Gutachter: Folteropfer Bakary J. wurde unzureichend behandelt

26. November 2015, 13:00
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Im Amtshaftungsverfahren geht es um die Entschädigung des gebürtigen Gambiers

Wien – Der im April 2006 nach einem gescheiterten Abschiebeversuch von Wega-Polizisten in einer Wiener Lagerhalle schwer misshandelte Bakary J. wurde unmittelbar nach der erlittenen Folter nicht lege artis behandelt und außerdem von zwei gerichtsmedizinischen Sachverständigen unzureichend begutachtet. Das ist am Donnerstag im Amtshaftungsverfahren gegen die Republik zutage gekommen.

Der gebürtige Gambier und seine Rechtsvertreter Susanne Kurtev und Nikolaus Rast halten die 110.000 Euro für nicht ausreichend, die die Finanzprokuratur dem mittlerweile 42-Jährigen zwecks finanzieller Wiedergutmachung bisher überwiesen hat. Sie machen daher am Wiener Landesgericht für Zivilrechtssachen (ZRS) weitere 384.000 Euro Entschädigung geltend. Außerdem verlangen sie eine monatliche Rente von 1.000 Euro sowie die Feststellung, dass die Republik auch für allfällige zukünftige Folgen haftet.

Bruch des hinteren Gesichtsschädels

In dem Zivilverfahren wurde am Donnerstag zunächst der zum Sachverständigen bestellte Unfallchirurg Georg Rappold gehört. Der ließ mit der Feststellung aufhorchen, dass bei der Behandlung des von mehreren Wega-Beamten verletzten Bakary J. einer "Verschattung" der rechtsseitigen Kieferregion nicht die nötige Beachtung geschenkt wurde.

Diese hätte als "indirektes Hinweiszeichen" auf einen komplexen Bruch des rechtsseitigen hinteren Gesichtsschädels hingedeutet. "Allenfalls hätte eine stationäre Aufnahme zur Schmerzbehandlung erfolgen müssen", sagte Rappold. Und weiter: "Durch die Computertomografie hätte das Verletzungsausmaß eigentlich erkannt werden müssen."

Vorwürfe gegen Gerichtsmediziner

Vorwürfe erhob Rappold auch gegen zwei renommierte Gerichtsmediziner, die in dem Fall Gutachten gelegt und die Schmerzperioden beurteilt hatten, die Basis für Schadenersatzansprüche bei erlittenen Körperverletzungen sind. Die beiden hätten sich "nicht alle Röntgenbilder exakt genug angeschaut", befand der Unfallchirurg. Außerdem hätten sie nicht die gesamte Krankengeschichte eingeholt, womit es an "geeigneten Grundlagen" für ihre Expertisen mangle.

Es sei "keine Vergleichbarkeit, keine Nachvollziehbarkeit gegeben", so Rappold. Die Folgen: Die Gerichtsmediziner hätten zu kurze Schmerzperioden berechnet, wobei der Sachverständige anmerkte, dass solche grundsätzlich nicht von Gerichtsmedizinern beurteilt werden sollten, da das nicht in ihrem Fachbereich liege.

Auf den Einwurf, dass sich laut Aktenlage einer der beiden Gerichtsmediziner die Ergebnisse der Computertomografie und einer Magnetresonanztomografie beschafft hatte und diese in sein Gutachten einfließen ließ, bemerkte Rappold: "Dann vermag er die nicht korrekt zu beurteilen." Für den Unfallchirurgen steht fest, dass Bakary J. infolge der polizeilichen Tortur an einer chronisch degenerativen Veränderung der Halswirbelsäule leidet und die Schmerzperioden daher großzügiger auszulegen sind.

"Mein Zustand ist chronisch krank"

"Mein Zustand ist chronisch krank", meinte Bakary J. im Justizpalast zu seinem gesundheitlichen Befinden. Im Detail zählte er Richterin Julia Kömürcü-Spielbüchler die Schmerzmittel und sonstigen Medikamente auf, auf die er infolge der erlittenen Polizeigewalt täglich angewiesen sei. Er habe "Angst, Depressionen, und es tut mir körperlich weh an der Wirbelsäule".

Schmerzbedingt sei er mehrfach im Badezimmer kollabiert. Panikattacken und Flashbacks würden ihm zu schaffen machen, "aber ich kann nicht 24 Stunden Medikamente nehmen". Er befinde sich seit den Misshandlungen in psychotherapeutischer Behandlung. Mit diesen Voraussetzungen sei es "sehr schwierig, einen Job zu finden, der zu meinen körperlichen Einschränkungen passt".

Am Nachmittag sollte in der Verhandlung die Frage behandelt werden, ob Bakary J. an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Mehrere mit diesem Fall befassten Psychiater – darunter ein von der Finanzprokuratur beigezogener Gutachter – hatten das bejaht. Der im Amtshaftungsverfahren zum Sachverständigen bestellte Norbert Loimer, Facharzt für Psychiatrie, psychotherapeutische Medizin und Neurologie, kam allerdings zu dem Schluss, dass keine Traumatisierung vorliegt. Loimer ist zur Verhandlung am Donnerstag geladen.

Anwesend waren auch die Rechtsvertreter der vier Polizisten, die Bakary J. misshandelt beziehungsweise dabei zugesehen hatten und die dafür vom Wiener Straflandesgericht wegen Quälens eines Gefangenen äußerst mild behandelt wurden. Sie kamen mit Bewährungsstrafen davon, wobei die drei unmittelbaren Täter jeweils acht Monate, ihr untätig gebliebener Kollege sechs Monate erhielt. Der "Aufpasser" ist weiter im Polizeidienst tätig, die anderen Polizisten wurden spät, aber doch entlassen. Ein Antrag auf Wiederaufnahme ihres Strafverfahrens wurde im vergangenen August abgewiesen. (APA, 26.11.2015)

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