Smartwatches: Der Computeruhr einen Sinn geben

26. November 2015, 14:19
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Spätestens mit der Apple Watch rückte eine neue Gerätegattung in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit: die Smartwatch. Aber welchen Zusatznutzen bringen die Computeruhren?

Als Jean-Claude Biver am 9. November 2015 in New York die "Connected" von TAG Heuer vorstellte, entbehrte diese Szene nicht einer gewissen Ironie. Ausgerechnet jener Mann, der sich einst sehr erfolgreich mitten in der größten Krise der Schweizer Uhrenindustrie gegen die batteriebetriebene Quarzuhr – und gegen den vorherrschenden Trend – stemmte, präsentiert eine Smartwatch. "Wir wollen Silicon Valley und Watch Valley miteinander verheiraten", begründet der Uhrenboss des Luxuskonzerns LVMH, zu dem die alteingesessene Marke TAG Heuer gehört, diesen Schritt.

foto: tag heuer
Die "Connected" von TAG Heuer

Das Urgestein der traditionellen Uhrenschweiz bereitet also dem Urenkel der Quarzuhr den Weg. Und das mit mächtigen Partnern an seiner Seite: Intel liefert die Chip-Power, Google stellt mit Android Wear die passende Software zur Verfügung, die auch iPhone-Besitzer nicht ausschließt.

Hässlich und sinnlos

In Expertenkreisen wird der Lancierung der "Connected" große Bedeutung beigemessen: Zum ersten Mal geht eine eidgenössische Luxusuhrenmarke eine Kooperation mit zwei IT-Giganten ein, um eine Computeruhr auf den Markt zu bringen. Das wird als wichtiger Schritt für die weitere Evolution der Smartwatch gewertet.

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Die neueste Smartwatch von Samsung heißt "Gear S2"

"TAG Heuer könnte es schaffen, dass die ,Connected‘ – und damit die Smartwatch überhaupt – zu einem begehrenswerten Accessoire wird. Das könnte diesem neuen Gerätetypus zum Durchbruch verhelfen", argumentiert zum Beispiel Samuel Gibbs, der sich beim englischen Guardian schon länger mit dem Thema auseinandersetzt. Schließlich habe die Marke Erfahrung damit: Luxusuhren werden in den wenigsten Fällen nur deswegen gekauft, weil sie die Zeit anzeigen. Da spielen Emotionen mit, Faszination und natürlich Statusdenken.

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Kaum von einer klassischen Uhr zu unterscheiden: Schlicht "Watch" nennt sich die Computeruhr von Huawei.

Warum sollte man sich aber eine Smartwatch kaufen? Gibbs selbst hat die Dinger als "hässlich, teuer" und für den Großteil der Menschheit gar als "sinnlos" bezeichnet. Selbst die Anbieter tun sich noch schwer, die Frage nach dem Zusatznutzen zu beantworten. Sie arbeiten daher an Nutzungsszenarien für diese neue Geräte klasse.

Sie entwerten beispielsweise das Argument, dass für viele Menschen das Handy längst den Zeitmesser am Hand gelenk ersetzt hat, damit: Die Uhr ergänzt das Smartphone. Sie mache es unnötig, das Handy aus der Hosen- oder Handtasche zu nesteln, um die Uhrzeit abzulesen.

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Die "Vivoactive" von Garmin ist für Sportliche.

Folgt man einer Umfrage des amerikanischen Marktforschungsunternehmens Forrester, so hätten es 40 Prozent der Smartphone-Nutzer in den USA satt, ständig ihr Handy aus der Tasche zu fischen. In Europa sind es immerhin 20 Prozent. Diesen Leidgeplagten möchte man zurufen: Dann kauft euch doch eine Uhr!

Zeitanzeige ist Nebensache

Diesen Einwand lässt man aber nicht gelten. Denn, so die Hersteller, man hole das Smartphone auch heraus, um seine Mails zu checken, Nachrichten zu lesen, Wetterprognosen abzurufen, um zu navigieren etc. All das könnte schon die Smartwatch übernehmen. Die Zeitanzeige sei eh nur Nebensache.

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Mit der "Horological Smartwatch" brachte Frédérique Constant als erste Schweizer Luxusuhrenmarke eine Smartwatch heraus. Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal: Sie hat keinen Touchscreen und ist im Wesentlichen eine Quarzuhr.

"Es geht aber nicht nur darum, IT ans Handgelenk zu bringen. Die Smartwatch hilft auch dabei, fit zu bleiben", heißt es bei Samsung. "Gear S2" ist die neueste Com puteruhr des Unternehmens. Megaerfolgreiche Apps wie Runtastic & Co haben es vorgemacht: Menschen lassen sich offensichtlich gerne von Programmen motivieren (und analysieren).

Das Smartphone zeichnet alles auf: Schlafstunden, Schritte, Kilometer, Puls. All das könnten auch die intelligenten Uhren übernehmen, die mit den entsprechenden Sensoren ausgerüstet sind. Die App erstellt dann die Leistungskurve. Noch ist dafür ein Smartphone notwendig, das die Rechenleistung bringt und den Internetzugang ermöglicht. Neuere Geräte wie die "Watch Urbane" von LG sind bereits mit einer schnellen mobilen Datenverbindung (LTE) ausgestattet und benötigen daher kein Handy, um Daten hochzuladen.

Kalifornien dominiert

"Ich persönlich möchte nicht, dass meine Blutdruckwerte auf Servern im Silicon Valley gespeichert sind", sagt Swatch-Group-Chef Nick Hayek. Ein Bedenken, das vermutlich viele teilen. Swatch hat zwar auch eine intelligente Uhr in petto, man weigert sich aber, ganz auf den fahrenden Zug aufzuspringen.

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Die "Watch Urbane" von LG kommt bereits mit LTE.

Datenschutz, Bedienbarkeit, Akkuleistung – egal, die Hersteller sind sich sicher: Man stehe am Anfang einer Lifestyle-Revolution – eines Riesengeschäfts. Aber wer kauft nun dieses Gadget, nur Fitness- und Nachrichtenjunkies? Fest steht: Der Platz am Handgelenk ist wertvoller denn je. Glaubt man den Analysten (und davon gibt es viele), wird sich an dieser Stelle in Zukunft einiges abspielen.

Wearables gehört die Zukunft

Bis 2019 werde die Zahl der jährlich verkauften "Wearables" auf 173,4 Millionen steigen, meinen etwa die Marktforscher von IDC. Sie zählen dazu Geräte mit einer eingeschränkten Nutzung, etwa internetfähige Fitnessarmbänder, und solche mit zahlreichen Funktionen, vor allem Smartwatches. Diese werden bereits 2018 das größere Marktvolumen haben.

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Die Applewatch hat sich in vergleichsweise kurzer Zeit zum Marktführer entwickelt.

Apple wird sein Scherflein dazu beitragen. Bevor der kalifornische Konzern im April die Apple Watch vorstellte, hatten wohl die wenigsten Menschen eine Idee davon, was eine Smartwatch ist. Mit geschätzten 16 Millionen verkauften Stück dominiert der iPhone-Hersteller den Markt. Eine Milliarde Umsatz soll Apple im ersten Verkaufsquartal mit der Smartwatch umgesetzt haben. Kein Flop, aber nach Apple-Maßstäben enttäuschend. Vom iPad etwa verkaufte man drei Millionen Geräte – innerhalb der ersten 80 Tage. (Markus Böhm, RONDO Digital, 26.11.2015)

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