Wie Klimakapitän Obama den Kurs der USA ändern möchte

27. November 2015, 17:02
18 Postings

Ökofreunde gibt es viele in den USA. In der Politik aber haben sie es sehr schwer. Barack Obama macht nun aber Tempo

Wer Fantasie hat, denkt vielleicht an Außerirdische, die in der Wüste gelandet sind. Wie die futuristischen Bauwerke einer fremden Zivilisation ragen sie aus dem Sand, die drei Tür- me des Sonnenwärmekraftwerks Ivanpah, im oberen Drittel so grell leuchtend wie überdimensionale Neonröhren. Ringsum bündeln zehntausende Spiegel das Sonnenlicht, um es auf die Solartürme zu lenken. Die so entstehende Hitze bringt Wasser zum Kochen, der Dampf treibt Turbinen an. Seit die Anlage im Februar 2014 in Betrieb genommen wurde, gehört sie zu den spektakulärsten Sehenswürdigkeiten der Wüste Mojave, zumal man sie leicht besichtigen kann. Sie liegt direkt an der Autobahn, die Los Angeles mit Las Vegas verbindet.

Sonnenenergie in solchen Maßstäben zu nutzen – in Amerika galt es noch vor einem Jahrzehnt als schöne, gleichwohl zu teure Vision. Solarpaneele auf Einfamilienhausdächern, das ja. Es sind Erkennungszeichen aufgeklärten Umweltbewusstseins. Und an Ökofreunden herrscht ja kein Mangel in diesem facettenreichen Land, sei es im skandinavisch angehauchten Vermont oder in einer Stadt wie San Francisco, wo sich alles um die Zukunft dreht. Aber eine Solarindustrie?

Im Herbst 2008, als Barack Obama seine erste Wahl gewann, steckte sie nicht nur in den Kinderschuhen, die Turbulenzen der Finanzkrise drohten die zarten Pflänzchen, die es schon gab, zunichtezumachen. Staatlich gefördert, das Ivanpah-Projekt etwa mit einem zinsgünstigen Milliardendarlehen, feierte die Branche, trotz Pannen, ein imposantes Comeback. Im Nachhinein bestätigt sich, was Arnold Schwarzenegger sagte, als er noch Gouverneur Kaliforniens war. "Wenn wir in der Wüste Mojave keine Sonnenkraftwerke bauen können, dann weiß ich nicht, wo."

Strukturwandel in der Energiewirtschaft

Wie immer man sonst über Obama urteilen mag, als Präsident der alternativen Energien wird er zweifellos in die Chronik eingehen. Oder umgedreht, aus der Perspektive mancher Republikaner, als der Mann, der den "Krieg gegen die Kohle" führte. Im August hat er die US-Staaten angewiesen, die Kohlendioxidemissionen ihrer Kohlekraftwerke bis 2030, verglichen mit 2005, um 32 Prozent zu senken.

Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung soll sich im selben Zeitraum auf 28 Prozent verdoppeln. Obama will die Energiewirtschaft also zu einem Strukturwandel zwingen, wie er sich ohnehin schon angebahnt hat. Billiges Erdgas hat die Kohle vielerorts abgelöst, von Alaska bis Florida sind es bereits 14 Staaten, die ihren Energiebedarf hauptsächlich durch Gas decken. In windigen Gegenden wie der Prärie von Kansas liefern Windräder oft den preiswertesten Strom.

Obama, der Klimakapitän. Dabei hat er anfangs umweltpolitisch enttäuscht, 2009 gehörte er auf der Klimakonferenz von Kopenhagen noch zu den Bremsern. Das könnte sich in Paris ändern. Sogar Todd Stern, sein Sonderbeauftragter für den Klimaschutz, ein Anwalt aus Chicago, formuliert einen optimistischen, für seine Verhältnisse fast euphorischen Satz: "Um voranzukommen, stehen die Sterne so günstig, wie ich es noch nie erlebt habe."

Der Veteran gehörte bereits Bill Clintons Beraterstab an, als 1997 das Kioto-Protokoll ausgehandelt wurde – und Clintons Mannschaft im eigenen Land gegen eine Wand fuhr. Der Senat beschloss mit 95 zu null Stimmen, die Absprachen von Kioto zu blockieren, falls nicht auch Staaten wie China und Indien eine Reduzierung der Treibhausgase zusagen. Seitdem ist für Stern klar, dass Washington internationale Verpflichtungen nur dann eingehen kann, wenn zumindest auch Peking mitzieht. Ohne breiten Konsens sind dem Oval Office die Hände gebunden.

Ehrgeizige Ökopolitik

Innenpolitisch geht Obama deutlich energischer zur Sache. Die Konfrontation mit dem Kongress nimmt er in Kauf, denn spätestens nach zwei Amtsjahren hatte er verstanden, dass seine Umweltagenda auf dem Papier bleibt, wenn er versucht, den kleinsten gemeinsamen Nenner mit den Republikanern zu finden. Die Klimagesetze, die er zu Beginn anstrebte, scheiterten 2010 im Parlament.

Was folgte, war eine Ökopolitik mittels Direktiven, die umso ehrgeiziger ausfallen, je näher sein Abschied vom Weißen Haus rückt. Dem Emissionsplan des Sommers folgte im Herbst die Entscheidung, Keystone XL grünes Licht zu verweigern, dem Bau einer Pipeline, durch die Öl von den Teersandfeldern Kanadas bis zum Golf von Mexiko gepumpt werden soll.

Der dirigistische Ansatz hat den Nachteil, dass der 45. Präsident, falls es ein Republikaner wird, leicht wieder aushebeln kann, was Nummer 44 verfügt hat. Nur: Es hat eine Weile gedauert, bis "Climate Change" auch jenseits der liberalen Küstenmetropolen als Problem akzeptiert wurde, doch nun scheint der Stimmungswandel vollzogen.

Irgendwie stimmt sie mal wieder, die Metapher vom schlummernden Riesen Amerika, der plötzlich aufgewacht ist. Nach einer Umfrage des Pew-Instituts halten 74 Prozent der Amerikaner die Erderwärmung für eine ernste Herausforderung. Zwei Drittel meinen, der Mensch müsse seine Lebensweise ändern, um die Folgen des Phänomens einzuschränken. (Frank Herrmann, 27.11.2015)

  • 300.000 Spiegel lenken die Sonnenstrahlen auf Solartürme.
    foto: ap / john locher

    300.000 Spiegel lenken die Sonnenstrahlen auf Solartürme.

Share if you care.