Großbritannien: Kampf gegen islamistische Radikalisierung an Unis

25. November 2015, 09:58
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An britischen Unis gelten seit September neue Präventionsprogramme

London/Wien – An diesem Bild und Video ist man im August 2014 kaum vorbeigekommen: Der amerikanische Journalist James Foley kniet in orangefarbenem Sträflingsanzug in der Wüste, hinter ihm steht ein vollmaskierter Mann mit gezücktem Messer. Ein paar Minuten später ist Foley tot, sein mutmaßlicher Mörder: der Jihadist Mohammed Emwazi, Anhänger der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS).

Emwazi, auch bekannt als "Jihadi John", ist in London aufgewachsen und studierte an der University of Westminster Informatik. Kurz vor den Anschlägen in Paris am vergangenen Wochenende soll der Extremist bei einem Angriff der amerikanischen Luftwaffe getötet worden sein. Belege dafür, dass Emwazi an der Uni radikalisiert wurde, gibt es nicht – lediglich Vermutungen.

"Es gibt keine Zweifel, dass Universitäten schon immer ein Nährboden für radikale Gedanken waren", schrieb Terrorismusexperte Peter Neumann in einer Studie für die Europäische Kommission im Jahr 2008. Seither hat sich die Situation an Unis nicht verändert. Damit künftig Radikalisierung an Unis möglichst früh erkannt werden kann, wurde in Großbritannien das Antiterrorgesetz mittels einer Novelle, die im September in Kraft trat, auf Bildungseinrichtungen ausgeweitet.

Studierende beobachten

Diese verpflichtet Unis dazu, mit der Regierung zusammenzuarbeiten, um Radikalisierung zu vermeiden, etwa indem sie Gastsprecher beobachten oder Daten über Studierende übermitteln, die "gefährdet sind, in den Terrorismus hineingezogen zu werden", heißt es im Gesetzestext. Die National Union of Students (NUS), die britische Studierendenvertretung, steht dem kritisch gegenüber: "Das ist ein Rezept für Extremismus, nicht dagegen", heißt in einem Statement. Das Gesetz würde an den Unis eine "Kultur des Misstrauens und der Überwachung" schaffen. Zusätzlich schränke es die Meinungsfreiheit ein und verstärke Islamophobie und Racial Profiling. Prävention sei wichtig, aber nicht mit diesem Gesetz, so die NUS, die mit der Initiative "Students not Suspects" zum Boykott aufrief.

Besonders in Großbritannien sind unter IS-Anhängern viele Studierende. Eine mögliche Erklärung dafür sieht Thomas Schmidinger, Politikwissenschafter und Jihadismusexperte der Uni Wien, darin, dass es dort viele Studierende mit muslimischem Background gibt, wobei er betont: "Man muss keinen muslimischen Hintergrund haben, um sich für Jihadismus zu begeistern. Es sind auch viele Konvertiten darunter." Die Biografien der Anhänger seien sehr unterschiedlich, gemeinsam haben diese, "dass sie sich von der Gesellschaft entfremdet fühlen und nach einer alternativen Zugehörigkeit suchen."

Orientierungslosigkeit

Das könne auch bei Studierenden der Fall sein, die von den Eltern wegziehen, in eine neue Stadt kommen oder sich an der Uni orientierungslos fühlen. Rassismus, zerrüttete Familienverhältnisse und psychische Störungen können ebenfalls Ursachen für Radikalisierung sein. Und diese passiert auch in Bibliotheken, Mensen oder Seminarräumen: "Orte, wo sich Menschen treffen, sind immer auch Orte, wo islamistische Rekrutierer Leute ansprechen", sagt Schmidinger. Ihm sei bisher kein österreichischer Fall eines Studierenden bekannt, der im Studium an die jihadistische Szene angedockt hat, allerdings lasse sich diese "Gefahr nicht völlig ausschließen".

Auch beobachtet Schmidinger, dass der IS zunehmend versuche Leute anzusprechen, die keine "klassischen Bildungsverlierer sind". In den vergangenen Monaten seien verstärkt Facharbeiter und Ärzte angeworben worden. "Je länger sich der IS verfestigen kann, desto größer ist die Gefahr, dass er wie ein Staat funktioniert. Und dieser braucht nicht nur Militär, sondern auch Akademiker." Dass der IS deshalb einen großen Zustrom an Akademikern bekommt, glaubt er aber nicht: "Ohne die psychische Voraussetzung, sich zu fanatisieren, wird man nicht zum IS-Anhänger."

Die Anschläge in Paris haben für Schmidinger kaum Auswirkungen auf die Rekrutierungen: "Bei Erfolg gibt es Zulauf, aber derzeit sind die Anschläge eher Ausdruck des Misserfolgs." (sct, 25.11.2015)

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    foto: ap / emrah gurel
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