Bildungsreform: Kein Sieg für Schüler

Userkommentar24. November 2015, 18:36
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Die Schulautonomie soll Konflikte lösen. Doch Bildung darf nicht vom Schulstandort abhängig sein

Vergangenen Dienstag präsentierte die österreichische Bundesregierung ihre Vorstellung der längst überfälligen Bildungsreform. Änderungen wurden unter anderem in den Bereichen Verwaltung, Schulautonomie und Gesamtschule angekündigt. Die Verhandlungen waren bestimmt von den gegensätzlichen Vorstellungen der Mitglieder der Arbeitsgruppe.

Die Gegensatzpaare ÖVP-SPÖ (Stichwort Gesamtschule) und Bund-Länder (Stichwort Schulverwaltung) ließen schon auf ein großes Ausmaß an Kompromisslösungen schließen. Kompromisslösungen, die wieder zu keiner effizienten Verwaltung führen, die wieder nicht das Wohl der Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt stellen, die wieder von den Machtspielen der Landeshauptleute geprägt sind. Kompromisslösungen wie die Gesamtschul-Modellregionen, die dem Konzept einer gemeinsamen Schule zuwiderlaufen. Diese faden Weder-noch-Lösungen versuchten die Verantwortlichen mit einem – scheinbar – konsensualen Ansatzpunkt zu kaschieren, dem Allheilmittel des Bildungssystems, dem Hochwertwort der Bildungspolitik.

Schulautonomie – die Lösung aller Probleme

Dieses Allheilmittel trägt den Namen Schulautonomie. Alle Konflikte, welche die Bildungspolitik der Bundesregierung bestimmen, scheinen von einem Tag auf den anderen gelöst zu sein. Politische Bildung als Pflichtfach muss kein Streitpunkt mehr sein, Schulen können demnächst autonom entscheiden, welche Schwerpunkte sie setzen. Und die Höchstzahl an Schülerinnen und Schülern in einer Klasse ist nicht mehr eine Frage der Finanzierung über den Bund, dieses Problem wird schlicht den einzelnen Schulen angehängt.

Gerade Schülerorganisationen erhofften sich von der angekündigten Schulautonomie für die am stärksten von der Bildungspolitik Betroffenen, die Schülerinnen und Schüler, erhebliche Verbesserungen. Wir glaubten daran, dass durch mehr Schulautonomie vor allem unsere eigenen Mitbestimmungsmöglichkeiten ausgeweitet werden würden. Denn wenn die Schule selbst mehr Entscheidungsmöglichkeiten hätte, könnten auch Schülerinnen und Schüler als Teil der Schulgemeinschaft aktiver diese Schule mitgestalten.

Falsche Vorfreude?

Ja, es steht außer Frage: Autonome Gestaltungsmöglichkeiten sind in vielen Punkten eine Verbesserung. Volksschullehrpersonen können sich die Freiheit nehmen, ihre Schülerinnen und Schüler nicht nach dem veralteten System mit Ziffernnoten zu beurteilen – das ist ein wichtiger Schritt in eine modernere Schule. Der Schulanfang kann mit Rücksicht auf die spezifischen Gegebenheiten des Standorts gelegt werden – auch das bringt mehr Flexibilität in das System. Doch abgesehen von dieser positiven Entwicklung: Die erhoffte vermehrte Mitbestimmung der Einzelnen ist nirgendwo festgehalten.

Es gibt kaum Konzepte, wie Schülerinnen und Schüler ihren Schulalltag aktiv mitgestalten können. Stattdessen wird ihr Wohlergehen von ihrem Wohnort und Schulstandort abhängig. Etwa beim Pflichtfach Politische Bildung und den Gruppengrößen. Denn Politische Bildung verdienen alle, unabhängig davon, welche Schule sie besuchen und ob dort dieses Fach angeboten wird. Dagegen verdient es niemand, in einer überfüllten Klasse zu sitzen, nur weil sich die Regierung nicht zu einer einheitlichen Regelung durchringen konnte.

Bildungsreform als Symptom

Diese Bildungsreform ist kein Sieg für Schülerinnen und Schüler, sie ist keine "Die Kinder haben sich durchgesetzt"-Reform, wie behauptet wurde. Vielmehr ist sie ein Symptom dafür, wie wenig Schülerinnen und Schüler in schulpolitischen Fragen zu sagen haben.

Politische Bildung ist seit Jahrzehnten eine Forderung der Schülervertretungen, niemand hält sie für umsetzungswürdig. Ähnlich ist es bei der Forderung nach einer Direktwahl der landes- und bundesweiten Schülervertretung. Würden einmal Schülerinnen und Schüler gefragt, wohl die meisten würden die Aussage unterschreiben, dass das derzeitige Benotungssystem nicht nur in der Volksschule geändert gehört.

Eines hat diese Reform gezeigt: Parteipolitische Machtspiele stehen wieder einmal über dem Wohlergehen der Schülerinnen und Schüler. Doch Bildungspolitik sollte mit ihnen und nicht über ihre Köpfe hinweg gemacht werden. (Christina Götschhofer, Max Schwarzenbacher, 24.11.2015)

  • Die Bildungsreform ist geprägt von Kompromisslösungen und den Machtspielen der Landeshauptleute.
    foto: apa/helmut fohringer

    Die Bildungsreform ist geprägt von Kompromisslösungen und den Machtspielen der Landeshauptleute.

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