Deutschland: Eine sichere Bank

2. Dezember 2015, 09:00
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Experten empfehlen deutsche Aktien als solide Investition – und das trotz des Skandals bei Volkswagen

Es war ein Schock. Als im September die Abgasmanipulationen bei Volkswagen bekannt wurden, stürzte die Aktie – eigentlich ein Schwergewicht im Dax – um 20 Prozent ab. Durch die Kursverluste schmolz der Börsenwert des Wolfsburger Unternehmens vorübergehend, über Stamm- und Vorzugsaktien gerechnet, um insgesamt 15 Milliarden Euro. Das Papier erholte sich wieder, aber so etwas hatten Börsianer lange nicht erlebt.

Sogleich folgte die Sorge, dass das Image der Marke "Made in Germany" so sehr beschädigt sein könnte, dass sich dies auch langfristig auf den Aktienmarkt auswirken würde. Marco Bargel, Chefvolkswirt der Postbank, sieht diese Gefahr nicht. "Wenn Volkswagen die Schäden behebt, eine positive Lösung findet und saubere Motoren entwickelt, dann glaube ich nicht, dass Kratzer am Image bleiben", sagt er.

Christian Ohswald, der Wealth-Management-Leiter der Deutschen Bank in Österreich, sieht es ähnlich und wirft dabei gleich einen Blick auf das ganze Land: "Dass es eine gewisse Betroffenheit gibt, ist klar. Aber es herrscht auch eine so starke positive Assoziation mit Deutschland, dass keine Auswirkungen zu erwarten sind. Es gibt kaum ein Land, das mittel- und langfristig besser aus einer Bedrohung eine Chance macht. Industrie und Mittelstand sind gut aufgestellt. Die Arbeitskräfte sind gut ausgebildet, die politischen Verhältnisse stabil, und die Arbeitslosigkeit ist niedrig."

Auch die Konjunkturprognosen für Deutschland waren schon schlechter. Sie liegen – mit Blick auf das Jahr 2016 – bei 1,8 Prozent Wachstum für das BIP (Prognose der Bundesregierung), bei 1,9 Prozent (EU-Kommission, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) oder zwei Prozent (OECD, Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung).

Dennoch mahnt der Sachverständigenrat, der die deutsche Regierung berät, zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. "Durch die Flüchtlingsmigration ist es noch wichtiger geworden, die Zukunftsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft durch geeignete Rahmenbedingungen zu gewährleisten", sagt der Vorsitzende des Gremiums, Christoph Schmidt.

Es gebe in Deutschland zu wenig Firmengründungen, außerdem hinke das Land bei der Digitalisierung hinterher. "Wir sollten mehr investieren, wir sollten nicht nur konsumieren", mahnt auch EU-Digitalkommissar Günther Oettinger.

Historisch niedriges Zinsniveau

Experten sehen natürlich auch noch aufgrund der niedrigen Zinsniveaus Vorteile im Aktieninvestment. "Wir haben historisch niedrige Zinsen definitiv auch im nächsten Jahr", sagt Ohswald. Für viele ist daher nicht nachvollziehbar, warum die Deutschen selber nicht öfter bei ihren eigenen Unternehmen zugreifen.

Nur sieben Prozent des Vermögens in Deutschland liegt laut dem Deutschen Aktieninstitut (DAI) in Aktien. Eine DAI-Studie zeigt, dass 74 Prozent der Deutschen nicht in Aktien investieren wollen, weil sie glauben, es brauche dazu spezielle wirtschaftliche Vorkenntnisse. 55 Prozent sind der Ansicht, in Wertpapiere zu investieren sei bei kleinen Beträgen nicht sinnvoll. 44 Prozent halten Aktien für "riskant".

Bargel glaubt allerdings, dass die anhaltend niedrigen Zinsen jetzt auch bei den Deutschen das Interesse langsam, aber sicher steigen lassen wird, zumal "die Dividendenrendite nicht unerheblich ist" und deutsche Aktien nicht zu den teuersten gehören. Ohswald hat bezüglich Aktienkultur eine Forderung an die Politik: "Das wäre ein Ausbildungsthema." Denn: "Wie in Wirtschaft investiert wird, ist vielen jungen Menschen unbekannt – auch das Investment in Aktien." (Birgit Baumann, Portfolio, 2.12.2015)

  • Rauf und runter – der Dax mag es turbulent.
    foto: afp / frank rumpenhorst

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