Gazprom: "Ernste Risiken" für Europas Gasversorgung

25. November 2015, 16:06
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Der Energiestreit zwischen Kiew und Moskau geht in die nächste Runde und könnte auch Westeuropa treffen

Kiew/Moskau – Russland hat die Gaslieferungen in die Ukraine eingestellt. Der ukrainische Konzern Naftogas habe die gesamte Gasmenge, die Kiew bezahlt habe, aus dem Pipelinesystem entnommen, sagte Gazprom-Chef Alexej Miller. "Eine neue Vorauszahlung ist nicht eingegangen, daher werden die Lieferungen bis zum Eintreffen neuer Zahlungen von Seiten des ukrainischen Konzerns eingestellt", fügte er hinzu.

Beide Seiten hatten sich erst im September auf Vermittlung der Europäischen Union auf Umfang und Preis der Lieferungen für den laufenden Winter geeinigt. Demnach muss die Ukraine für 1000 Kubikmeter russischen Gases 227,40 Dollar zahlen. Insgesamt hat Russland für 454 Millionen Dollar rund zwei Milliarden Kubikmeter geliefert.

Gasspeicher nicht gefüllt

Ende Oktober wurden dann in der Ukraine die Heizungen angestellt. Die in den unterirdischen Speichern gelagerte Gasmenge hat sich in der Zwischenzeit um 600 Millionen auf 16,48 Milliarden Kubikmeter verringert. Laut Miller braucht die Ukraine mindestens 19 Milliarden Kubikmeter in den Speichern, um selbst durch den Winter zu kommen und den Transit russischen Gases nach Europa sicher stellen zu können. Im Winter 2006 hatte es nach einem ukrainisch-russischen Gasstreit kurzzeitig auch Versorgungsprobleme in Europa gegeben. Miller sprach auch am Mittwoch von "ernsten Risiken" für die Versorgung Westeuropas.

Zehren von Reserven

In Kiew wird wie üblich anders gerechnet als in Moskau: Der Pipelinebetreiber UkrTransgas, Tochter von Naftogas, habe noch nicht alles bekommen, was bezahlt worden sei, teilte der Pressechef des Konzerns Maxim Beljawski am Mittwoch mit. UkrTransgas rechne daher noch auf fünf Millionen Kubikmeter russisches Gas, sagte Beljawski.

Neue Zahlungen wird es hingegen nicht geben. Hatte Energieminister Wladimir Demtschischin Anfang der Woche noch erklärt, Kiew wolle bis Jahresende auf den Zukauf russischen Gases verzichten und so lange von den Speicherreserven zehren, so wurde Ministerpräsident Arseni Jazenjuk noch kategorischer. Er erklärte am Mittwoch gar, die Regierung habe Naftogas "verboten", weiter russisches Gas zu importieren.

Billigere Preise im Westen

Die Russen "haben das verwechselt: Nicht sie haben aufgehört, uns Gas zu liefern, sondern wir haben aufgehört, welches zu kaufen", sagte Jazenjuk. Der Premier begründete das Verbot mit niedrigeren Gaspreisen westlicher Anbieter. Zudem sei der Gasverbrauch in der Ukraine um 20 Prozent zurückgegangen, fügte er hinzu.

"Der Rückgang beim Gasverbrauch hängt weniger mit Energiesparmaßnahmen zusammen als damit, dass die Wirtschaftsleistung der Ukraine eingebrochen ist", sagte Sergey Rozhenko, Moskauer Energieexperte des Ingenieurbüros Arup, dem Standard. Zudem sehe sich Kiew nicht mehr in der Verantwortung, den Gasverbrauch in den von Rebellen beherrschten Regionen Donezk und Luhansk zu finanzieren.

Taschenspielertrick

Seinen Worten nach ist die erklärte Unabhängigkeit der Ukraine von russischer Energie trotzdem nur ein Taschenspielertrick. "Die Ukraine bezieht russisches Gas einfach über den Umweg aus Europa". Tatsächlich haben in den vergangenen Jahren schon die Reverslieferungen aus der Slowakei und Ungarn deutlich zugenommen. Gazprom hat die Praxis in der Vergangenheit kritisiert und sogar mit Klagen gedroht.

Russland und die Ukraine haben ihre Energiebeziehungen nicht nur beim Gas eingefroren: Nachdem vermutlich ukrainische Nationalisten und Krimtataren mit einem Sprengstoffanschlag die Stromverbindung zur Krim gekappt haben, liegt die Energieversorgung auf der vor von Russland annektierten Halbinsel immer noch weitgehend lahm.

Russlands Präsident Wladimir Putin warf Kiew daraufhin vor, "die Menschen zu drangsalieren". Als Gegenreaktion hat der russische Zoll bereits die Ausfuhr von Koks und Kohle an der ukrainischen Grenze gestoppt. Ladungen, die als Transit für Drittländer gedacht sind, seien von der Maßnahme nicht betroffen, heißt es. (André Ballin, 25.11.2015)

  • Ein Gasverteilzentrum in der Ukraine.
    foto: apa/afp/genya savilov

    Ein Gasverteilzentrum in der Ukraine.

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