Psychische Erkrankungen: Wo Österreich Milliarden liegen lässt

29. November 2015, 12:01
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Verminderte Produktivität kostet 3,6 Prozent Wirtschaftsleistung – bei Krankenständen schneidet Österreich im internationalen Vergleich schlecht ab

Wien – Beim Pensionsgipfel der Regierung am 29. Februar 2016 werden sie wohl fixer Tagesordnungspunkt sein: die Invaliditätspensionen. Wie berichtet ist eine Zwischenbilanz zu den Änderungen, die Anfang 2014 in Kraft getreten sind, nicht gerade berauschend ausgefallen. Nur in ganz wenigen Fällen können vorübergehend arbeitsunfähige Menschen nach Ansicht von Pensionsversicherung und Krankenkassen Umschulungen über das AMS absolvieren.

Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) hat nun bereits – noch nicht näher spezifizierte – Adaptierungen angekündigt. Vor allem das Thema der psychischen Erkrankungen rückt wieder stärker in den Fokus. Von jenen, die 2014 unter 50 Jahre alt waren, waren rund 70 Prozent aus mentalen Gründen nicht mehr arbeitsfähig. DER STANDARD nimmt die Debatte zum Anlass, um das Thema näher zu beleuchten und zu vergleichen, wie Österreich im Vergleich mit anderen Ländern dasteht.

foto: imago
Arbeit auch in der Freizeit – das überfordert immer mehr Menschen und führt zu psychischen Erkrankungen

Wirtschaftsleistung leidet

Umfassende Daten sammelt die OECD, die erst im Oktober ihren jüngsten Österreich-Bericht "Mentale Gesundheit und Arbeit" veröffentlicht hat. Wie oft bei derartigen Studien sind die Daten aber zum Teil schon einige Jahre alt. Demnach führt die verminderte Produktivität infolge psychischer Probleme zu einer geringeren Wirtschaftsleistung (BIP) von 3,6 Prozent, was immerhin zwölf Milliarden Euro entspricht. In anderen Ländern fällt dieser Wert freilich nicht viel niedriger aus, lediglich die Briten haben mit einem BIP-Einbruch von 4,5 Prozent einen deutlich schlechteren Wert.

Signifikant schlechter als der OECD-Schnitt ist Österreich bei der Beschäftigungsquote von psychisch kranken Menschen. Hierzulande sind 55 Prozent beschäftigt. In der Schweiz sind es fast 80 Prozent, in den Niederlanden, die immer wieder für Reformen bei der Invaliditätspension (I-Pension) gelobt werden, knapp 70 Prozent. Vor allem bei Frauen gibt es besonders schlechte Werte in Österreich.

Viele Krankenstände

Überdurchschnittlich schlecht schneidet Österreich auch bei den Krankenständen ab. 40 Prozent jener Mitarbeiter, die an einer psychischen Erkrankung leiden, fallen einmal im Monat aus, der EU-Schnitt liegt nur bei 31 Prozent. Bei den psychisch Gesunden liegt Österreich ziemlich genau im EU-Durchschnitt.

Die OECD weist aber noch auf ein anderen Phänomen in Österreich hin. Es gibt in Österreich viele Menschen mit mentalen Problemen, die zwar nur eingeschränkt produktiv sind, aber trotzdem zur Arbeit gehen (82,9 Prozent). Bei jenen, die nicht psychisch krank sind, schleppen sich zwar auch 22,7 Prozent der gesundheitlich Angeschlagenen in die Arbeit, das ist aber etwas weniger als der EU-Schnitt.

Eine nähere Beleuchtung ist auch der langfristige Vergleich wert. Auf den ersten Blick sieht der Anstieg bei den psychisch bedingten I-Pensionen seit Mitte der 90er-Jahre dramatisch aus (von zehn Prozent aller neu zuerkannten Pensionen auf 35 Prozent im Jahr 2013).

Auf den zweiten Blick sieht man aber auch, dass Österreich bei Frühpensionen aus psychischen Gründen vor 20 Jahren noch weit unterdurchschnittliche Werte aufwies. Es gab also offenbar einen gewissen Nachzieheffekt. Die OECD-Experten erklären sich diesen unter anderem damit, dass psychische Problemen heute nicht mehr als Stigma gelten.

Große Unterschiede nach Alter

Auffallend bei der I-Pension in Österreich sind laut OECD die enormen Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Während es im OECD-Schnitt ungefähr dreimal so viele Bezieher aus der Altersgruppe 55 bis 64 wie jene zwischen 25 und 34 Jahren gibt, sind es in Österreich elfmal so viele.

Zurückgeführt wird das auf die lockereren gesetzlichen Bestimmungen für Ältere. Im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen plädiert die OECD aber auch dafür, das Betreuungsangebot für jungen Menschen – beginnend in der Schule – auszubauen. So könne einer späteren Arbeitsunfähigkeit vorgebeugt werden.

Betriebe haben wenig Interesse

Gefordert sieht die OECD auch die Betriebe. Nur 26 Prozent analysieren regelmäßig die Krankenstände. In Schweden oder der Spanien sind es deutlich über 70 Prozent. Vor allem bei den kleinen Firmen, von denen es in Österreich sehr viele gibt, existiert kaum ein aktives Management von Arbeitsabsenzen.

Und schließlich zeigt sich auch, dass das Gesundheitsangebot für psychisch Erkrankte in Österreich verhältnismäßig schlecht ausgebaut ist. Zwar gibt es mit 490 praktizierenden Ärzten pro 100.000 Einwohner hinter Griechenland insgesamt Platz zwei bei der ärztlichen Versorgung, bei den Psychiatern liegt man aber mit 15 Ärzten pro 100.000 Bürgern hinter den meisten westeuropäischen Ländern.

Unterversorgung

Um dieser Unterversorgung im psychotherapeutischen Bereich entgegenzuwirken, schlägt die OECD eine Umschichtung von Geldern im Gesundheitswesen vor.

Bei der erwähnten Reform der I-Pensionen sei es nötig, diese "konsequent für Arbeitnehmer jeden Alters umzusetzen und sie auf die gesamte Erwerbsbevölkerung auszudehnen". Der praktische Erfolg werde vor allem davon abhängen, wie intensiv die Behörden die Betroffenen unterstützen. Denn: "Ohne entsprechenden Einsatz könnten die neuen Leistungen in eine Sackgasse führen." (Günther Oswald, 28.11.2015)

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