Green Jobs: Gut für die Umwelt oder Marketingschmäh?

1. Dezember 2015, 09:26
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Green Jobs sollen einen Beitrag zum Umweltschutz leisten – aber: Nicht alle grünen Arbeitsplätze halten, was sie versprechen

Eigentlich hört sich die Idee ja ganz gut an: grüne Jobs für eine grüne Wirtschaft. Mehr Menschen, die Windräder bauen und Holzpelletsöfen installieren und damit erneuerbare Energien pushen – eine klassische Win-win-Situation. 2010 forderte der damalige Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich in einem "Masterplan" deswegen 100.000 zusätzliche Green Jobs bis zum Jahr 2020.

Der Plan wird auch vom jetzigen Minister Andrä Rupprechter fortgesetzt. Die ambitionierten Ziele seien – wie die aktuellen Zahlen der Statistik Austria dokumentieren würden – durchaus realistisch, heißt es im Umsetzungsbericht. Derzeit werden jährlich mehr als 700 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln für Maßnahmen zur Verfügung gestellt, die Green Jobs fördern. Investiert wurde auch in neue Aus- und Weiterbildungsformate.

Alles auf Kurs also, und Österreich auf dem Weg zur grünen Wirtschaft?

Keine grüne Jobmaschine

Nicht wirklich, sagen Kritiker. Seit Jahren moniert die Arbeiterkammer etwa, dass die grünen Arbeitsplätze nichts als eine Mogelpackung seien. Führt ein Supermarkt beispielsweise auch Bioware, sind die Angestellten dort Green Jobber. Von einer grünen Jobmaschine will man nicht sprechen.

Wie kommen die Zahlen zustande? Bei der Statistik Austria basieren sie auf dem von Eurostat formulierten Konzept des "Environmental Goods and Services Sector" (EGSS). Gemeint sind alle Produzenten von Gütern, Technologien und Dienstleistungen, die den Hauptzweck haben, "Umweltschäden zu vermeiden oder zu vermindern". Gemessen werden nicht nur die Beschäftigten der Umweltwirtschaft, sondern auch der Umweltumsatz. Beide Größen können in Österreich ein Plus verzeichnen: Die Anzahl der Beschäftigten stieg 2013 um 2,4 Prozent auf 185.122 – fünf Prozent aller Erwerbstätigen, der Umsatz stieg um 0,8 Prozent auf 36,3 Milliarden Euro.

Zu viele Labels

Angela Köppl vom Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) kann den Zahlen nicht viel abgewinnen. Von einer Milchmädchenrechnung oder einem Etikettenschwindel würde sie aber nicht sprechen. Auch beim Wifo interessiert man sich für die Zahl grüner Arbeitsplätze in Österreich. Seit 1995 untersucht man aber explizit den Sektor der Umwelttechnik – das, was viele unter den Green Jobs zunächst verstehen. Die Frage, was man zu Green Jobs zählt oder nicht, ist nicht Köppls Hauptanliegen. Die EGSS-Statstik kann höchstens als Indikator einer zeitlichen Entwicklung dienen.

Unglücklich ist sie aber über das Labeling ganz allgemein: Green Jobs, Green Economy, Green Growth – alles knackige Bezeichnungen, aber ob der notwendige Strukturwandel dahinterstecke, sei oft unklar. "Das Ziel ist in meinen Augen nicht die Erfassung von Green Jobs. Das Ziel müssen Strukturen sein, die mit dem langfristigen Ziel einer neuen Form des Wirtschaftens einhergehen", sagt die Ökonomin. Sie wünscht sich eine inhaltliche Auseinandersetzung und klare Definitionen. Wirtschaftspolitische Empfehlungen könne man sonst keine abgeben.

Grüne Controller und Grafiker

Schlüsselt man die Zahlen bezüglich Umweltumsatz und Beschäftigten nach Wirtschaftsabteilungen auf, wird ersichtlich, was Arbeiterkammer und Köppl ansprechen: Die Landwirtschaft ist ebenso angeführt wie die Herstellung von chemischen Erzeugnissen, die Gastronomie oder EDV-Dienstleistungen. Die größten Zuwächse gibt es in der Herstellung von Holzwaren (202 Prozent Zuwachs zwischen 2008 und 2013) und in der Beseitigung von Umweltverschmutzung (535 Prozent plus). Die Crux ist allerdings: Bei den Holzwaren fallen nicht nur Pelletshersteller, sondern wahrscheinlich auch Großunternehmen hinein, die durch ihre Produktion nicht unbedingt dem Klimawandel entgegenwirken.

Deutlich wird die Diskrepanz auch auf der vom Umweltbundesamt verwalteten Seite greenjobs.at. Aktuell wird etwa nach einem "Vollblutgrafiker", einem kaufmännischen Angestellten im Controlling und nach einem Projektingenieur im Anlagenbau gesucht. Ob diese Beschäftigten Umweltschäden verhindern, ist unklar. Aber den grünen Anstrich haben sie. (28.11.2015)

  • Nicht überall wo grün draufsteht, ist auch grün dahinter, sagen Kritikerinnen und Kritiker von "Green Jobs". Das liege vor allem an der breiten Definition.
    foto: istock

    Nicht überall wo grün draufsteht, ist auch grün dahinter, sagen Kritikerinnen und Kritiker von "Green Jobs". Das liege vor allem an der breiten Definition.

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