Sonne und Wolken am Finanzplatz London

5. Jänner 2016, 10:22
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Der Finanzplatz London hat in der wiedergewählten Tory-Regierung einen eifrigen Fürsprecher, der schlimmste Crash seit 80 Jahren scheint vergessen

Über mangelnde Fürsorge seitens der britischen Regierung können sich die Akteure am wichtigsten Finanzplatz der Welt nicht beklagen. Finanzminister George Osborne und seine City-Staatssekretärin Harriet Baldwin scheinen seit ihrer Wiederwahl im Mai nach einem Rezept zu handeln, das Baldwin 2005 zu den schlimmsten Boomzeiten verfasst hat. Man müsse doch, argumentierte die damalige Fondsmanagerin bei JP Morgan, "die Fähigkeit, Klugheit und Begabung" des in der City versammelten Bankenmanagements anerkennen und viele der "hinderlichen" Vorschriften abschaffen.

Dass drei Jahre später der schlimmste Crash seit 80 Jahren das globale Finanzsystem beinahe zum Einsturz gebracht hat, scheinen die Konservativen langsam zu vergessen. Darauf deutet jedenfalls eine Reihe von Entscheidungen hin, mit denen sie den stetigen Klagen der Finanzindustrie über deren Belastung nachgaben. Osbornes Haushalt zwei Monate nach der Wahl enthielt eine Reduzierung der Bankenabgabe; diese bringt dem Staat derzeit jährlich rund vier Milliarden Pfund (5,7 Mrd Euro) ein.

Aktien-Verkauf

Im August überraschte der Finanzminister die Börsianer durch den Verkauf von Aktien der Royal Bank of Scotland (RBS), die von der damaligen Labour-Regierung gerettet werden musste. Mit 330 Pence lag der Preis um 170 Pence unter dem Einkaufspreis von 2008. "Da wird der Steuerzahler übers Ohr gehauen", empörte sich Ian Gordon vom Vermögensverwalter Investec. Dass der Staat seinen Anteil an der RBS auf 73 Prozent reduzierte, beurteilen viele in der City jedoch wohlwollend.

Geradezu Jubel herrschte am Finanzplatz, als Osborne den als hartnäckig bekannten Leiter der Aufsichtsbehörde FCA zum Rücktritt zwang. Martin Wheatley hatte wie zuvor als Leiter der Bankenaufsicht von Hongkong seit 2013 auch in London eine harte Gangart eingeschlagen, hatte Kredithaie mit neuen Vorschriften belegt und hohe Strafen im Skandal um Forex-Manipulationen verhängt.

Schließlich wird auch wieder, von der Regierung ermutigt, über die gesetzlich beschlossene Trennung von Investment- und Kundengeschäft diskutiert. Eine neue Kernvorschrift, die hohe Banker persönlich für illegale Praktiken ihrer Firmen verantwortlich macht, soll lediglich rund 15 Spitzenmanager betreffen.

So sehr der Branche die Wiederwahl der Konservativen mit Osborne und Baldwin als Fürsprecher zupasskam – das damit verbundene Referendum über Großbritanniens Verbleib in der EU bringt Unsicherheiten mit sich, die ein Großteil der Banken gern vermieden hätte. Immerhin hat sich Osborne, der auch als Chefunterhändler der Regierung gegenüber Brüssel fungiert, zum Ziel gesetzt, den Finanzplatz gegen vermeintlich regulierungswütige EU-Bürokraten zu verteidigen.

Positive Wirtschaftsdaten

Die Wahl gewannen die Konservativen nicht zuletzt wegen alles in allem positiver Wirtschaftsdaten. Die Arbeitslosigkeit ist im Herbst auf 5,3 Prozent gesunken, wenn es sich bei vielen neuen Jobs auch um schlecht bezahlte Teilzeitbeschäftigungen handelt. Das robuste Wachstum von etwa 2,5 Prozent in diesem Jahr soll sich nach den Vorhersagen auch 2016 wiederholen. Die Inflation pendelt um den Nullpunkt, was den immer wieder vorhergesagten Anstieg der Leitzinsen (derzeit 0,5 Prozent) unwahrscheinlich macht.

Doch stehen auch dunkle Wolken am Horizont. Das Defizit liegt nach fünf Jahren staatlichen Sparprogramms noch immer bei 4,4 Prozent, Weltfirmen wie Rolls-Royce und der Waffenproduzent BAE schwächeln, Exporteure stöhnen wegen der anhaltenden Schwäche der Eurozone, wodurch das Pfund stärker dasteht als es die wirtschaftlichen Eckdaten rechtfertigen. (Sebastian Borger, Portfolio, 5.1.2016)

  • Die Briten lockern Regeln, eifriger Handel folgt.
    foto: apa / epa / facundo arrizabalaga

    Die Briten lockern Regeln, eifriger Handel folgt.

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