Streikende Ärzte: Kaum Auswirkung auf Sterberate

26. November 2015, 05:30
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Studie über Streiks in Spitälern: Zahl der verstorbenen Patienten erhöht sich dadurch nicht

Die Arbeitswelt ist rauer geworden, zumindest die steigende Anzahl von Streiks lässt diesen Schluss zu: So führten etwa in Deutschland im Jahr 2014 insgesamt 214 Konflikte zur kollektiven Arbeitsverweigerung, zehn Jahre davor waren es weniger als 60 gewesen. Die Auswirkungen dieser gewerkschaftlichen Maßnahme treffen nicht nur Firmenchefs und Unternehmen, sondern auch die Zivilbevölkerung: Züge stehen still, Flugzeuge heben nicht ab, Kindergärten bleiben geschlossen.

Ein besonders wunder Punkt: das Gesundheitswesen. In Großbritannien legten im Oktober 2014 rund 400.000 Mitarbeiter des National Health Service (NHS) für vier Stunden die Arbeit nieder. Das Personal protestierte damit gegen die Entscheidung der Regierung, eine nach zwei Jahren fällige Gehaltserhöhung um ein Prozent zu streichen. Krankenschwestern und -pfleger, Hebammen und Rettungspersonal leisteten nur mehr "Dienst nach Vorschrift", tausende Operationen wurden abgesagt.

Keine Zunahme der Sterbefälle

Wissenschafter der Harvard Medical School und der Brigham Frauenklinik in Boston (USA) untersuchten nun die Auswirkungen von Streiks des Krankenhauspersonals auf die Patienten. Dazu wurden Studien und systematische Übersichtsarbeiten zu diesem Thema durchforstet – angefangen vom Ärztestreik in Los Angeles im Jahr 1976 und den vier Monate dauernden Arbeitskampf von Medizinern in Jerusalem 1983 bis hin zur neuntägigen Arbeitsniederlegung von Assistenzärzten in Spanien 1999. Das Ergebnis: In sämtlichen Fällen stagnierte oder sank die Todesrate während der Streikmaßnahmen.

"Wichtig ist, dass während des Streiks die Notfallversorgung aufrecht erhalten bleibt", lautet die Conclusio der Forscher. Mitunter verbessert sich sogar die Behandlung von Notfallpatienten während des "Ausnahmezustandes", wie der Streik in Spanien im Jahr 1999 gezeigt hat: Schließlich wurden in der Notaufnahme die Assistenzärzte durch weitere Oberärzte ersetzt.

Auf die Notfallversorgung kommt es an

Arbeitsrechtliche Kampfmaßnahmen im Gesundheitswesen können die Patientensicherheit dennoch gefährden, wie der 20-tägige Streik in Südafrika im Jahr 2010 zeigte. "Das war der einzige Fall, in dem eine erhöhte Mortalität mit den Streikaktionen assoziiert war", schreiben die Wissenschafter in ihrer Analyse. Denn hier wurde auch die Behandlung von Akutpatienten weitgehend außer Kraft gesetzt. Für die 5,5 Millionen Einwohner blieb nur ein Krankenhaus geöffnet.

Die Empfehlung der Forscher: Das Krankenhauspersonal sollte seine Streikmaßnahmen so organisieren, dass die Patientensicherheit nicht gefährdet wird. Dazu zählt vor allem eine reibungslose Notfallversorgung. (gueb, 26.11.2015)

  • Die Sterbefälle erhöhen sich nicht, wenn Ärzte streiken, ergab eine wissenschaftliche Analyse – vorausgesetzt, die Notfallversorgung bleibt aufrecht.
    foto: ap / hermann j. knippertz

    Die Sterbefälle erhöhen sich nicht, wenn Ärzte streiken, ergab eine wissenschaftliche Analyse – vorausgesetzt, die Notfallversorgung bleibt aufrecht.

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