Baustoff Klima: Form folgt Fahrenheit

3. Dezember 2015, 05:30
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Der Pariser Architekt Philippe Rahm baut fliegende Badewannen und Gärten als Hightech-Labor. Sein wichtigster Baustoff: Luft

"Kalte Luft fällt zu Boden, warme Luft steigt auf, das weiß jedes Kind", sagt Philippe Rahm. "Und dennoch bauen wir heutzutage so, als wüssten wir über das physikalische Einmaleins, das uns im täglichen Leben umgibt, nicht das Geringste." Das klimalose Bauen, wie er es ausdrückt, ist dem Pariser Architekten zu wenig. Die Form seiner Bauten und Landschaftsprojekte folgt nämlich nicht nur der vielzitierten Funktion, sondern in erster Linie klimatischen Gegebenheiten wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck, Wind und Konvektion. Da kann es schon einmal passieren, dass die Badewanne knapp unterm Plafond pickt.

So geschehen in Lyon, Quai Perrache, nur ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt. Für ein junges Ärztepaar baute Rahm 2011 ein vier Meter hohes Fabrikloft aus, bestückte es mit "Räumen" (wobei dieser Begriff in seinen Projekten einer neuen Definition unterzogen werden muss), arrangierte darin unterschiedliche Funktionen wie etwa Wohnen, Kochen, Essen, Lesen, Schlafen, Duschen und Baden und verband diese Räume schließlich mit den nötigen Wegen in Form von Stiegen, Leitern und schwebenden Plattformen.

Badewanne an der Decke

Fürs Schlafen, so Rahm, empfehle sich kühle, trockene Luft – also runter, weit weg vom Badezimmer. In der Bibliothek solle es angenehm warm und aufgrund der gehorteten Bücher ebenfalls sehr trocken sein – also rauf, noch weiter weg von den Sanitärräumen. Wenn man in der Badewanne sitzt, brauche man, damit der Kopf nicht abkühlt, möglichst warme Luft rundherum – also rauf bis an die Decke damit. Und in der Dusche solle es nicht nur warm, sondern auch feucht sein, möge sich die Luftfeuchtigkeit um den nackten, nassen Körper schmiegen – also bestenfalls direkt über dem Herd, wo beim Kochen sodann multifunktionale Kochdämpfe zum Duschenden emporsteigen.

"Wir berücksichtigen beim Planen so viele unterschiedliche Parameter, von Statik und Materialqualität über Sanitär- und Elektrotechnik bis hin zu Brandschutz, Erdbebenschutz und unzähligen baurechtlichen Anforderungen", sagt der 48-jährige Architekt, der an der Graduate School of Design in Harvard unterrichtet. "Aber bei der Thermik setzt unser Plansinn einfach aus. Dann ordnen wir die Funktionen so, dass sich das gesamte Leben im Bereich von 40 Zentimetern bis 1,80 Meter über dem Fußboden abspielt. Den klimatisch wertvollen Raum darunter und darüber lassen wir unberücksichtigt."

Jedes einzelne seiner Projekte wird komplizierten Rechnungen und Simulationen unterzogen. Am Ende, so der Plan, profitiert man mit heiztechnisch effizienten Wohn- und Arbeitsräumen, die – anstatt dagegen – mit dem Klima arbeiten und die gesamte Palette der Wohlfühlzustände abdecken – wenn man denn auch bereit ist, wie der Lyoner Arzt auf Türen und Wände zu verzichten und, statt auf Parkettboden zu wandeln, über Gitterroste und Leitersprossen zu balancieren.

Projekt in Taichung

Gebaut hat Rahm, der sich selbst als Hybrid aus Architekt, Ingenieur und Wissenschafter bezeichnet, bislang nur wenig. Sein Fokus richtete sich stets auf das Künstlerische, auf das Theoretische, auf das Meteorologische. Bis er 2011 den internationalen Wettbewerb für die Errichtung des Jade Eco Park in Taichung gewonnen hat. Mit dem sieben Hektar großen Park will sich die Drei-Millionen-Einwohner-Metropole an der Westküste Taiwans ein technisches Denkmal setzen.

"Die Luft in Taichung ist extrem feucht und stickig", sagt Rahm. "Gerade im Sommer haben einige Parks und größere Freiflächen feindliche Bedingungen, die den Aufenthalt an der frischen Luft unangenehm und schwierig machen." Das liegt nicht nur am Smog und am subtropischen Klima, sondern auch am lokalen Heizkraftwerk, das mit 37 Millionen Tonnen pro Jahr den weltweit größten Kohlendioxidausstoß seiner Art hat.

Im Jade Eco Park, dessen Bau Anfang 2014 begonnen hat und der nächstes Jahr in Betrieb genommen wird, soll die Luft mittels technischer und natürlicher Maßnahmen etwas wirtlicher gemacht werden. Orientierungspunkt für die errechnete, ersehnte Luftqualität ist die klimatisch gemäßigte und dünn besiedelte Ostküste Taiwans. Da macht es nichts, wenn die punktuelle Symptombehandlung der Behebung der eigentlichen Ursachen vorgezogen wird. Da macht es auch nichts, dass Rahm im Auftrag der Stadt kurzerhand zum Deus ex Machina mutiert.

Das Bataillon an Maschinen umfasst Wasserzerstäuber, die für Verdunstungskälte sorgen, künstliche angelegte Verdunstungsbecken entlang der Wege sowie eine Vielzahl von Feuchtigkeitsabsorbern, die die solcherart angereicherte Luft sodann wieder trocken machen. Hinzu kommen eigens ausgesuchte Gräser, Sträucher und Bäume, die imstande sind, Feuchtigkeit und Schmutzpartikel aus der Luft zu filtern.

Park mit Klimaanlage

Doch das ist noch lange nicht alles. Über künstliche Nebelanlagen, über Wasserdüsen, die quer über den Park verstreut sind, sowie über ab und zu unterirdisch installierte Kühlanlagen – eine Art umgekehrte Fußbodenheizung für Mutter Natur – wird nicht nur die unmittelbare Parkluft gekühlt, sondern auch für thermischen Luftaustausch zwischen den einzelnen Hoch- und Tiefdruckinseln gesorgt. Das Resultat ist eine Art Wind im Westentaschenformat.

Über fünf Meter hohe Gegenschalllautsprecher, die sich als moderne Skulpturen tarnen, wird an einigen Stellen im Park der städtische Umgebungslärm neutralisiert. Hier soll man zur Ruhe kommen. Doch die "Well-being-Oase", wie der Park in Präsentationsfilmen Taichungs bezeichnet wird, ist längst nicht für alle da. Ultraschalllautsprecher im Bereich der Wasserflächen sollen lästige Moskitos und anderes Mückengetier fernhalten.

Ist das unsere Zukunft? "Dieses Projekt ist ein Experiment", sagt Philippe Rahm. "Wir wollen damit untersuchen, inwiefern man heute schon mit dem Baustoff Klima bauen kann. Vielleicht gelingt uns damit eine Art Synergie aus künstlichem und natürlichem Mikroklima. Wir werden sehen, ob das Konzept aufgeht."

Fliegende Badewanne? Hightech-Labor namens Garten? Die Architektur hat die Macht des Klimas für sich entdeckt. Ob dies ein Ausblick auf die Zukunft unserer Lebensraumgestaltung ist oder bloß ein kurzes Ausreizen der Möglichkeiten und Grenzen, wird sich erst weisen. (Wojciech Czaja, 3.12.2015)

Philippe Rahm hielt kürzlich einen Vortrag auf der Expo 2015 in Mailand. Die Teilnahme an diesem zweitägigen Climatecture-Symposium im Österreich-Pavillon erfolgte auf Einladung des Instituts für Architektur und Landschaft, TU Graz.

  • Wohnen mit dem Klima: Die Badewanne ist dort, wo die Luft am wärmsten ist.
    foto: philippe rahm architectes, brøndum & co

    Wohnen mit dem Klima: Die Badewanne ist dort, wo die Luft am wärmsten ist.

  • Und im Jade Eco Park in Taichung (Fertigstellung 2016) wird das Klima einfach passend gemacht.
    foto: philippe rahm architectes, brøndum & co

    Und im Jade Eco Park in Taichung (Fertigstellung 2016) wird das Klima einfach passend gemacht.

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