PMDS: Wenn Frauen regelmäßig die Kontrolle verlieren

30. November 2015, 09:00
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Frauen, die an der prämenstruellen dysphorischen Störung leiden, sind vor ihren Tagen im psychischen Ausnahmezustand

Viele Frauen leiden in den Tagen vor und während ihrer Regelblutung unter Stimmungsschwankungen, Kopfschmerzen und anderen Symptomen. Das ist unangenehm, in den meisten Fällen liegt keine Krankheit zugrunde. Wesentlich extremer trifft es all jene, die an der schwersten Form des prämenstruellen Syndroms (PMS), der sogenannten prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS).

"Frauen mit PMDS erleben sich in der zweiten Zyklushälfte als anderer Mensch: Sie tun oder sagen Dinge, von denen sie genau wissen, dass sie falsch sind. Im Extremfall schlagen sie ihr Kind, schreien ihren Partner an, werfen mit Gegenständen", sagt Anke Rohde, Leiterin der Abteilung für Gynäkologische Psychosomatik am Universitätsklinikum Bonn, "immer wieder sagt eine: 'Ich komme wie vor wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde'.". Da die Symptome monatlich wiederkehren, seien familiäre und berufliche Probleme vorprogrammiert.

Konflikte vorprogrammiert

Meist sind es dann auch zwischenmenschliche Konflikte, die Frauen dazu bringen, sich in Behandlung zu begeben. Doch obwohl PMDS leicht zu diagnostizieren ist, finden viele Betroffene jahrelang keine Hilfe. Oft attestieren ihnen Ärzte fälschlicherweise eine "Impulskontrollstörung" oder bagatellisieren ihre Beschwerden als übliche Stimmungsschwankungen, die zum "Frausein" dazugehören.

Was man Psychiatern nicht einmal vorwerfen kann: PMS gilt generell als nicht behandlungsbedürftig und PMDS ist im deutschen Sprachraum nur unzureichend bekannt. Was vor allem daran liegt, dass die Störung nicht in der gängigen Diagnosebibel, der ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten), auftaucht.

Diagnostik und Symptome

Doch es gibt Hoffnung: Vor zwei Jahren wurde PMDS als eigenständige affektive Störung in DMS-5, den diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen, aufgenommen. "Das sollte die Diagnosestellung in Zukunft erleichtern", sagt Stephanie Krüger, Chefärztin am Zentrum für Seelische Frauengesundheit in Berlin.

Etwa drei Viertel aller Frauen im reproduktiven Alter leiden nach dem Eisprung, also in der zweiten Zyklushälfte, unter körperlichen und psychischen Symptomen wie Wassereinlagerungen, Brustspannen, Niedergeschlagenheit, Müdigkeit oder Reizbarkeit, die schlagartig nach dem Einsetzen der Menstruation aufhören (On-off-Phänomen).

Die Bandbreite und Schwere der Symptome variiert stark. Seltener ist die PMDS, die Übergänge sind allerdings fließend: Zwischen 3 und 8 Prozent der Frauen erfüllen die engen Diagnosekriterien des DMS-5: Ihre Symptome – vornehmlich Reizbarkeit, Anspannung und Aggression – tauchen in mehreren aufeinanderfolgenden Zyklen auf, stehen nicht in Zusammenhang mit einer anderen psychiatrischen Erkrankung und sind so stark ausgeprägt, dass sie das soziale Miteinander in Familie und Beruf negativ beeinflussen.

Tagebuchmethode

"Das Schlimmste für betroffene Frauen ist der Kontrollverlust, deshalb organisieren einige ihr Leben so, dass sie Behördengänge et cetera in der ersten Zyklushälfte erledigen", sagt Rohde, "ab der Zyklusmitte haben sie das Gefühl, das wieder das 'Damoklesschwert' PMDS über ihnen schwebt."

Zur Diagnosesicherung muss die Frau mindestens zwei Monate lang ein Zyklustagebuch führen. "Damit lässt sich PMDS leicht diagnostizieren und von anderen psychischen Krankheiten abgrenzen", sagt Rohde. "Für betroffene Frauen ist das Tagebuch oft ein Aha-Erlebnis: Sie erkennen, dass ihre Symptome klar mit ihrem Zyklus zusammenhängen und sind oft ungeheuer erleichtert, dass es eine biologische Grundlage für ihre Beschwerden gibt", sagt Krüger. Auch für den Partner und die Kinder ist die Diagnose oft erleichternd.

Unschuldige Hormone

Wie PMS in all seinen Ausprägungen genau entsteht, ist bis heute nicht vollständig verstanden. Dass die weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron eine Rolle spielen, ist offensichtlich: Frauen, die diese Hormone nicht produzieren, also nach den Wechseljahren oder nach der operativen Entfernung der Eierstöcke, haben kein PMS. Auch schwangere Frauen sind frei davon.

Die verbreitete Meinung, dass bei Frauen mit PMS die "Hormone verrücktspielen", trifft allerdings nicht zu: Studien zeigen, dass Frauen, die stark an PMS leiden, die gleichen Hormonschwankungen aufweisen wie Frauen, die keine PMS-Symptome zeigen.

Das Problem sitzt im Gehirn

Wissenschafter nehmen daher an, dass PMS- und vor allem PMDS-Betroffene sensibler auf die natürlichen Hormonschwankungen im Menstruationszyklus reagieren. Peter Schmidt, der am National Institute of Health in Bethesda, USA, den Einfluss von Geschlechtshormonen auf das Gehirn und das Verhalten erforscht, zeigte das eindrucksvoll in einem Jahre zurückliegenden Experiment: Er versetzte PMDS-Betroffene und Frauen ohne PMS-Symptome künstlich in die Menopause, indem er ihnen GNRH (Gonadotropin releasing hormon) gab und damit die Produktion der Geschlechtshormone unterdrückte. Die PMDS-Symptome bei den betroffenen Frauen verschwanden vollständig.

Gab man ihnen Östrogen und Progesteron in der körperüblichen Dosierung zurück, entwickelten sich ihre Symptome wieder. "Frauen, die nicht an PMDS leiden und die gleiche Hormonmanipulation durchmachen, zeigen aber keine Symptome", so Schmidt, "wir gehen heute davon aus, dass Frauen mit PMDS die Hormonsignale im Gehirn anders verarbeiten. Warum manche Frauen so viel sensibler auf diese Signale reagieren als andere, ist unklar, wir sind dabei, das zu erforschen."

"Früher wusste man nicht, dass weibliche Geschlechtshormone mit dem Gehirn kommunizieren", sagt Krüger, "heute weiß man, dass sie auf das Neurotransmittersystem im Gehirn wirken und auf diese Weise Schlaf, Sexualität und auch die Stimmung beeinflussen."

Neurotransmitter dienen der Signalverarbeitung und -weitergabe im zentralen Nervensystem. Studien weisen darauf hin, dass Östrogen und Progesteron vor allem den Neurotransmitter Serotonin beeinflussen. Serotonin wirkt sich direkt auf die Stimmung aus und sorgt für innere Ruhe und Zufriedenheit, indem es Angstgefühle und Aggressionen dämpft. So lassen sich Depressionen und Aggressionen auf einen Serotoninmangel zurückführen.

Verhütungsmittel können helfen

Entsprechend hilft Frauen mit PMDS die Einnahme von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, die normalerweise bei Depressionen zum Einsatz kommen und dafür sorgen, dass das vorhandene Serotonin länger wirkt. "Bei PMDS reicht aber oft eine geringe Dosierung aus und anders als bei Depressiven wirken die Medikamente umgehend", sagt Rohde. Patientinnen können sie entweder durchgehend nehmen oder nur dann, wenn sie die Symptome verspüren.

Wenn Antidepressiva nicht infrage kommen, können auch Hormone helfen. Aber nicht jedes Hormonpräparat hilft jeder Frau. Die Pille etwa unterdrückt den Eisprung und damit die Hormonschwankungen, die Hormonspirale hingegen unterdrückt den Eisprung nicht, hilft aber dennoch manch einer Frau.

Eine mittlerweile gängige Vorgehensweise ist die Gabe der Pille im "Langzyklus", das heißt über viele Monate ohne "Pillenpause" zwischendurch. Grundsätzlich sollte auch Stress vermieden werden, da PMS/PMDS dadurch verstärkt werden. "Wirkt die Behandlung, ist es für die Frau ein Segen – auch wenn es manch eine befremdet zu erkennen, wie viel Einfluss Hormone auf ihre Stimmung haben", sagt Krüger.

Sorgfältige Betrachtung

Für die Zukunft wünschen sich Krüger und Rohde einen verbesserten interdisziplinären Behandlungsansatz: "Gynäkologen befassen sich nicht mit psychischen Symptomen, und Psychiater kennen sich mit dem weiblichen Zyklus nicht aus. Entsprechend verschreiben Frauenärzte keine Antidepressiva und Psychiater keine Hormone", sagt Krüger.

Nicht nur Frauen mit schwerem PMS würden davon profitieren, sondern auch Frauen mit anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen. Auch sie unterliegen hormonellen Schwankungen, oft verschlimmern sich ihre Symptome in der zweiten Zyklushälfte. Die sorgfältige Betrachtung der hormonellen Situation einer Frau sollte deswegen bei jeder medizinischen Untersuchung zum Goldstandard werden. (Juliette Irmer, 30.11.2015)

  • Frauen, die an der prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS) leiden, haben regelmäßig das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.
    foto: dpa / apa / boris roessler

    Frauen, die an der prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS) leiden, haben regelmäßig das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.

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