Ein Deal mit falscher Symbolik

Kommentar der anderen24. November 2015, 17:07
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Staatsräson ohne Fingerspitzengefühl: Während man sich in Paris an den Ausnahmezustand gewöhnt, fragt man sich in Wien, warum Frankreich sein Kulturinstitut an Katar verkauft

Frankreich erlebt gerade eine rasche Umwandlung, nicht nur in eine gute Richtung. Demonstrationsverbote werden verhängt, während Einkaufszentren unbegrenzt offen bleiben. Der Ausnahmezustand wird zur Normalität, die Außenpolitik bleibt aber von wirtschaftlichen Interessen bestimmt. Es gibt nur einige Politiker am linken Rand des Spektrums, die sich trauen, über Saudi-Arabien und Katar zu sprechen. Klar sind die Terroristen der Pariser Anschläge Produkte der misslungenen Integrationskultur Frankreichs und Belgiens, gesteuert allerdings von Sunniten des IS.

Vier Tage vor den Pariser Anschlägen hat die Republik Frankreich das Wiener Palais Clam-Gallas an das sunnitische Katar verkauft. Dieses Wahrzeichen der französischen Kultur, das seit 1952 im Besitz der "Grande Nation" war, wird also Eigentum der Botschaft des Staates Katar. Voll Stolz hat der französische Botschafter Pascal Teixeira da Silva in einer Presseaussendung mitgeteilt, dass der neue Eigentümer des Gebäudes sich dazu verpflichtet hat, "diesem [Palais] seinen alten Glanz mittels einer umfangreichen Renovierung durch österreichische Betriebe, die für ihre sachverständige und professionelle Arbeitsweise bekannt sind, wiederzuverleihen".

Soll es uns trösten zu wissen, dass sie dort im Luxus leben werden? Frankreich hatte schon 2006 das Palais renoviert und das Gebäude in einem guten Zustand hinterlassen. Es wird kolportiert, dass der Käufer eine üppige Summe von 32 Millionen Euro hingeblättert hat. Oder ist die gute Nachricht, dass Katar hier nicht wie im eigenen Land Sklaven beschäftigen wird, wie etwa für die Stadien der Fußball-WM 2020?

Alle in Wien waren gegen diesen Verkauf. Michael Häupl, Michael Haneke oder Elfriede Jelinek sind nur einige Beispiele starker Stimmen. Das Merkwürdigste war vielleicht, dass die zwei sozialistischen Abgeordneten Jean-Yves Le Borgn' und Jean-Yves Leconte, die Franzosen im Ausland vertreten, sich vehement gegen ihren Genossen, den Außenminister Laurent Fabius, geäußert haben. Leconte erklärte sogar: "Ein Kulturinstitut zu opfern und genau an diesem Ort eine Zentralstelle der Terrorismusfinanzierung installieren zu lassen ist reiner Unfug!"

Anscheinend gibt es hier eine "Raison d'État". Ein anderes Zeichen dafür ist die Art und Weise, wie die französische Botschaft mit den Betreibern des Restaurants Flein umgeht, das sich im Park des Palais befindet. Obwohl die Wirte nach österreichischem Mietrecht über einen unbefristeten Mietvertrag verfügen, wollte die Botschaft diesen kündigen. Die Heizung, die im Februar dieses Jahres kaputtging, wollte man auch nicht reparieren – damit das Restaurant selbst schließt? Nun haben sich Gallier (in dem Fall die Österreicher gegen die Franzosen!) über die Sommermonate durchgeschlagen. Ende Oktober haben sie wegen der Kälte schließen müssen, wollen aber im Frühling wieder aufsperren. Könnte es für die neuen Eigentümer unangenehm sein, im Park ein Restaurant zu haben, in dem Schweinefleisch und Alkohol serviert werden?

Der Verkauf des Palais Clam-Gallas könnte in Zusammenhang mit einem Deal vom 4. Mai in Doha passiert sein, als Katar 24 Kampfflugzeuge von Frankreich kaufte. Mit dem aktuellen Ausnahmezustand wird es sicher keine große Aufregung in Paris darüber geben. Aus Wien darf man allerdings noch schreiben, dass der Verkauf des Palais an Katar ein ganz falsches Signal sendet. (Jérôme Segal, 24.11.2015)

Jérôme Segal, Mitarbeiter am Ludwig-Boltzmann-Institut für historische Sozialwissenschaften, Assistenzprofessor an der Universität Paris-Sorbonne.

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