Milliardengeschäft Kunstmarkt: Kein schöner Pfand

22. Dezember 2015, 11:28
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Einst akzeptierten Banken Kunst nur in Notfällen als Besicherung von Krediten. Der Boom auf dem Kunstmarkt brachte die Wende

Womit man einst eher verschämt jonglierte, hat sich zwischenzeitlich zu einem Geschäftsfeld entwickelt: die Vergabe von Krediten, die über Kunstsammlungen besichert werden. Die Rede ist von einem monetären Niveau, das meist im zwei-, auch dreistelligen Millionenbereich liegt und bisweilen sogar die Milliardengrenze überschreitet.

Auch wenn solche Fälle nur vereinzelt an die Öffentlichkeit gelangen: Hinter den Kulissen begann dieses Segment seit der Weltfinanzkrise 2008 zu erstarken. Im Frühjahr 2009 war etwa die Metropolitan Opera mit einer prekären finanziellen Situation konfrontiert: Die Donationen, sonst in einer jährlichen Größenordnung von rund 300 Millionen Dollar, waren um mehr als ein Drittel geschrumpft.

In diesem wesentlichen Bestandteil des jährlichen Budgets klaffte eine Lücke, die trotz massiver Einsparungen den laufenden Betrieb gefährdete. Man behalf sich mit einem Überbrückungskredit von JPMorgan Chase in der Höhe von 35 Millionen Dollar. Als Sicherheit dienten die 1965/66 entstandenen Wandgemälde von Marc Chagall.

Wie die New Yorker Met nutzten damals einige diese Option und verschafften sich über einzelne Kunstwerke oder ganze Sammlungen Liquidität. Kunst war damit endgültig eine seriöse Kapitalanlage geworden, in die es zu investieren lohnte. In guten Zeiten schmückte sie Penthäuser, in schlechten sicherte sie den Geldfluss.

Bereits 2011 attestierte eine von Deloitte unter luxemburgischen Privatbanken durchgeführte Umfrage die wachsende Bedeutung: 22 Prozent gaben an, dies ihren Kunden aktiv anzubieten, und 33 Prozent planten, derlei innerhalb von zwei, spätestens drei Jahren in ihr Portfolio aufzunehmen.

Milliardengeschäft

Seit damals hat sich der weltweite Wertumfang solcher "Art-backed Loans" verdoppelt und dürfte heuer die Zehn-Milliarden-Dollar Grenze überschreiten. Zu den Anbietern gehören selbstredend auch die Auktionsgiganten Christie's und Sotheby's, die damit sowohl Kunden als auch Top-Kunstwerke generieren.

Als Privatunternehmen gewährt Christie's keinen Einblick. Bei Sotheby's wurde der zugehörige Kreditrahmen jüngst von 550 Millionen auf eine Milliarde Dollar erhöht. Eine strategisch sinnvolle Entscheidung, zumal dieses Businesssegment den jüngeren Boom auf dem internationalen Kunstmarkt wenn schon nicht direkt beeinflusst, so doch zumindest begleitet. Etwa in der steigenden Nachfrage nach solchen Trophäen, die sich auch als Pfand eignen.

Beispielhaft dafür steht ein Kunstwerk, das in der Vergangenheitsbewältigung der Bawag einst eine Rolle spielte: Pablo Picassos 1932 gemaltes "Le Rêve" ("Der Traum"), ein Porträt seiner Geliebten Marie-Thérèse Walter. Im November 1997 gelangte es bei Christie's in New York zur Versteigerung und erzielte 48,4 Millionen Dollar. Es war nicht das einzige Picasso-Gemälde, das in dieser Auktion den Besitzer wechselte.

Zu den anderen gehörte etwa jene Version von "Les femmes d'Alger", die seit Mai diesen Jahres mit einem Erlös von 179,36 Millionen Dollar an der Spitze der höchsten je versteigerten Kunstwerke steht. Zur Freude des Verkäufers, der 1997 nur 27,84 Millionen Dollar dafür bezahlt hatte.

"Mr. Flottls" Fehlspekulationen

Ein wahrhaft stattlicher Gewinn, der allerdings weder Wolfgang Flöttl noch der Bawag vergönnt sein sollte. Die Fehlspekulationen des österreichischen Investmentbankers hatten der heimischen Bank ein Bilanzloch von fast einer Milliarde Euro an uneinbringlichen Verlusten und an den Rand einer Insolvenz gebracht.

Zur Schadensbegrenzung diente Flöttls Privatvermögen, zu dem auch 78 Kunstwerke gehörten. Darunter Gemälde von Renoir, Manet, Cézanne, Degas, van Gogh und Picasso, etwa auch "Le Rêve". Sie gelangten 1998 in den Besitz der Bank. Der Haken: "Mr. Flottl", wie er in den USA genannt wird, hatte diese Trophäen teils auf Pump erworben, und daher musste die Bawag diese Schulden zuerst tilgen, um die Kunstwerke überhaupt verwerten zu können.

Der Wert dieser Kollektion? Rückblickend dürfte man eine situationselastische Kalkulation gepflogen haben. Statt Profis mit der Schätzung zu beauftragen, blieb man unter sich. Von Flöttl selbst 1998 auf etwa 300 Millionen Dollar geschätzt, stieg der Wert nach einer Besichtigung in einem Depot in Zürich im Beisein der Bawag-Spitze auf 700 Millionen, wie sich später im Zuge des Prozesses herausstellen sollte.

Mit der Realität hatte das wenig gemein, wie die Betroffenen schnell bemerken sollten. Der Ex-Millionär kümmerte sich selbst um den Verkauf der Gemälde, der Erlös wurde nach Wien überwiesen. In Summe sollte der Notverkauf dieser Kollektion am Ende nur umgerechnet rund 193 Millionen Euro bringen.

Das im August 2000 mit 70 Millionen Dollar im Bestand gelistete "Le Rêve" verkaufte Flöttl für 65 Millionen Dollar an Steve Wynn. 2006 schickte sich der US-amerikanische Kasinomagnat an, sich von dem Gemälde zu trennen. Für 139 Millionen wollte er es seinem Freund Steven A. Cohen überlassen. Dazu kam es nicht, denn Wynn rammte unbeabsichtigt seinen Ellenbogen in das Meisterwerk. Der Deal platzte. Vorerst.

Das Bild wurde um 90.000 Dollar restauriert, sein Wert war jedoch laut Experten auf 85 Millionen gesunken. Die Versicherung weigerte sich, für die Differenz (54 Millionen) auf den potenziell möglichen Verkaufspreis aufzukommen, und Wynn zog vor Gericht. Dem Vernehmen nach habe man sich schließlich in einer Größenordnung von 45 Millionen Dollar außergerichtlich geeinigt.

Im Frühjahr 2013 wurde der Deal dann doch vollzogen, und das Porträt der Picasso-Geliebten wechselte für 155 Millionen Dollar in den Besitz Cohens, der einst vom Magazin "Businessweek" als einer der "mächtigsten Aktienhändler an der Wall Street" bezeichnet worden war.

Im November des gleichen Jahres verurteilte das New Yorker Gericht "seinen" Hedgefonds SAC Capital wegen Insiderhandels zur bis dahin höchsten Strafe von 1,8 Milliarden Dollar. Darüber hinaus durften künftig keine Kundengelder mehr verwaltet werden. Das Unternehmen wurde in "Point72 Asset Management" umbenannt und arbeitet nur mehr mit eigenem Kapital. Und hier kommt nun Steven A. Cohens legendäre Kunstsammlung zum Zug, die ihm als Sicherheit für Kredite (unter anderem bei Goldman Sachs) dient – wohl auch, um Spielgeld zu lukrieren.

Der Multimilliardär (2015: zwölf Milliarden Dollar, Platz 109 auf der "Forbes"-Liste der reichsten Menschen der Welt) leistete sich im Laufe der Jahre einige Kaliber: 2005 etwa das "Porträt einer jungen Bäuerin" von Vincent van Gogh und Paul Gauguins "Tahitianische Familie", die er für 100 Millionen Dollar von Steven Wynn erwarb. Im Jahr darauf bezahlte er dem Musik- und Filmproduzenten David Geffen für Willem de Koonings "Woman III" kolportierte 137,5 Millionen Dollar.

"Neue Dienstleister"

Der Wert seiner Sammlung wird auf etwa eine Milliarde Dollar beziffert. Zu den jüngsten Erwerbungen Steven A. Cohens gehört etwa Alberto Giacomettis Skulptur "L'homme au doigt" (1947, Ed. 6/6), die er bei Christie's im Mai für 141,28 Millionen Dollar ersteigerte. Zeitgleich hatte er bei dieser Auktion ein anderes Werk verkauft, konkret Jean Dubuffets "Paris Polka", das mit 24,8 Millionen Dollar als neuer Künstlerweltrekord notiert.

Auch bei den November-Auktionen standen Werke aus Cohens Fundus im Angebot: Lucio Fontanas kreischgelbes "Concetto spaziale, La fine di Dio" aus dem Jahr 1964 erzielte bei Christie's mit 29,17 Millionen Dollar den neuen Auktionsrekord für den Künstler; für Andy Warhols "Mao" fiel der Hammer bei Sotheby's wiederum bei 47,51 Millionen Dollar.

Ob er diese Erlöse demnächst für Fondsspielereien nützt oder bereits in neue Kunstwerke investiert hat, ist angesichts der Option auf neue Kredite quasi unerheblich. Vor kurzem wurde bekannt, dass auch Cohens Freund Steve Wynn 59 seiner hochkarätigen Kunstwerke gegen ein Darlehen der Bank of America"verpfändete", dazu gehört etwa das erst im Mai bei Sotheby's für 18 Millionen Dollar ersteigerte "Number 12" von Jackson Pollock. Dem Vernehmen nach soll es um ein Volumen von insgesamt etwa 200 Millionen Dollar gehen.

Gesichert ist, dass diese Art der Besicherung von Krediten unter Milliardären längst salonfähig und ein lukratives Geschäftssegment für Anbieter geworden ist, die ein enormes Wachstum prognostizieren. Anfang Oktober betrat ein neues Unternehmen die Bühne des Geschehens: Die von Carlyle und Pictet gegründete Athena Art Finance wird, wie Olivier Sarkozy, ein französischer Banker und Halbbruder des französischen Ex-Präsidenten, verlautbarte, sowohl kurz- (sechs Monate) als auch mittelfristige (sieben Jahre) Kredite im Wertumfang von einer Milliarde Euro offerieren. (Olga Kronsteiner, Portfolio, 22.12.2015)

  • 155 Millionen Dollar: Picasso, "Le Rêve": Einst war das Gemälde im Besitz von Wolfgang Flöttl. 2013 erwarb es Steven A. Cohen (155 Mio. Dollar),  dem es nun als Pfand dient.
    foto: reuters / christie's

    155 Millionen Dollar: Picasso, "Le Rêve": Einst war das Gemälde im Besitz von Wolfgang Flöttl. 2013 erwarb es Steven A. Cohen (155 Mio. Dollar), dem es nun als Pfand dient.

  • 141,28 Millionen Dollar: Im Mai ersteigerte Hedgefondsmanager Steven A. Cohen Alberto Giacomettis Skulptur "L'homme au doigt" für seine Sammlung.
    foto: reuters / darren ornitz

    141,28 Millionen Dollar: Im Mai ersteigerte Hedgefondsmanager Steven A. Cohen Alberto Giacomettis Skulptur "L'homme au doigt" für seine Sammlung.

  • 29,17 Millionen Dollar: Im November erzielte Lucio Fontanas "Concetto spaziale, La fine di Dio" aus dem Besitz Cohens  mit 29,17 Millionen Dollar den neuen Künstlerrekord.
    foto: christie's

    29,17 Millionen Dollar: Im November erzielte Lucio Fontanas "Concetto spaziale, La fine di Dio" aus dem Besitz Cohens mit 29,17 Millionen Dollar den neuen Künstlerrekord.

  • 18 Millionen Dollar ... ließ sich Steven Wynn im Mai Jackson Pollocks "Number 12" kosten. Nun dient es zusammen mit  anderen Gemälden zur Besicherung eines Kredits der Bank of America.
    foto: sotheby's

    18 Millionen Dollar ... ließ sich Steven Wynn im Mai Jackson Pollocks "Number 12" kosten. Nun dient es zusammen mit anderen Gemälden zur Besicherung eines Kredits der Bank of America.

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