Carolee Schneemann: Die Frau aus dem zerbrochenen Spiegel

24. November 2015, 18:07
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Welche vielfältigen Beziehungen die wegweisende Körperkunst der US-Künstlerin zur Malerei unterhält, davon erzählt eine sehenswerte Retrospektive im Museum der Moderne in Salzburg

Salzburg – Aufgerüttelt tanzen die Pinselstriche um Landschaften oder Körper herum, ohne eine eindeutige Handschrift zu zeigen: Die frühen Gemälde Carolee Schneemanns am Beginn ihrer Retrospektive im Museum der Moderne in Salzburg wirken, wiewohl es unter ihrer Oberfläche brodelt, ein bisschen wie Etüden, brave Annäherungen an die Wildheit der klassischen Avantgarden, aber auch des abstrakten Expressionismus.

Da mag man sich ein bisschen wundern, denn immerhin kennt man Schneemann (geb. 1939) als Pionierin feministischer Performance- und Körperkunst. Bei ihrem Namen denkt man an den Experimentalfilm Fuses (1965), der einen Sexualakt aus der Perspektive einer Katze zeigt. Oder die Performance Interior Scroll (1975/1977), bei der sie eine Schriftrolle aus ihrer Vagina zieht.

Diese Klassiker sind in der Personale zwar eh klar vertreten, aber sie kommen erst später. Sabine Breitwieser, die seit ihrem Antritt als Direktorin des Museums der Moderne (MdM) schon Künstlerinnen wie Ana Mendieta und Andrea Fraser hier auf den Mönchsberg holte, möchte jetzt gemeinsam mit ihrem Kuratorenteam zeigen, wie viel mehr es im OEuvre der US-Amerikanerin Schneemann zu entdecken gibt. Dabei zeichnet die Schau nach, wie sich die Körperkunst aus der Malerei Schneemanns entwickelte.

"Leg den Pinsel weg!"

Die Gemälde am Beginn versetzen zunächst in eine Zeit, in der es eine derart umfangreiche Schau für eine Einzelkünstlerin wohl kaum gegeben hätte. "Leg den Pinsel weg!", habe man immer zu ihr gesagt, erzählt die Künstlerin. "Du bist nur ein Mädchen!" Bei ihrem Studium in New York waren Frauen als Aktmodelle gefragter denn als Künstlerinnen. Ihre frühen Landschaftsbilder wird Schneemann später als "misslungen" bezeichnen.

So steht es im Kommentar zur Installation Up to and including her limits. Diese entstand zwischen 1973 und 1977, als Schneemann sich bereits "körperbetonte Malprozesse", inspiriert etwa von Jackson Pollock, angeeignet hatte: Für Up to ... ließ sie sich an den Füßen aufhängen und bemalte die umliegenden Wände und den Boden mit Buntstiften, soweit es ihre Kräfte zuließen. Die Installation wirkt wie eine Mischung aus strenger Kammer und Kinderzimmer und zehrt förmlich an den Kräften empathischer Betrachter.

Haarknäuel, Spieluhren und gefundene Fotos

Der Weg zu diesem immensen Körpereinsatz führt indes über die Erweiterung der Malerei in die dritte Dimension. "Painting Constructions" nannte Schneemann ihre Assemblagen aus Haarknäueln, Holzstücken, Fotos oder Spieluhren, aber auch aus Scherben zerbrochener Spiegel. In letzteren zeigt sich bereits der Körper: er geistert als Spiegelung der Betrachter durch die Miniaturen.

Ihren realen Körper brachte Schneemann dann etwa mit dem Werkkomplex Eye Body: 36 Transformative Actions for Camera (1963) ein: Die Künstlerin inszenierte sich nackt inmitten monumentaler Assemblagen, präsentiert sich als Objekt und Agierende zugleich, wenn sie sich etwa unter dem metallenen Skelett eines Regenschirms auf farbverschmiertem Holz zusammenkauert – in aller Verletzlichkeit, inmitten der immer wieder auftauchenden, scharfkantigen Scherben.

Magische Leibfreundlichkeit

Diese Fotos bilden den Übergang zu den Choreografien Schneemanns, etwa dem 1964 in Paris uraufgeführten Opus Meat Joy, einer herzerfrischend leibfreundlichen Gruppenperformance. Im MdM nähert man sich diesem Fest der Sinnlichkeit nicht nur im Video, sondern auch in Fotos oder (gemalten) Skizzen. Man meint, die magischen Augenblicke der Leibfreundlichkeit, geschaffen aus der Entgrenzung von Kunst und Leben, in den optimistisch-aktionistischen Choreografien Schneemanns greifen zu können. Dazu trägt die intensive Körperlichkeit, die Nähe der Kamera zu ihren Akteuren, aber auch etwa die Körnung des Filmmaterials bei.

Flange 6rpm nennt sich dann eine zwischen 2011 und 2013 entstandene Arbeit, bei der sich Ensembles von jeweils drei metallenen "Flügerln" vor einer projizierten Feuersbrunst im Kreise drehen: In ihren jüngeren Arbeiten greift Schneemann auch Nachrichtenbilder auf und bedient sich digitaler Medien. Dass diese Arbeiten Schneemanns einen dann aber doch nicht so recht überzeugen wollen, ja fast ein wenig kühl wirken, liegt vielleicht daran, dass einen ihre Körperkunst gar so bestrickt hat. (Roman Gerold, 25.11.2015)

  • Mit den Grenzen zwischen Subjekt und Objekt  kokettiert Carolee Schneemann in ihrer Fotoserie "Eye Body:  36 Transformative Actions for Camera" (1963).
    foto: erró © carolee schneemann, bildrecht, wien, 2015

    Mit den Grenzen zwischen Subjekt und Objekt kokettiert Carolee Schneemann in ihrer Fotoserie "Eye Body: 36 Transformative Actions for Camera" (1963).

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