Flüchtlinge: "Wiederkehr der Großsiedlungen wäre verfehlt"

Interview27. November 2015, 09:00
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Siedlungen für Flüchtlinge am Stadtrand hätten Negativschlagzeilen zur Folge, sagt Soziologe Jürgen Friedrichs

STANDARD: In Österreich werden 2015 bis zu 95.000 neue Asylanträge erwartet. Nach der Erstversorgung ist die Unterbringung der Flüchtlinge entscheidend. Wie soll man da am besten vorgehen?

Friedrichs: Wohngebiete der Mittelschicht sind bestimmt besser geeignet als Bezirke mit hohem Arbeitslosenanteil. Und die Unterbringung sollte möglichst kleinteilig erfolgen, also über verschiedene Stadtgebiete verteilt.

STANDARD: Wichtig ist die innerstädtische Unterbringung. Warum?

Friedrichs: Das wäre sinnvoll, etwa wenn man Baulücken hat. Derzeit bauen wir Unterkünfte, die man in 500er-Einheiten auf die grüne Wiese stellt. Eine Wiederkehr der Großsiedlungen wäre völlig verfehlt und würde die Negativschlagzeilen für die nächsten zwanzig Jahre sichern.

STANDARD: Wieso glauben Sie das?

Friedrichs: Die Menschen werden dort isoliert. Es fallen Kontakte zwischen den sozialen Schichten weg, und es besteht keine Notwendigkeit, die Landessprache zu lernen. Es gibt auch keine Schulen und Einkaufsmöglichkeiten. Personen mit mehr Einkommen wollen eine andere Infrastruktur.

STANDARD: In Bezirken der Mittelschicht sind dann aber die sozialen Unterschiede größer.

Friedrichs: Mit steigender Bildung nimmt die Toleranz gegenüber Flüchtlingen zu. Trotzdem haben etwa 40 Prozent der höher Gebildeten eine Abneigung gegen Muslime und sehen sie als Bedrohung, 40 Prozent finden, dass sie eine Bereicherung darstellen. Je höher die Menschen gebildet sind, desto polarisierter sind die Meinungen. Bei wenig Gebildeten gibt es hingegen plumpe Ablehnung.

STANDARD: Entsteht ein Kampf zwischen sozial schwachen Österreichern und Flüchtlingen?

Friedrichs: Das hängt davon ab, wie knapp Arbeitsplätze und Wohnungen sind. Wenn die Ressourcen knapp sind, entsteht eine Konkurrenz. Wir brauchen sozialen Wohnbau nicht nur für Flüchtlinge, sondern wir haben schon ein großes Defizit, das wir vor uns herschieben. Die Konkurrenz wird sich nicht vermeiden lassen, und es wird politische Schwierigkeiten geben. Wenn wir bereit sind, aus humanitären Gründen Flüchtlinge aufzunehmen, was wir sind und auch sein sollten, dann müssen wir gesellschaftliche Konflikte riskieren.

STANDARD: Soziologen sprechen vom "Tipping Point".

Friedrichs: Es gibt in den Augen der Einzelnen immer einen Punkt, bis zu dem sie Migranten im eigenen Stadtteil tolerieren. Wird dieser überschritten, zieht man weg. Wir wissen nicht, wo dieser Punkt liegt. Natürlich kann man nicht in einen Ort mit 10.000 Einwohner 1000 Flüchtlinge hinschicken.

STANDARD: Weil sonst die Stimmung kippt?

Friedrichs: Weil sonst die Feindseligkeit zunimmt. Es wird auch eine innenpolitische Zerreißprobe. Wir können nicht davon ausgehen, dass 2016 weniger Flüchtlinge kommen. Wir müssen zeigen, dass wir auch längerfristige Erfolge in der Integration haben ...

STANDARD: ... und längerfristige Maßnahmen setzen?

Friedrichs: Ja, bloß nicht den Fehler der Gastarbeiter wiederholen.

STANDARD: Preiswerten Wohnraum fordert jede Partei. Warum gibt es ihn nicht?

Friedrichs: Es werden riesige Vermögenswerte vererbt, an Personen, die den Großteil ihres Geldes in Eigentumswohnungen stecken. Das führt dazu, dass mehr Eigentum nachgefragt wird. Daher errichten Investoren lieber Eigentumswohnungen, weil sie das Geld in kürzester Zeit wieder heraushaben. Diese Rendite innerhalb kurzer Zeit kann man mit Sozialwohnungen nie erreichen.

STANDARD: Für private Investoren sind Sozialwohnungen uninteressant und für die öffentliche Hand in guter Lage zu teuer.

Friedrichs: Die Frage ist, welche Anreize einem privaten Investor geboten werden müssen, um Sozialwohnungen zu errichten. Steuererleichterungen reichen nicht aus. Wenn Sie in einer Stadt wie Köln ein altes Gebäude abreißen und Eigentumswohnungen errichten wollen, dann haben Sie die Wohnungen verkauft, bevor das neue Gebäude steht. Das ist für Investoren sehr attraktiv. (Marie-Theres Egyed, 27.11.2015)

Jürgen Friedrichs (77), emeritierter Soziologe an der Uni Köln, ist auf empirische Sozialforschung spezialisiert.

  • "Bloß nicht den Fehler der Gastarbeiter wiederholen", sagt Soziologe Jürgen Friedrichs über die langfristige Integrationsmaßnahmen.
    foto: picturedesk.com/galuschka

    "Bloß nicht den Fehler der Gastarbeiter wiederholen", sagt Soziologe Jürgen Friedrichs über die langfristige Integrationsmaßnahmen.

  • In Wien-Simmering sind in einer ehemaligen Kaserne Flüchtlingswohnungen untergebracht.
    foto: der

    In Wien-Simmering sind in einer ehemaligen Kaserne Flüchtlingswohnungen untergebracht.

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