Zielpunkt-Pleite ist schwer zu verdauen

26. November 2015, 18:02
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Die Gehälter werden nicht so rasch ausbezahlt werden können, Gutscheine nicht mehr eingelöst

Aufgelöste Mitarbeiter, nervöse Lieferanten, verärgerte Kunden: Die anstehende Zielpunkt-Pleite sorgt für Emotionen. Konsumenten echauffieren sich, dass ihre Gutscheine nicht mehr angenommen werden. Zielpunkt bestätigt diese Maßnahme und begründet sie mit gesetzlichen Vorgaben. Eine Missachtung stelle eine Gläubigerbenachteiligung dar, wird im Unternehmen erläutert.

Dass die Kunden die Gutscheine im Insolvenzverfahren anmelden können, dürfte ein schwacher Trost sein. Die Gerichtsgebühren von 22 Euro sind in der Regel höher als der Wert des Gutscheins. "Dass diese Situation extrem unbefriedigend ist, ist uns mehr als bewusst, und wir bedauern dies sehr", heißt es bei Zielpunkt. Die Gutscheine zählen aber ohnehin zu den kleineren Problemen der Lebensmittelkette. Am härtesten betroffen sind die Mitarbeiter, von denen 2.500 Personen zur Kündigung angemeldet werden. Möglicherweise kommen bis zu 500 weitere Stellenstreichungen hinzu, denn bei Zielpunkt-Eigentümer Pfeiffer sind Beschäftigte in Großhandel, Logistik oder Verwaltung indirekt von der Insolvenz betroffen.

Genauere Angaben dazu gibt es noch nicht. Viel hängt davon ab, was mit den Standorten passieren wird. Und für die Verwertung der Filialen ist der Masseverwalter zuständig. Konzernchef Georg Pfeiffer hat – ebenso wie die Bundeswettbewerbsbehörde – kartellrechtliche Bedenken und nennt die Marktmacht von Rewe in Ostösterreich als Beispiel. Doch auch bei anderen Händlern hält sich das Interesse in Grenzen. Spar und Rewe wollen nur einzelne Standorte zwecks Übernahme prüfen. Eher dürfte es Hofer oder Lidl gelüsten, die insbesondere auf den Wiener Raum spitzen. Hier hat auch Zielpunkt mit 126 der 229 Filialen den Fokus.

Hartes Pflaster

Generell gilt der Lebensmittelhandel als hartes Pflaster, auf dem Zielpunkt mit seiner diffusen Strategie zwischen Qualität und Diskont aufprallte. Sollte sich das Interesse an den gemieteten Filialen in Grenzen halten, dürfte es auch für die Mitarbeiter eng werden, zumal bereits jetzt 50.000 Handelsangestellte einen Job suchen. Als Alternative bot sich am Donnerstag der Tourismus an: 77 Prozent der Top-Herbergen suchten Personal für die Wintersaison, verkündete die Österreichische Hoteliervereinigung an die Adresse von Zielpunkt- und Bank-Austria-Mitarbeitern.

Die Angestellten müssen erst einmal auf die Auszahlung ihrer November-Gehälter und dann auf Weihnachtsgeld, Abfertigung und Dezember-Lohn warten. Die Arbeitskosten bei Zielpunkt betragen gut sechs Millionen Euro im Monat. Für die Begleichung steht der öffentliche Insolvenzentgeltfonds bereit, allerdings dauert das eine Zeit. Die Anträge können erst nach der Konkursanmeldung gestellt werden, und dann muss noch der Masseverwalter prüfen. Insolvenzfonds-Chef Wolfgang Pfabigan auf die Frage der APA, ob der Fonds noch heuer zahlen wird? "Es wird knapp."

Zusatzhilfe angekündigt

Zusätzliche Hilfen hat Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) angekündigt: Er verweist auf Arbeitsstiftungen, die in allen Bundesländern von Qualifizierung bis Unternehmensgründung parat stehen. Zudem hätten die Banken zugesagt, wegen verspäteter Gehaltseingänge keine Überziehungszinsen zu kassieren.

Dass Zielpunkt so plötzlich umfällt, begründete Georg Pfeiffer am Donnerstag mit den Umsatzeinbrüchen seit Oktober, die sich im November verschärft hätten. Aufgrund dieser Entwicklung habe man die positive Fortbestehensprognose evaluieren müssen. Hintergrund: Zielpunkt hat schon 2014/15 ein negatives Eigenkapital in Höhe von 36,4 Millionen ausgewiesen, das nur dank nachrangiger Kredite und Patronatserklärung von Pfeiffer keine insolvenzrechtlichen Folgen hatte.

Die notwendigen 60 Millionen Euro wollte und konnte Pfeiffer nicht aufbringen, zumal Zielpunkt bis 2020 weitere Verluste bauen werde. (as, 26.11.2015)

  • Ein Sack voller Tränen liegt heuer für viele Zielpunkt-Mitarbeiter unter dem Christbaum. Aber auch zahlreiche andere Handelsangestellte suchen einen Job.
    foto: standard/newald

    Ein Sack voller Tränen liegt heuer für viele Zielpunkt-Mitarbeiter unter dem Christbaum. Aber auch zahlreiche andere Handelsangestellte suchen einen Job.

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