Lang Lang: "Wir müssen Musik machen, denn Musik heilt"

Interview27. November 2015, 05:30
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Der Pianist über Mozart, Last und Lust des Übens, die Gemeinsamkeiten von Fußball und Klavierspiel, das Allianz Junior Music Camp und seine Reaktion auf die Anschläge von Paris

STANDARD: Es ist Sonntag, zwölf Uhr Mittag. Haben Sie heute eigentlich schon geübt, oder gönnt sich auch ein Lang Lang mal einen faulen halben Tag?

Lang: Heute habe ich noch nicht geübt – ich fliege am Nachmittag nach China. Normalerweise spiele ich dort sonntags eine Matinee, Montag ist dann der Tag, an dem ich nicht so viel mache.

STANDARD: Als Kind war das Üben für Sie eine tägliche Pflicht, mitunter sogar eine Qual. Ich nehme an, heute üben Sie gern?

Lang: Ja, absolut. Früher habe ich es nur zu 80 Prozent gern gemacht. Wenn man sich als Kind hinsetzen und sechs, manchmal acht Stunden üben muss, dann ist das nicht immer toll. Aber ich habe schon damals oft Wettbewerbe gespielt, und das hat mich immer motiviert, noch mehr zu machen. Heute übe ich weniger als früher. Am Anfang muss man eine Technik aufbauen, das braucht Zeit. Jetzt muss ich sie nur weiterentwickeln.

STANDARD: Wie waren die Eindrücke vom Allianz Junior Music Camp im Musikverein, bei dem Sie eine Meisterklasse gegeben haben?

Lang: Ich habe mich an mich selbst als Kind erinnert ... Wir haben hart gearbeitet, das Niveau war hoch. Viele haben schon ganz genaue Ziele, was sie erreichen wollen auf diesem Gebiet. Ich habe mich bemüht, freundlich, ehrlich und konsequent zu sein.

STANDARD: Wenn Sie musizieren, fällt Ihre Offenheit gegenüber dem Publikum auf. Manche Ihrer Kollegen empfinden das Publikum mehr als Belastung und Störfaktor, bei Ihnen scheint das nicht der Fall zu sein. War das immer schon so?

Lang: Ja. Ich wollte eigentlich schon als Kind meine Gefühle zeigen. Mit der Zeit habe ich aber immer genauer gelernt, was ich eigentlich musikalisch sagen möchte. Dabei ist das Interessante ja das, was zwischen den Noten steht – das hat früher schon Karajan gesagt. Und hier gibt es natürlich wieder eine Million verschiedener Sichtweisen und Interpretationen. Das ist ja gerade das Tolle an der Musik.

STANDARD: Wie würden Sie Ihren Charakter beschreiben? Welcher Gemütszustand ist Ihnen näher: die elegante Melancholie Chopins, das Pathos Tschaikowskis, der Ernst Beethovens, Schuberts weiche Verletzbarkeit oder Mozarts sonnige Verspieltheit?

Lang: Ich bewundere Mozarts Persönlichkeit! Er ist so lebendig, sein Geist scheint mir wie ein Vulkan zu sein, und seine Musik kommt direkt aus seinem Herzen. Seine Musik ist sehr klar, subtil, mit wundervollen Details. Gleichzeitig kann er aber auch ziemlich schlimme Sachen machen! Nikolaus Harnoncourt hat mir das gezeigt, ich habe mit ihm und den Wiener Philharmonikern – sie sind für mich das tollste Orchester der Welt – Klavierkonzerte von Mozart aufgenommen. Der Film Amadeus (von Milos Forman, Anm.) hat mir auch geholfen, seinen Charakter zu verstehen. Und Mozarts Briefe: Sie sind so warm, witzig und lebendig!

STANDARD: Gibt es Komponisten, die Ihnen weniger liegen?

Lang: Als Künstler muss man fähig sein, sich in jede der unterschiedlichen Gefühlswelten der großen Komponisten einzufühlen. Johannes Brahms, zum Beispiel: Ich glaube, es hat sehr viele dunkle Momente in seinem Leben gegeben. Und um diese Musik glaubhaft spielen zu können, muss man diese Dunkelheit in sich spüren – obwohl man sie vielleicht selbst gar nicht erfahren hat. So wie ein guter Schauspieler, der auch Charaktere spielen kann, die weit von seiner Persönlichkeit entfernt sind.

STANDARD: In Ihrer neuen DVD "Lang Lang in Paris" spielen Sie Werke von Chopin und Tschaikowski.

Lang: Paris war für Chopin und Liszt das, was Wien für Mozart war: eine Quelle der Inspiration. Chopin hatte dort viele Freunde: Maler, Schriftsteller, George Sand ... Sie haben sich gegenseitig inspiriert. Es ist für mich als Künstler unerhört wichtig, enge Verbindungen zu so zentralen Musikstädten wie Paris oder Wien zu haben. Hier gibt es Verbindungen zurück in die Geschichte, hier wurde das Wissen von Generation zu Generation weitergegeben – wie etwa von den Wiener Philharmonikern oder Harnoncourt.

STANDARD: Was haben Sie gedacht, was haben Sie gefühlt, als Sie von den Anschlägen in Paris erfahren haben?

Lang: Ich war nur wenige Tage nach den Anschlägen in Paris. Meine zwei Konzerte in Bordeaux und Marseille habe ich den Opfern der Anschläge gewidmet. All unser Mitgefühl und unsere Unterstützung muss den Parisern gelten, es ist schwierig für sie. Wir müssen Musik machen, denn Musik heilt.

STANDARD: Die deutsche Geigerin Anne-Sophie Mutter hat in einem Artikel offenbart, dass sie eine große Bewunderin des Spiels von Roger Federer ist. Für sie ist seine einhändig geschlagene Rückhand Kunst. Pflegen Sie ähnliche Leidenschaften auf sportlichem Gebiet?

Lang: Ja, beim Fußball! Da gibt es auch Ähnlichkeiten: Als Pianist hat man zehn Finger, die sehr gut zusammenarbeiten müssen, damit etwas Außergewöhnliches passiert. Ein Finger allein schafft das nicht. Beim Fußball ist es genau dasselbe: Da müssen zehn Feldspieler zu einem Kollektiv verschmelzen und trotzdem Individuen bleiben. Bayern München und Barcelona haben unterschiedliche Stile, aber beide spielen auf dem allerhöchsten Level. Ihre Matches inspirieren mich sehr, das ist lebendige Kunst. (Stefan Ender, 26.11.2015)

Lang Lang, geboren 1982 in Shenyang (China), ist einer der weltweit besten und breitenwirksamsten Pianisten. Mit der 2008 gegründeten Lang Lang International Music Foundation unterstützt er die musikalische Entwicklung von Kindern. Der Chinese wurde 2012 Kulturbotschafter von Volkswagen, 2013 Offizier des französischen Ordre des Arts et des Lettres und 2015 "Mann des Jahres" des Magazins "GQ" in der Sparte Social Media.

  • "Lang Lang in Paris" heißt die neue CD des chinesischen Starpianisten mit Stücken von Chopin und Tschaikowsky. Auch drauf: der Konzertmitschnitt "Lang Lang live in Versailles".
    foto: epa / herbert p. oczeret

    "Lang Lang in Paris" heißt die neue CD des chinesischen Starpianisten mit Stücken von Chopin und Tschaikowsky. Auch drauf: der Konzertmitschnitt "Lang Lang live in Versailles".


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