Bank Austria kämpft um 4.400 Jobs

24. November 2015, 19:29
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Laut Berechnungen soll der Filialverkauf 4.400 Stellen betreffen, die Reduzierung der Geschäftsstellen rund 1.500. Die Belegschaft geht in Kampfmodus

Wien – Die U-Bahn-Linie U1 gehörte am Dienstagnachmittag der Bank Austria. Rund 2.000 Mitarbeiter der österreichischen Unicredit-Tochter kamen ins Austria Center Vienna angereist, wo für 16.30 Uhr eine Betriebsversammlung angesetzt war. Thema: der Abzug des Osteuropa-Geschäfts nach Mailand und der Verkauf oder die radikale Verkleinerung des Filialgeschäfts.

Die Stimmung der Belegschaft: "Es herrschen Angst, Wut und Betroffenheit, vor allem darüber, dass das Privatkundengeschäft abgestoßen werden soll", so Zentralbetriebsratschef Adolf Lehner vor der Veranstaltung, die dann bis 19 Uhr gedauert hat. Er holte sich in der Versammlung Vorratsbeschlüsse für Abwehrmaßnahmen, Streik inklusive. Laut Gewerkschaft GPA beschloss die Betriebsversammlung einstimmig, es würden "alle weiteren betriebsrätlichen und gewerkschaftlichen Maßnahmen bis hin zum Streik unterstützt".

Cerberus interessiert

Am Vormittag hatte Bankchef Willibald Cernko die Betriebsräte über den Status quo der Pläne informiert. Beim Abzug des Osteuropa-Geschäfts ist man recht zuversichtlich, die Sparte soll zwar bilanztechnisch nach Mailand übersiedeln, die Arbeitsplätze (laut Lehner 500 bis 550) könnten in Wien bleiben. Dafür gebe es Signale aus Mailand, hieß es am Rande der Betriebsversammlung.

Am Filialgeschäft ist Bawag-Aktionär Cerberus interessiert, laut STANDARD-Informationen wollen die Amerikaner eine Mitgift von bis zu 1,6 Milliarden Euro dazu. Sie soll einen Teil der Kosten abfedern, die die Übersiedlung von unkündbaren Bank-Austria-Mitarbeitern in die Bawag mit sich brächte. Die Italiener präferieren den Verkauf der defizitären Retailsparte.

Käme dieser Plan A zustande, wären laut internen Zahlen der Bank Austria (BA) sage und schreibe 4.400 Stellen (Vollzeitäquivalent, FTE) betroffen. Insgesamt hat das Institut derzeit 9.300 Beschäftigte.

Massiver Jobabbau

Cernko ist denn auch gegen den Verkauf, er hat mit seinem Team ein Modell für Filialschließungen erarbeitet. Angeblich hat die BA Umfrageergebnisse in der Lade, wonach bis zu 50 Prozent der Kunden weggingen, sollten sie zur Bawag übersiedelt werden.

Aber auch Plan B (Filialschließungen) hätte radikale Folgen. Laut Wohlinformierten sollen von den rund 220 Filialen 80 bis 100 geschlossen werden, hauptsächlich im Wiener Raum. Das würde rund 1.500 Jobs (FTE) vernichten – Zahlen, die den Mitarbeitern nicht kommuniziert wurden.

Trotzdem steht der Betriebsrat hinter dieser Lösung, er will den Verkauf verhindern. Sollte es zum Filialabbau kommen, wollen die Banker versuchen, ohne betriebsbedingte Kündigungen durchzukommen, wie bei den Abbauprogrammen, die es bereits gab. In Kampfmodus gehen will die Belegschaft, sollte es zu Kündigungen kommen. Da würde sie auch einen Streik nicht ausschließen.

4,2 Milliarden Rückstellungen

Egal, für welche Lösung man sich entscheidet, egal ob mit oder ohne Verkauf des Filialnetzes: Einer der Knackpunkte ist die Beschäftigungsstruktur der Bank, die aus ihrer Zeit als Zentralsparkasse stammt. 33 Prozent aller Mitarbeiter, also rund 3.000, sind definitiv gestellt (de facto unkündbar) und 25 Prozent haben eine Anwartschaft auf eine Administrativpension. Das heißt, sie haben Anspruch auf Pensionszahlungen, wenn sie von der Bank gekündigt werden. Die BA ist in dem Fall Sozialversicherungsträger. Ihre Rückstellungen für die Betriebspensionen betragen 4,2 Milliarden Euro; in die Haftungskette dafür ist die Gemeinde-Wien-nahe AVZ-Stiftung eingebunden, und die Stadt Wien ist Ausfallsbürgin.

Wie man die Bankpensionen – und vor allem auch die Garantien dafür – loswerden könnte, dazu gibt es bereits Ideen. Die Pensionisten und Mitarbeiter mit Anwartschaftsrechten sollen unter den Fittichen der Pensionsversicherungsanstalt PVA landen. Dazu würde der Großteil der Rückstellungen an die PVA übertragen werden, der Rest zwischen Mitarbeitern und BA-Aktionär Unicredit geteilt und ausgezahlt werden. Genau das soll ein Argument sein, mit dem man hofft, die italienische Mutter weich streicheln zu können.

Wie Unicredit-Chef Federico Ghizzoni auf die Vorschläge Cernkos reagieren wird, ist noch ungewiss – gewiss ist aber, dass nun alles blitzschnell gehen wird.

Die Cerberus-Manager sind zurzeit daheim in den USA. Sie feiern Thanksgiving. Derweilen wurde bekannt, dass der in der Bawag fürs Retailgeschäft zuständige Vorstandsdirektor, Wolfgang Klein, seinen Posten aus familiären Gründen räumen wird. (Renate Graber, Günther Strobl, 24.11.2015)

  • Zwischen "Wut und Angst": die Bank-Austria-Belegschaft unter Betriebsratschef Adolf Lehner.
    foto: apa/neubauer

    Zwischen "Wut und Angst": die Bank-Austria-Belegschaft unter Betriebsratschef Adolf Lehner.

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