Feinstaubwert 307 an und für den Standort Olympiapark sogar 312. Die amtliche Smogwarnung lautet: besonders schwer verschmutzt. (Johnny Erling, 27.11.2015)

  • "Flusswächter" mit Vereinsfahne im Olympia-Waldpark in Peking.
    foto: johnny erling

    "Flusswächter" mit Vereinsfahne im Olympia-Waldpark in Peking.

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