Tote in Schlepper-Lkw: 69 von 71 Opfern identifiziert

26. November 2015, 11:40
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Menschen kamen aus dem Irak, Afghanistan, Syrien und dem Iran

Eisenstadt – Hans Peter Doskozil wäre nicht Hans Peter Doskozil, hätte er sich darauf beschränkt, ein Resümee aus bloß polizeilicher Sicht zu ziehen. Dabei gäbe es Grund genug für den burgenländischen Polizeidirektor – der in den vergangenen drei Monaten zu einer europaweit beachteten Figur gewachsen ist –, das zu tun.

Denn der unfassbare Fall der 71 toten Flüchtlinge, die am 27. August bei Parndorf in einem abgestellten Kühl-Lkw entdeckt worden sind, konnte innerhalb kürzester Zeit gerichtsfähig gemacht werden: Fünf Männer sind in Haft, ihnen wird in Ungarn der Prozess gemacht werden, und es wird wohl einer sein, der sich um eine Mordanklage dreht.

69 der 71 Menschen, die, zusammengepfercht auf luftdichten 14 Quadratmetern, erstickt und "in sich zusammengesackt sind" (Eisenstadts Oberstaatsanwalt Johann Fuchs), konnten eindeutig identifiziert werden. Bei einem weiteren Toten gebe es eine berechtigte Hoffnung. Ein Toter wird wohl unbekannt bleiben. "Aber grundsätzlich", so Hans Peter Doskozil, "haben wir den Toten ein Gesicht gegeben."

Drei Familien unter den Opfern

Acht Frauen waren unter den Toten, 63 Männer, sechs Tote waren jünger als 16 Jahre. Im Lkw befand sich, auch das konnte herausgefunden werden, eine sechsköpfige Familie aus Afghanistan: Vater und Mutter mit drei Kindern und einem Cousin. Auch zwei Familien aus Afghanistan und Syrien erstickten.

21 Tote kamen aus Afghanistan, 29 aus dem Irak, 15 aus Syrien und fünf aus dem Iran. Die Kooperation mit den Behörden in Afghanistan und dem Irak sei hervorragend gewesen, auch die in den syrischen Kurdengebieten. So konnten auch Überführungen der Leichname organisiert werden; 15 Opfer wurden im islamischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs bestattet.

Hans Peter Doskozil hätte also Grund genug gehabt, diese durchaus – ja sehr – erfolgreiche Bilanz zu referieren und jenen "ermittlungstechnischen Schlussstrich", von dem er gesprochen hat, selbstzufriedener zu ziehen. Aber das hätte, meint der burgenländische Polizeidirektor, ums Entscheidende zu kurz gegriffen. Ums Politische nämlich.

Zwischen dem 27. August, als der Leichen-Lkw in einer Parkbucht auf der A4 bei Parndorf geöffnet worden ist, und der Nacht vom 4. auf den 5. September, als Ungarn erstmals massiv Flüchtlinge nach Nickelsdorf geschickt hat, habe sich die Flüchtlingspolitik nicht nur im Burgenland verändert, sondern auch europaweit. Es war also gewissermaßen der Turning Point.

Wunsch an den Hinterkopf

"Der 27. August ist ein symbolisches Datum", sagte Doskozil, dem es zuweilen ein wenig eng wurde und weiterhin wird im Uniformrock des Landespolizeidirektors, "und ich hoffe, dass man das immer im Hinterkopf behält, unter welchem Druck Menschen in so ein Fahrzeug gestiegen sind." Und dieser Hinterkopf solle stets dann aktiviert werden, wenn "salopp über Wirtschaftsflüchtlinge" gesprochen werde.

Und also sprach Hans Peter Doskozil: "Ich wünsche mir, dass dieser Vorfall auch unter diesem Aspekt in der Zukunft in den Köpfen der Menschen und auch in den Köpfen der Entscheidungsträger erhalten bleibt." (Wolfgang Weisgram, 26.11.2015)

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