Pädagoge: Videospiele machen weder clever noch gewalttätig

25. November 2015, 11:02
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Konstantin Mitgutsch: "Den typischen Spieler gibt es nicht"

Von Gewalt bis Realitätsverlust – Computerspielen werden viele negative Konsequenzen zugeschrieben. Jugendliche können aber auch einen positiven Nutzen aus den Spielen ziehen. "In Zeiten der digitalen Vernetzung spielen viele Jugendliche, weil sich eine soziale Gemeinschaft dahinter verbirgt und sie genau das suchen", sagte der Medienpädagoge Konstantin Mitgutsch im APA-Interview.

"Man neigt leicht dazu, von 'dem' Spieler zu sprechen. Den typischen Spieler gibt es aber nicht. Es ist immer eine spezifische Person mit eigenen Wünschen, Ängsten und Werten", betonte Mitgutsch, der als Autor und Spielentwickler auf dem Gebiet der pädagogischen Lerntheorie sowie der Computerspielforschung tätig ist. Das Spielverhalten passe sich den aktuellen Bedürfnissen der Jugendlichen an. "Die virtuellen Welten sind für Erwachsene oft unzugänglich und unverständlich. Aber Computerspiele zu spielen ist auf jeden Fall besser als Bedürfnisse beispielsweise durch Drogen oder Gewalt zu stillen", betonte er.

Gute Herausforderung

Positiv für die Persönlichkeit der Jugendlichen sei auch die Herausforderung in einem fiktiven, virtuellen Raum. "Man muss herausfinden und lernen, wie man sich dort zurechtfindet. So bekommt man die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen, neue Kulturen kennenzulernen, bei Simulationen in Rollen zu schlüpfen und Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen", sagte der Medienpädagoge. Es gebe viele Möglichkeiten, durch diese Spiele zu lernen, aber "sie machen weder clever noch gewalttätig".

Obwohl virtuelle Spieleräume oft mit jugendlichen Amokläufern in Verbindung gebracht würden, sei dies keine große Problematik. "Das sind Fehlinterpretationen von Spielen, die selten stattfinden. Schwierig ist aber der Umgang der Spielenden untereinander durch die 'Hate speech' (Hass-Sprache, Anm.)". Hier würden oftmals unbedacht rassistische und sexistische Äußerungen verwendet. "Es kommt einem während des Spiels nicht so schlimm vor, aber es gibt doch einen gewissen Druck, diese Umgangsformen mitzumachen – auch wenn sie nicht dem eigenen Werterahmen entsprechen", erklärte Mitgutsch.

Natürliche Flucht

Dass sich Jugendliche zunehmend in virtuelle Welten wie Online-Spiele oder soziale Netzwerke flüchten, sieht der Experte als natürlich an. "Jeder, der in der Pubertät war, weiß wie groß der Wunsch ist, einfach einmal aus einer Welt von Leistungsdruck und Schönheitsidealen auszusteigen. Es ist ein wichtiges und normales Bedürfnis, in eine andere Welt hinein zu gehen, die nach einer anderen Logik funktioniert und in der ich ein Superstar sein kann." Bei Computerspielen könnten sich Jugendliche schon einmal zwei bis drei Wochen in ein Spiel vertiefen ohne gefährdet zu sein. "Wenn die Eltern aber das Gefühl haben, dass das Kind die Kontrolle verloren hat, dann sollte man sich an Profis wenden", sagte Mitgutsch. (APA, 25.11.2015))

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    foto: reuters/kai pfaffenbach
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