Am Nil hat Wachstum Vorrang vor Umweltschutz

30. November 2015, 11:00
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Ägypten steigt groß in Kohle ein. Die Wirtschaft geht vor, obwohl das Land zu den vom Klimawandel am stärksten Betroffenen zählt

Die Ägypter stöhnten im Sommer 2015 unter einer monatelangen Hitzewelle mit Temperaturen ständig um die 40 Grad. In den letzten Wochen wurde der nördliche Teil des Landes von noch nie da gewesenen Regenfällen geplagt, die vielerorts schwere Überschwemmungen nach sich zogen. Dutzende Menschen zahlten diese Extreme mit ihrem Leben.

Es sind die Vorboten des Klimawandels, den Ägypten mit am stärksten zu spüren bekommen wird. Die Regierung in Kairo setzt dennoch die Prioritäten beim Wirtschaftswachstum zulasten des Umweltschutzes. Sie machte den Einstieg in die Kohle zur Energiegewinnung möglich.

Energie ist ein knappes Gut

Durchgesetzt haben sich jene Ökonomen, die der Meinung waren, dass diese selbst auferlegte Beschränkung für ein Entwicklungsland außergewöhnlich sei und die vielen Stromausfälle im Sommer ein zu großes Wachstumshemmnis seien, als dass man sie ignorieren könne. Die Energieknappheit hatte energieintensive Branchen des Produktionssektors schwer getroffen, die Zuteilungen wurden massiv reduziert, sodass ein Drittel der Kapazitäten nicht ausgelastet werden konnte. Die Zementwerke hatten zeitweise nicht einmal die Hälfte ihres Gasbedarfes erhalten.

Regierungsvertreter befanden nun, dass bis ins Jahr 2030 mindestens ein Viertel des Energiebedarfes durch Kohle gedeckt werden könnte. Der zuständige Minister rechnet in den kommenden fünf Jahren mit Investitionen von 30 Milliarden Dollar in diesen Industriezweig. Geplant sind zwei Kohlekraftwerte – eines im Süd-Sinai und eines in der Umgebung des Hafens von Hamarawein am Roten Meer in der Nähe eines Tauchgebietes von Weltruf.

Die Entwicklung seit dem Grundsatzentscheid im Frühjahr 2014 zeigt klar, dass Kohle nicht nur als Notlösung eingesetzt wird, um die akute Energiekrise zu entschärfen, sondern de facto ein neuer Energiemix mit einem maßgeblichen Kohleanteil angestrebt wird. Der Einsatz von Kohle geht zulasten des Ausbaus von erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne, die bis 2020 eigentlich einen Anteil von 20 Prozent hätten einnehmen sollen und bei der Herstellung zehnmal mehr Arbeitsplätze schaffen würden.

Kritik der Umweltverbände

Die Regierung hatte versprochen, es würden die höchsten Ansprüche an die Umweltverträglichkeit gestellt. Umweltverbände kritisieren jetzt, dass die neuen Regulierungen im Gesetz in den meisten Punkten nicht den EU-Standards entsprechen. Kohle darf sogar in Wohngebieten eingesetzt werden, und die Unternehmen erhalten lange Übergangsfristen, bis sie sich den neuen Vorschriften anpassen müssen. Kommt dazu, dass die Kontrollen ohnehin lax sind.

Eine Studie des ägyptischen Umweltministeriums hat ergeben, dass allein der Einsatz von Kohle in der Zementindustrie Gesundheitskosten von 3,9 Milliarden Dollar nach sich ziehen würde. Die Kampagne "Ägypter gegen Kohle" – angeführt von Wissenschaftern und Umweltschützer – spricht deshalb von einem "Verbrechen an den Ägyptern" mit diesem Einstieg in eine ihrer Ansicht nach überholte, umweltschädliche Energie. Verhindern konnten die Kritiker den Schwenk in der ägyptischen Energiepolitik allerdings nicht. (Astrid Frefel aus Kairo, 30.11.2015)

  • Kohle soll Ägypten künftig Energie liefern.
    foto: reuters/amr abdallah dalsh

    Kohle soll Ägypten künftig Energie liefern.

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