Klangraumschiff mit Stroboskop

26. November 2015, 17:41
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Eva Reiters "The Lichtenberg Figures" bei Wien Modern

Wien – Der Text (von Ben Lerner): darf alles. Gedanken und Worte sind frei. Zum Beispiel: "Um langsames Singen zu unterbinden, reibe ich den Körper mit Akazie ein." Oder: "Wenn bei uns eine Frau stirbt, stampfen wir die flackernden Hinterleiber von Leuchtkäfern zu Mascara für den langwimprigen Leichnam." Oder: "Es blutet zehn Zentimeter. Konzerte werden abgesagt, Spiele verlegt. Kinder hüpfen in Gummistiefeln und Capes."

Die Musik (von Eva Reiter): Rocky Horror Sound Show. Monsteratemgeräusche. Ein Hauch von Hard Rock. Psychedelisch oft, halluzinierend. Ein ins Trudeln geratenes Klangraumschiff. Space Odyssee. This is ground control to Major Eva. Das elfköpfige Ictus Ensemble wird koordiniert von Georges-Elie Octors: Das Schlagzeug schlägt, die Geige schrubbt, die E-Gitarre rockt. Ein renitenter Ameisenhaufen. Elektronisches aller Art umspült, ergänzt, verfremdet deren Klänge.

Die Musiker sind auf illuminierten Podesten platziert, Leuchtstoffröhren liegen, leuchten und flackern dazwischen, Stroboskopgewitter gehen nieder. In der Mitte oben steht Juliet Fraser und singt. Manchmal spricht sie auch, röchelt, flüstert, kichert, dreht sich roboterartig hin und her. Im letzten der sieben "Songs", die durch instrumentale Zwischenspiele verbunden sind, wird sie zur sanften Sirene, wird ihr Sopran zum vokalen Gleitmittel.

The Lichtenberg Figures heißt Eva Reiters Fünfzigminüter für Stimme, elf Instrumente und Elektronik, der am Mittwochabend im MuTH uraufgeführt wurde. Der Text des Kompositionsauftrags von Wien Modern und Ictus basiert auf der gleichnamigen Sonettsammlung von Ben Lerner, die sich auf ein von Georg Christoph Lichtenberg entdecktes Phänomen bezieht: Wenn sich elektrische Hochspannung auf einem isolierenden Material entlädt, entstehen blitzschnell farnartige Muster. Ein kurzer Impuls, der weitflächige Folgewirkungen nach sich zieht.

Zum Schluss ist die Sache genau umgekehrt: Das vielgestaltige Werk mündet in einen kompakten, freudvollen Schlussapplaus für die Beteiligten. (Stefan Ender, 26.11.2015)

Ö1, 7. 12., 23.03

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