Warnungen vor "wohnungspolitischer Katastrophe"

26. November 2015, 14:51
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Gewerbliche und gemeinnützige Bauträger gründen "Plattform Wohnungsbau" und erstellen Forderungskatalog

Wegen des starken Zuzugs in die österreichischen Ballungsräume befürchten maßgebliche Player der heimischen Wohnungswirtschaft eine Wohnungsknappheit wie zuletzt Anfang der 1990er-Jahre. "Wir steuern sehenden Auges auf eine wohnungspolitische Katastrophe zu", formulierte es WKÖ-Bauträgersprecher Hans Jörg Ulreich am Donnerstag auf einer Pressekonferenz recht drastisch.

"Gewaltige Herausforderung"

In Wien hat man seiner Ansicht nach schon in den vergangenen Jahren auf den jährlichen Zuzug von 25.000 Menschen nicht adäquat reagiert. Mit rund 50.000 anerkannten Asylwerbern, die sich in den kommenden Jahren zusätzlich in der Bundeshauptstadt ansiedeln könnten, würden "Obdachlosigkeit, Armut und amerikanische Verhältnisse" drohen. Nachsatz: "Das will die private Immobilienwirtschaft nicht."

Eine jedenfalls "gewaltige Herausforderung" sehen auch die gemeinnützigen Bauträger (GBV), weshalb man sich nun zusammentat und gemeinsam mit Baustoffindustrie und -handel die Plattform Wohnungsbau ins Leben rief. Diese Plattform hat als erste Maßnahme einen Katalog erstellt, der einerseits die Kostentreiber im Wohnungsneubau auflistet und andererseits konkrete Vorschläge nennt, wie die explodierenden Kosten im Neubau eingedämmt werden könnten.

Normen im Fokus

Ganz oben steht das Normenwesen, in dem laut GBV-Obmann Karl Wurm zuletzt mit dem Entwurf für ein neues Normengesetz bereits ein wichtiger Schritt geschehen sei. Gefordert wird hier aber noch eine verpflichtende Kostenabschätzung vor dem Inkrafttreten neuer Normen.

Unter anderem wegen des überbordenden Normenwesens seien die Baukosten in den vergangenen zehn Jahren um 46 Prozent auf mehr als 2.000 Euro pro Quadratmeter Nutzfläche gestiegen, sagte Wurm in der Pressekonferenz. Zu einem Drittel sei dieser Anstieg auf zusätzliche Qualitätsstandards oder strengere Regeln für Brandschutz oder Barrierefreiheit zurückzuführen. Diese zusätzlichen 200 Euro entsprächen umgelegt auf die monatliche Wohnungsmiete einem zusätzlichen Euro pro Quadratmeter, das seien also bei einer 70-m²-Wohnung im Monat 70 Euro mehr an Miete. Parallel seien die mittleren Realeinkommen leicht gesunken.

Auch das Problem des mangelnden Zugriffs auf Bauland und der allgemein hohen Grundstückskosten müsse man endlich in den Griff kriegen, so Wurm. Wegen der hohen Grundpreise seien die Gemeinnützigen mittlerweile regelrecht dazu gezwungen, auch freifinanziert zu bauen, "um überhaupt noch gefördert bauen zu können". In Wien ist die Grundpreis-Grenze, bis zu der noch gefördert gebaut werden kann, nämlich seit Jahren bei 250 Euro je Quadratmeter Nutzfläche festgeschrieben, Grundstücke sind aber oft nur noch um ein Mehrfaches davon zu bekommen.

Bayerisches Modell bei Barrierefreiheit

In Sachen Barrierefreiheit schlug Wurm einmal mehr das bayerische Modell vor, wo nur 30 Prozent der Neubauwohnungen komplett barrierefrei errichtet werden müssen. Bei den energetischen Standards sollte das Niedrigenergiehaus wieder zum Standard werden, anstatt des in der Errichtung teureren Passivhauses. Auch was die verpflichtende Errichtung von Gemeinschaftsflächen im geförderten Wohnbau betrifft, will man bremsen, da diese ohnehin laut Wurm "bei den Bewohnern oft nicht den erwarteten Anklang finden". Die Entscheidung, welche errichtet werden, "sollte den Bauträgern überlassen werden".

Ins selbe Horn stieß WKÖ-Bauträgersprecher Ulreich beim Thema (Pkw-)Stellplätze: Auch diese sollten ausschließlich in der Verantwortung der Bauherren liegen, und nicht mehr zwingend (von den Gemeinden) vorgeschrieben werden.

Für Georg Bursik, den Vorsitzenden des Forschungsverbands der österreichischen Baustoffindustrie, sollte auch so manche länderspezifische Eigenheit überdacht werden. "Kunststofffenster im geförderten Wohnbau sind in Oberösterreich möglich, in Wien aber nicht."

Starkes Wachstum

Die Wohnbauprofis glauben, dass mit Vorschlägen wie diesen der erwartete gewaltige Mehrbedarf an Wohnraum für die kommenden Jahre zu schaffen sein wird. Eine aktuelle Prognose, die die Statistik Austria erst vor zwei Tagen veröffentlicht hat, spricht von einem jährlichen Wachstum der österreichischen Bevölkerung um 60.000 Menschen in den nächsten fünf Jahren, primär wegen der Migration. Bei anhaltend starkem Asylwerberzustrom würde Österreichs Bevölkerung jährlich sogar um 100.000 Personen wachsen (siehe "Weiterlesen").

Anfang der 1990er-Jahre sei das Wachstum ähnlich stark gewesen, damals habe man recht gut darauf reagiert, sagte Wurm. "Da wurde rasch gewidmet, und es wurde Wohnbau produziert." (mapu, 26.11.2015)

  • Die neu formierte "Plattform Wohnungsbau" mit Vertretern der gewerblichen und gemeinnützigen Bauwirtschaft drängt auf kostendämpfende Maßnahmen, damit Wohnen weiterhin leistbar bleibt.
    foto: standard

    Die neu formierte "Plattform Wohnungsbau" mit Vertretern der gewerblichen und gemeinnützigen Bauwirtschaft drängt auf kostendämpfende Maßnahmen, damit Wohnen weiterhin leistbar bleibt.

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