Wie Chinas Aktionäre Karl Marx neu entdecken

28. Dezember 2015, 05:58
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Hunderttausende Kleinanleger haben ihre Ersparnisse eingebüßt. Sie haben – ermuntert von der Regierung – kräftig eingekauft und nicht rechtzeitig verkauft

Chinas Aktionäre entdeckten heuer Karl Marx neu. Auch der Begründer der "Lehre vom gemeinsamen Besitz", wie Kommunismus auf Chinesisch übersetzt wird, spekulierte einst als Kleinanleger. Das fand die "Jugendzeitung" heraus, als sie Marx-Briefe vom Juni 1864 durchforstete. Er lebte damals in London. Sein verstorbener Mitkämpfer Wilhelm Wolff hatte ihm 600 Pfund vermacht. Marx soll sie an der englischen Börse aufs Spiel gesetzt haben. Nach einem Monat verkaufte er die Aktien für 1.000 Pfund. An Friedrich Engels schrieb er: "Jetzt brauche ich eine Zeitlang Eure Unterstützung nicht mehr." Nach Angaben der Jugendzeitung habe er danach nie wieder spekuliert.

151 Jahre später folgten nur wenige der rund 100 Millionen chinesischen Kleinanleger dem Vorbild Marx, Aktien rechtzeitig wieder zu verkaufen. Bis Juni hatten sie fast nur gekauft, weil Chinas Führung sie dazu ermunterte. Von Juni 2014 bis 12. Juni 2015 stieg der Shanghai-Leitindex um 150 Prozent – dann stürzte er in kaum drei Wochen um 40 Prozent ab. Hunderttausende Kleinableger büßten ihre Ersparnisse ein.

Enges Korsett

Das Börsendrama hatte mit der realen Wirtschaft Chinas wenig zu tun. Peking zwängte seine 1990 gegründeten Aktienmärkte in ein so enges Korsett, dass sie nur am Rande des Wirtschaftsgeschehens mitspielen durften. Auslandskapital ist von der Börse ausgesperrt, außer bei Experimenten wie "Shanghai-Hongkong-Stock-Connect" oder bei qualifizierten Investoren.

Dennoch geriet die internationale Finanzwelt in Panik, als Chinas Börsen abstürzten. Dabei war es seit 1990 das neunte Mal, dass die Kurse um mehr als 100 Prozent stiegen oder fielen. Im Oktober 2007 kam Shanghais Leitindex auf einen Rekord von 6.124 Punkten, um dann nach und nach auf einen Tiefpunkt von unter 2.000 zu fallen. Damals regte das niemanden auf. Die jetzige Überreaktion war ein neues Phänomen. Wurde früher der Einfluss Chinas auf die Weltwirtschaft unterschätzt, wird er nun in grotesker Weise überschätzt. Schuld sind gehypte Meldungen von der vermeintlich omnipotenten Volkswirtschaft.

Doch die Börsen sind eine Welt für sich. Pekings Führung suchte seit Mitte 2014 nach Mitteln und Wegen, um die riesigen Sparguthaben der Bevölkerung loszueisen. Mit dem künstlichen Börsenboom sollte die Wirtschaft neu belebt, Unternehmen entschuldet und die Nachfrage stimuliert werden, schreiben die Experten vom Berliner China-Studienzentrum Merics.

Heuer wollte Peking 123 Börsengänge in den Markt drücken. Die Zentralbank senkte mehrfach die Zinsen, um Aktienkäufe zu fördern. Die Börsenaufsicht erlaubte innovative Finanzprodukte – etwa Leerverkäufe. Das musste schiefgehen, schreibt Zhao Xiju, Ökonom an der Volksuniversität, weil es weder ein Risikomanagement gab noch klare Verantwortlichkeiten, wer die Aufsicht führt.

Rückwärtsgang

Als es krachte, schaltete Pekings Führung in den Rückwärtsgang. Der Handel für 51 Prozent der Aktien wurde eingestellt, Neuemissionen gestoppt. Und China machte Jagd auf Sündenböcke vom Insiderhändler bis zum Wirtschaftsreporter, der gestand: "Ich war es." Im November wurde Yao Gang, Vizechef der Börsenaufsicht, wegen mutmaßlicher Korruption festgenommen.

Chinas Führer nehmen sich von aller Verantwortung aus und treiben die Märkte wieder an. 28 Firmen sollen heuer noch an die Börse gehen. Im Fünfjahresplan steht die Runderneuerung der Aktienmärkte als Ziel. Zuletzt forderte Parteichef Xi Jinping fünfmal dazu auf, die Börsen fit zu machen.

Weder haben also die Kleinanleger von Marx gelernt, rechtzeitig abzuspringen, noch Chinas Führung vom jüngsten Crash, die Börsen vom Markt und nicht von der Partei leiten zu lassen. (Johnny Erling aus Peking, Portfolio, 28.12.2015)

  • Der Crash hat die Anleger eiskalt erwischt.
    foto: reuters / nir elias

    Der Crash hat die Anleger eiskalt erwischt.

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