Globale Dorftrottel breiten sich aus

Kolumne27. November 2015, 17:00
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Über das "virale Video"

Die Zeitung Heute berichtet von einem neuen "Hit-Video" im Internet, das eine "anonyme US-Hausfrau" beim perfekten Zusammenfalten eines Spannleintuchs zeigt. Mir kann dieses Video gestohlen bleiben. Von allen Hausarbeiten, die zu verrichten ich ablehne, lehne ich das Falten von Leintüchern am entschiedensten ab.

Ich bin in der Handhabung dieser penetranten Stofffetzen so ungeschickt, dass ich bei jedem Infight mit einem Leintuch aussehe wie ein von allen guten Faltgeistern verlassener Haushaltstölpel. Das ist mir peinlich. Wenn ich von etwas die Finger lasse, dann sind es Leintücher.

Eigentlich wollte ich heute aber nicht über Leintücher herziehen, sondern über virale Videos. Früher gab es Pest, Cholera und die Spanische Inquisition, heute gibt es virale Videos. Das Internet hat im globalen Dorf eine technische Infrastruktur geschaffen, die es jedem globalen Dorftrottel (GDT), wurst ob aus Timbuktu, Buenos Aires oder Bischofshofen, ermöglicht, in Windeseile Schwachsinn in alle Ecken des Globus zu verbreiten.

Der GDT lässt die Welt an allem und jedem teilhaben. Leute beim Wettrinken, Leute, die auf Bananenschalen ausrutschen oder ihre Fürze anzünden, ihre Rattler und Perserkatzen filmen, wie sie in die Badewanne fallen und Ähnliches mehr,

Nicht wenig von diesem trüben Stuss wird "viral". Zog man sich früher ein Virus zu, legte man sich ins Bett und kurierte sich aus. Heute sieht sich der Büromensch entweder stundenlang selbst Viral-Schmafu aus dem Internet an oder forciert sogar die Bürokollegen, ihn sich anzusehen ("Was, das kennst du noch nicht? Das ist sooo witzig! Ich schick dir den Link!").

Die psychologischen Gründe, sich virale Videos anzusehen, liegen auf der Hand: Bei der Beschau zeitfressender Sinnlosigkeiten genießt man wenigstens eine Auszeit von den Weltgrauslichkeiten rundum. Einer anonymen US-Hausfrau beim Zusammenfalten von Spannleintüchern zuzusehen ist allemal ersprießlicher, als Isis-Psychopathen beim Köpfen zu beobachten.

So gesehen sollte man mit dem viralen Video vielleicht gar nicht so streng sein. Falls Ihnen Ihr Meerschwein heute in die Badewanne fallen sollte: Filmen Sie es ab, und stellen Sie es online. Mit einem GDT am anderen Ende der Welt, dem dieses Missgeschick ein wenig Freude bereitet, können Sie gewiss rechnen. (Christoph Winder, Album, 27.11.2015)

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